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Für *Mittelmäßige

Keine Enttäuschungen mehr

9. November 2015
Von Jakob Hinze

Jakob aus Hamburg ist Autor bei TONIC

Texte von Jakob
autor@tonic-magazin.de

Jakob Hinze

Richard Yates hatte das Glück nicht gepachtet: Seine Bücher interessierten keinen, mit Alkohol und Nikotin richtete er sich zugrunde, dann kostete ihn eine Routineoperation das Leben. Heute erscheint sein letztes Buch.

Richard Yates

Richard Yates

Mit Cold Spring Harbor wird am 9. November das letzte Mal ein Roman von Richard Yates erscheinen. Dass es sonst mittlerweile alle seine Titel auf Deutsch gibt, hat Yates freilich nicht miterlebt. Vor 23 Jahren starb Yates in Tuscaloosa, Alabama. Er war zwar erst 66, doch bereits ein körperliches Wrack, mittellos und vergessen. Kaum jemand in Amerika, geschweige denn anderswo, las ihn noch. Dann, Ende der neunziger Jahre, begannen die Amerikaner ihn wiederzuentdecken. Seinen Büchern widerfuhr das, was zu Yates' Lebzeiten kaum je geschehen war: hohe Auflagen und begeisterte Kritiken.

Yates' Debüt, Revolutionary Road (Zeiten des Aufruhrs), ist in der Reihe „Manesse Bibliothek der Weltliteratur“ erschienen, und das macht einem zu Recht Angst. „Wenn lesen, dann erlesen“, der Slogan des Verlages, kann mindestens so sehr als Drohung wie als Versprechen verstanden werden. Hier erscheinen sonst die richtig harten Brocken, Kaliber wie Tolstoi, Proust und Wolfe. Bücher, die man im Schweiße seines Angesichts von vorne nach hinten durchackert und mit einem Gefühl ins Regal zurückstellt, mit dem Leute früher die Köpfe erlegter Wildtiere an ihren Wänden festgenagelt haben. In diese Reihe, diese Gewichtsklasse gehört also auch Yates – und tut es zugleich überhaupt nicht.

Schändliche Existenz

Geboren 1926, gehört Yates zu einer Generation von Amerikanern, die als junge Männer im Zweiten Weltkrieg kämpften, versehrt in ihre Heimat zurückkehrten, bei der Bewältigung ihrer Erlebnisse aber kaum auf Verständnis oder gar Hilfe hoffen konnten. Mit nur 22 Jahren heiratete Yates, war bald zweifacher Vater. Er war launisch, labil, unzufrieden mit seinem Bürojob und oft betrunken. Seine Ehe ging in die Brüche, und Yates trank noch mehr. War sein erster Roman noch ein großer Erfolg gewesen, wurde der zweite schlecht rezensiert, und ab dem dritten schenkte ihm die Öffentlichkeit nur noch wenig Beachtung. Die kleinen Erfolge – das 1976 erschienene Easter Parade verhalf ihm kurzzeitig zu einem literarischen Comeback – dürften gerade gereicht haben, um die eigene Lage nicht für vollkommen hoffnungslos zu halten, mit einer geringen Aussicht auf Besserung weiterzumachen. Und ein neues Buch zu schreiben. Yates' Geschichte ist das peinliche Klischee einer Künstlerexistenz: körperlicher Verfall, Nervenzusammenbrüche, Alkoholismus, Isolation, Tod im Nirwana – und währenddessen harren die Werke ihres Ruhms, der ihnen natürlich erst dann zuteil wird, wenn ihr Schöpfer längst kalt und unter der Erde ist.

Diese schändliche Existenz war zugleich der Steinbruch, aus dem Yates das Material für sein Werk gewann. Immer wieder begegnen wir darin jungen Ehepaaren, die voller Pläne und voller Überzeugung vom eigenen Geschick in die Zukunft blicken. Yates hat eine Vorliebe für Charaktere, die einen Tick klüger, begabter oder schöner sind als ihre Nachbarn oder Freunde, die wegen kleiner Auszeichnungen in ihrer Biografie meinen, ganz besondere Erwartungen an ihr Leben richten zu dürfen. In Zeiten des Aufruhrs belächeln Frank und April Wheeler die anderen Paare in ihrem langweiligen Vorort, weil diese stumpfsinnig und zufrieden ihr Dasein fristen, während die Wheelers, sobald die Gelegenheit günstig ist, ein Leben in Paris beginnen wollen, das sich ihre Bekannten hinter ihren engen Stirnen nicht mal erträumen können. In Eine strahlende Zukunft schickt Michael Davenport sich an, zum vielversprechenden Nachwuchsautor zu werden, und heiratet das Mädchen, das die Hauptfigur im ersten seiner aufgeführten Stücke spielt. Sie werden bewundert und beneidet, und sie wissen das und legen Wert darauf. Ihre Vorstellung von ihrem zukünftigen Leben ist vage. Doch feststeht, dass es außergewöhnlich sein wird.

Und immer wieder Enttäuschungen. Die Versprechen werden nicht eingelöst. Die Ambitionen sind größer als die Begabungen. Die Figuren entwickeln sich, von außen betrachtet, nicht desaströs; doch das Mittelmaß, in dem sie sich wiederfinden, erschüttert sie so tief in ihrem Selbstverständnis, dass sie es als bittere Niederlage empfinden. In hilflosem Furor wenden sie sich gegeneinander und gegen sich selbst. Die Wheelers werden niemals nach Paris ziehen. Stattdessen verstricken sie sich in einen psychologischen Abnutzungskampf, in der die Demütigung des Anderen schließlich zur einzigen Quelle ihrer Selbstachtung wird. Die Davenports trennen sich, weil sie einander nur noch als Hindernis der eigenen Selbstverwirklichung empfinden, um endlich ihren vermeintlichen Bestimmungen zu folgen; Jahrzehnte später, nach dem Misslingen aller Pläne, sitzen sie einander wieder gegenüber – aber jetzt sind sie allein.

Alles sieht so einfach aus

Wer Yates liest, wird vielleicht manchmal glauben, einem Schwindel auf den Leim gegangen zu sein: Wenn das Weltliteratur sein soll, warum tut es dann nicht weh? Es braucht keine Willenskraft, kein halbes Jahr. Mehr noch: Es geht so flott voran, es wird so viel gestritten, geschrien und gevögelt, dass der kleine Kritiker im Kopf bisweilen die Lektüre unterbricht: Toll, aber kann das Kunst sein? Alles wird so klar vor uns ausgebreitet wie in einer Betriebsanleitung. Doch wenn die einen komplizierten Mechanismus einfach erklärt, dann nur dank der minutiösen Vorarbeit des Ingenieurs. Und genauso ist es bei Yates: Hinter der Beiläufigkeit verbirgt sich ein kräfteverzehrender Kampf, ein Weglassen, ein akribisches Arrangement der Szenen, Abschleifen der letzten Reste von Prätention. Yates rang sich seine Werke ab, und die Anstrengung, die das kostete, trug das Ihrige dazu bei, dass er ausmergelte. Das Ergebnis macht Staunen: Wie können so hausbackene Worte eine derart tiefe Wirkung erzeugen?

Trotz aller Schlichtheit gelingen Yates reiche Portraits seiner Figuren: In ihrem Zorn manchmal selbstgerecht bis zur Unerträglichkeit, zeigen sie doch auch ehrlichen Willen zur Versöhnung, ehrliche Reue, ehrliche Zärtlichkeit. Beharrlich fassen sie neuen Mut, dass sich die Dinge für sie und ihre Liebsten doch noch zum Guten wenden werden. Doch sie fallen zurück in ihre alten Schwächen, wiederholen ihre Fehler. Unsere Begegnung mit ihnen ist deshalb so schmerzhaft, weil sie etwas tun, was wir uns selbst verzeihen würden: Sie nehmen ihr eigenes Schicksal nur deshalb eine Spur zu wichtig, weil es eben ihr eigenes ist. Irgendetwas Besonderes versprechen sie sich davon, und je länger es dauert, desto demütigender wird die ihnen ihre Träume verwehrende Wirklichkeit.

Von Richard Yates, der scheinbar so leichtfertig dahinerzählt und wie beiläufig existenzielle Dramen entwirft, der voller Wärme für seine Figuren ist und ihnen zuverlässig jede Hoffnung raubt, dessen eigene Lebensgeschichte schließlich die Wahrheit seiner Prosa auf bittere Weise bezeugt, erscheint nächste Woche zum letzten Mal ein Buch. Schön und traurig zugleich.

Richard Yates: Cold Spring Harbor, DVA, 2015


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