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Für *Reitkursabsolventen

Musik in meinen Augen

18. September 2015
Von Lena Fiedler

Rote Schleier verhüllen ein ganzes Dorf, pechschwarze Pferde galoppieren durch den Nebel – die Videos der Band Kafka Tamura sind große Metaphern. Im TONIC-Interview spricht das Trio aus Leipzig und Southampton über den sichtbaren Teil ihrer Musik.

Patrick, Emma und Gabi sind Kafka Tamura.

Patrick, Emma und Gabi sind Kafka Tamura.

Der Beginn eurer Bandgeschichte klingt nach einer Lovestory: Kennenlernen in Zeiten des Internets. Wie genau lief das ab?

Patrick: Gabi und ich hören viel britische Musik. Deswegen wollten wir Vocals, die auch so klingen. Dafür mussten wir uns einen echten Brit besorgen (lacht). Also haben wir uns auf Soundcloud umgeschaut und Emmas Songs gefunden. Wir haben ihr dann Instrumentals von uns geschickt und sie hat geantwortet.

Gabi: Onlinedating ist gar nicht so schlecht (lacht).

Danach hattet ihr ein Blind-Date, um euer erstes Video zum Song „Somewhere else“ zu drehen. Emma, wie hast du das erlebt?

Emma: Ich war nervös. Ich mochte die Musik von den beiden sehr und wollte es nicht versauen. Wir wussten nicht, ob wir miteinander auskommen würden und ob die Chemie stimmt. Es war beängstigend.

Die Videos sind ein besonderes Merkmal eurer Band. Wie viel Freiheit lässt euch euer Label Lichtdicht Records dabei, sie zu gestalten?

Gabi: Als wir dort unterschrieben haben, gab es das Video zu Somewhere else schon. Sie wussten, dass die Visuals Teil unserer Musik sind und haben es bewusst unserer Verantwortung überlassen. Für uns war es zum Beispiel klar, dass wir mit unserem tollen Videoteam weiterarbeiten wollen, und sie haben dem sofort zugestimmt.

Habt ihr für das Video zu No Hope einen Reitkurs absolviert?

Patrick: Im Elternhaus meiner Freundin gibt es Pferde, deswegen saß ich schon das ein oder andere Mal auf einem. Als wir das Video geplant haben, waren eigentlich Übungsstunden angedacht, weil wir cool auf den Pferden aussehen wollten. Aber der Typ, dem die Pferde gehörten, war eine Katastrophe. Er kam zu keinem Treffen.

Gabi: Eine Stunde bevor wir drehen wollten, rief er an und meinte, dass es leider nicht geht und wir die Pferde nicht haben können. Dann waren wir im Wald, um die Szenen ohne Pferde zu drehen. Plötzlich stand er mit zwei Pferden vor uns und meinte, los, lass uns das jetzt machen. Völlig verrückt. Als ich auf dem Pferd saß, wusste ich nicht, wie man es stoppen kann, also rief ich: „Patrick, mach, dass es aufhört!“ (lacht)

Das Video ist erstaunlich, weil es eine so direkte, eindringliche Bildsprache wählt. Nachdem ich das Video einmal gesehen habe, habe ich immer Pferde im Kopf, wenn ich den Song wieder höre.

Emma: Der Song und das Video sind zusammen wie eine große Metapher. Das direkte Bild wirkt nicht anziehend. Etwas möglichst offensichtlich zu machen ist nicht interessant für mich. Die Leute könnten nicht so einfach eine Beziehung zu dem Song und dem Video aufbauen, wenn alles offensichtlich ist. Eine Metapher ist für viele Zuhörer leichter aufs eigene Leben übertragbar.

Ich verstehe ein Video als zusätzliche Ebene für die Interpretation. Eine visuelle Ebene. Die Entscheidung dazu muss schwer gewesen sein.

Patrick: Wir haben bei Somewhere else die Entscheidung getroffen, selber im Video aufzutauchen. Das hat sich richtig angefühlt. Deswegen haben wir es bei No Hope auch so gemacht. Wir wollten Teil des Videos und Teil der Geschichte sein. Bei Somewhere else haben noch andere Leute mitgespielt, bei No Hope waren es wirklich nur wir drei. Was im Video passiert, passiert nur zwischen uns. Ich glaube, dass sich die Leute darüber mit uns verbunden fühlen.

Gabi: Wir sind eine neue Band, kein Mensch kennt uns und unsere Musik. Die Leute sollten wissen, wer diese Musik macht und wie wir aussehen.

Ist es möglich, kommerziell erfolgreich zu sein, ohne sein Gesicht zu zeigen? Vermarktet die Popindustrie Bands nicht genau über diese Identifizierungslinien? Ich glaube, dass es einfacher ist, seine Musik zu verkaufen mit einem Video, in dem hippe, schöne, junge Menschen cool auf einem Pferd aussehen.

Patrick: Es kommt auf das Konzept an, das man verfolgt. Wenn man durch die Musik und die Lyrics eine vage Distanz aufbaut, ist es interessant, wenn durch das Video eine Möglichkeit entsteht, sich annähern zu können.

Gabi: Ich glaube auch nicht, dass es in dieser Hinsicht einen Unterschied zwischen major oder independent music gibt. Das ist eine individuelle Entscheidung, wie viel in Videos preisgegeben wird.

Der Namensgeber eurer Band, Kafka Tamura, entstammt dem Roman Kafka am Strand von Haruki Murakami, ein typischer Coming-of-age-Roman. Seine Hauptfigur Kafka zieht von zu Hause aus und begibt sich auf eine große Reise. Was hat das mit eurem Bandprojekt zu tun?

Patrick: Am Anfang spricht Kafka mit einer Art Alter Ego, dem er beweisen muss, dass er stark ist. Wenn er auszieht, muss er der stärkste 15-jährige Typ auf der Welt sein. Bei der Musik ist es ganz ähnlich. Wenn man die Musik machen will, die einem gefällt, und damit auch noch seinen Unterhalt zu bestreiten versucht, ist das hart und eine Herausforderung.

Bereut ihr manchmal eure Namenswahl, weil euch alle darauf ansprechen?

Patrick: Ich nicht, weil es ein cooler Name ist. Außerdem erlebe ich, dass sich Leute wirklich Gedanken über den Bandnamen machen. Deshalb erinnern sie sich besser an den Namen.

Gabi: Ich würde gerne wissen, ob Murakami je ein Video von uns gesehen oder einen Song von uns gehört hat.

Patrick: Wenn man im Moment Kafka Tamura googelt, findet man zuerst einen Song von uns und dann Links zu dem Buch. Ich weiß nicht, ob er seine Charaktere googelt. Ich bezweifele es, aber es wäre cool (lacht). Ich werde dann irgendwann mal auf seinem Geburtstag spielen.

Das Debut-Album Nothing to Everyone von Kafka Tamura ist ab jetzt erhältlich.


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