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Für *Kindergartenkinder

Gute Bildung, so Gott will

19. Mai 2015
Von Julia Weller

Die Konkurrenz ist hart und der Leistungsdruck enorm. Trotzdem wollen viele Eltern in Ägypten ihr Kind auf eine deutsche Schule schicken. Wer hier ge-lernt hat, dem steht die Tür nach Europa offen. Doch davor müssen die Kinder eine andere Lektion lernen: dass sie immer die Besten sein müssen.

Im Eilschritt Richtung Schule. Nur die Schnellsten werden hineingelassen.

Im Eilschritt Richtung Schule. Nur die Schnellsten werden hineingelassen.

An einem Spätsommertag in Ägypten sollte man nicht drinnen sitzen. Die Sonne scheint jetzt sanfter, die Temperaturen sind endlich erträglich. Doch das Kind, drei Jahre alt, hat keine Zeit für Straßenspiele. Konzentriert beugt es sich über 35 Puzzleteile, filtert Randstücke aus und greift gezielt nach den Ecken. Sieben Minuten später liegt das fertige Bild vor ihm, bunte Fische auf blauem Grund.

„Wie Arielle“, sagt es begeistert.

„Das hat aber lang gedauert“, sagt die Mutter.

Sie sprechen Deutsch, weil die Mutter in Berlin aufwuchs. Mit sechs Jahren ging sie zurück in die Heimat und zog mit ihren Eltern an den Stadtrand Kairos. 25 Jahre später wohnt sie noch weiter draußen, mit ägyptischem Mann und den Schwiegereltern im Erdgeschoss. Vor der Villa stehen vier Autos, der Gärtner stutzt gerade die Hecke. Außer Mutter und Tochter spricht nur noch das Au-Pair Deutsch, das eigens eingestellt wurde, damit das Kind die anstehenden Auswahlverfahren besteht.

„Inshallah“, sagt die Mutter andauernd: So Gott will. Jeden Tag betet sie für den Erfolg ihrer Tochter.

Die Dreijährige kennt genau ein Fremdwort: konzentrieren.

Sieben anerkannte deutsche Auslandsschulen gibt es in Ägypten, vier davon in der Hauptstadt. Die größte und renommierteste ist die 1873 gegründete DEO, die Deutsche Evangelische Oberschule. Die DEO bietet ihren 1400 Schülern nicht nur durchgehende deutsche Bildung vom Kindergarten bis zum Abitur, sie ist auch soziale Institution. Die ägyptische Oberschicht schätzt ihren Weihnachtsmarkt ebenso wie die Selbstverpflichtung zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Wer hier gelernt hat, dem stehen alle Türen offen: Studium in Europa, Jobs in deutschen Firmen. Die DEO ist Sprungbrett aus der ägyptischen Rückständigkeit.

„Auf der deutschen Schule habe ich nicht nur auswendig gelernt, sondern selbst nachgedacht und analysiert“, sagt eine Absolventin, die jetzt in Deutschland studiert.

Zwei Sprachen spricht das Kind schon fast fließend, doch die deutschen Sätze folgen arabischer Grammatik. Da macht man den Fernseher zu, wenn der Film fertig ist. Die Dreijährige kennt genau ein Fremdwort: konzentrieren. Denn konzentrieren muss sie sich jeden Tag.

Zweimal in der Woche erhält sie Nachhilfe und Frühförderung, der deutsche Kindergarten bereitet auf die besonderen Anforderungen vor. Daheim stapeln sich Lernspiele, neben denen Puppen und Spielzeuge beinahe unbenutzt bleiben. Mit drei Jahren kann das Kind schon Zahlen schreiben, Baustellenfahrzeuge benennen und aufzählen, was alles aus Milch gemacht wird: Butter, Käse, Sahne, Joghurt, Quark, Kakao und Rahm. Wenn sie am Himmel eine Wolke entdeckt, erklärt sie vergnügt, wie Regen entsteht. In Kairo regnet es kaum, und auch Quark hat sie noch nie gegessen.

„Irgendwann bringe ich mich noch um mit dir.“

Was das Kind noch nicht kann: Obst von Gemüse unterscheiden. Niemand weiß, ob es beim Test überhaupt eine Rolle spielt, doch mehrmals am Tag werden die Kategorien durchgekaut. Am Herd stehend fragt die Mutter, zu welcher Gruppe Gurken gehören.

„Obst“, antwortet die Tochter augenblicklich.

In den Augen der Mutter erlischt ein kleiner Funken Hoffnung. „Irgendwann bringe ich mich noch um mit dir.“

Wann immer das Kind den Wunsch nach Geschwistern äußert, entgegnet die Mutter, eine solche Last könne sie nicht noch einmal ertragen. Zwischen Lerngruppen, Hausarbeit und ihrer eigenen Berufstätigkeit bleibt auch ihr kaum Zeit zum Leben, mehrere Stunden täglich verbringt sie im Auto. Der Kindergarten ist fünfzig Kilometer entfernt, der ägyptische Verkehr ein Albtraum. Auf dem Heimweg schläft das Kind meistens ein. Wenn es am Ziel aufgeweckt wird, hat es für den Rest des Tages schlechte Laune. Drei Monate vor der Prüfung schleicht sich ein neuer Satz in sein Vokabular: „Ich kann das nicht.“

Die Stimmung im Kindergarten wird mit jeder Woche drückender. Man erzählt von Weinanfällen und Wutausbrüchen und von Kindern, die plötzlich nicht mehr reden wollen. Einen Monat vor der großen Prüfung findet bereits ein erster Sprachtest statt.

Ob das Kind die Einstufung als Muttersprachlerin schafft? Inshallah.

Für viele Absolventen heißt das Ziel später Deutschland.

Für viele Absolventen heißt das Ziel später Deutschland.

Vorstellungsgespräche für Dreijährige

Mitarbeiter deutscher Behörden und Firmen können ihre Kinder ohne Prüfung für die DEO anmelden. Ägyptische Bewerber durchlaufen einen mehrstufigen Auswahlprozess: Nach dem Ausfüllen von Onlinebewerbungen werden die Kinder zunächst durch persönliche Vorstellungstermine aussortiert. Zusätzlich gibt es Elterninterviews und Sprachtests. Wer all diese Hürden meistert, darf sein Kind für ein paar Probetage in die Vorschule schicken. Erst im Mai, sieben Monate nach Beginn des Bewerbungsprozesses, verkündet die DEO endgültige Ergebnisse. Für eine Anmeldung an anderen Schulen wäre es bei einer Absage dann schon zu spät, auch die 200 Euro Vorstellungsgebühr wären verloren.

„Die Kinder sind einem enormen Leistungsdruck ausgesetzt, weit höher als in Deutschland selbst“, sagt eine private Nachhilfelehrerin.

„Zu unserem Aufnahmeverfahren geben wir keine Interviews“, sagt der Schulleiter der DEO.

„Um das Kind mache ich mir keine Sorgen“, sagt ein Freund der Familie, „wenn nur die Mutter die Nerven behält.“

„Inshallah“, sagt die Mutter.

Eine Woche vor der Prüfung wird die ganze Familie krank. Die Mutter pumpt ihr Kind mit Medikamenten voll, Versteckspielen wird verboten, weil es zu sehr anstrengt.

Das Kind verwechselt immer öfter Z mit N und 6 mit 9. Wenn es Menschen malt, fehlen die Hälse. Im Haus wird häufiger geschrien. Im Fernsehen läuft Heidi, freies Mädchen in heiler Welt.

Ist die Aufnahme geschafft, beginnt erst der wahre Stress

Das Kind ist mittlerweile vier Jahre alt. Es liebt Disneys Rapunzel und die Märchen der Gebrüder Grimm. Es tanzt gern durchs Zimmer und singt lautstark dazu. Wenn es groß ist, möchte es Lehrerin werden. Es träumt davon, wie Heidi Schlitten zu fahren oder auf Berge zu steigen.

Sollte das Kind auf die DEO kommen, müsste es noch weiter fahren und noch viel mehr lernen. Die Eltern müssten über 5000 Euro im Jahr zahlen und weiterhin alles dafür tun, dass nach der Vorschule auch der Übertritt in die Grundschule und anschließend der aufs Gymnasium gelingt.

Aber das Kind könnte Abitur machen und drei Sprachen erlernen. Inmitten eines autoritären Staates würde es erfahren, was Meinungsfreiheit und Demokratie bedeuten. Wie Heidi könnte es irgendwann aus dem Studierzimmer ausbrechen und die Freiheit genießen, die das Privileg seiner Bildung ihm eröffnet.

„Inshallah“, sagt die Mutter.


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