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Für *Bayern

Prosit, Gott und CSU

7. April 2015
Von Bartholomäus von Laffert

Für junge Bayern ist die CSU ein Selbstverständnis. Die Partei, die immer regierte und regieren wird. Mal in Koalition, meist allein. Ernsthafte Konkurrenz hat sie nicht, die Opposition kränkelt. Ist die Jugend zu träge, zu zufrieden, oder wird sie einfach nicht gehört? Drei junge Bayern berichten.

Alessandro: „Hier bin ich Ausländer“

Alessandro, 20, ist Bayer – auf dem Papier. Geboren in Erlangen, aufgewachsen in Gröbenzell – dem Spandau Münchens. Dass er unter der Dusche kein „Gott mit dir du Land der Bayern“ trällert, verrät der blau-weiße Schal, der in seinem alten Kinderzimmer zwischen Tyrion Lennister und Gandalf von der Wand baumelt – nicht von den Münchener Löwen, sondern Hertha BSC. Vielleicht auch das Auftreten: schwarze Haare, schwarzer Vollbart, Papa Tunesier, Mama aus Italien. Kein Helles in der Hand, sondern Wodka-Cola. Kein Schuhplattler, sondern Footballer. „Hier bin ich Ausländer“. Hier in Bayern, dem Land, dessen Regeln und Bräuche dem Rest Deutschlands bisweilen so fremd sind. In dem 40% der unter 30-Jährigen bei den Landtagswahlen 2013 die CSU wählten. Vierzig Prozent! CSU!

Politik findet Alessandro so mittel. Je nach Thema eben: Der Mindestlohn ist Humbug, die Vorratsdatenspeicherung Mist, das Urheberrecht überflüssig. Zumindest lockern sollte man es doch. Wenn ihm die Musik gefällt, die Serie, das Konsolen-Game, dann ist er auch bereit, Geld dafür auszugeben. Wenn nicht, dann nicht. Das sind die Probleme, die ihn jucken – nicht die Energiewende, nicht das Rumgezicke mit der Maut. Er wählte 2013 die Piraten, bevor die sich stillschweigend im Schatten der FDP verdünnisiert hatten. Jetzt wählt er Leute, die „gescheit“ sind. Horst Seehofer gehört nicht dazu: „Der ist für mich der typische Bayer: arrogant, Dialekt und ein bisschen Plauze.“ Und die CSU? Er leert sein Glas, überlegt kurz, schaut auf den nagelneuen Flachbildfernseher. FIFA 15, er führt 5:0. „Die CSU ist eigentlich wie der FC Bayern in der Bundesliga: Egal wie sehr es die andern probieren, sie sind chancenlos. Der FC Bayern bleibt an der Spitze“. Den FC Bayern findet er zum Kotzen.

Alessandro

Alessandro

Florian: die Kultur, die er so liebt

Florian ist anders: Er mag Bier und den FC Bayern, sehr sogar, spricht Dialekt. Er ist 31, die Haare auf seinem Kopf lichten sich langsam. Ein bisschen sieht er aus wie der Fraktionsführer der Christdemokraten im EU-Parlament, Manfred Weber, CSU – kennt keiner. Wurscht, denn Brüssel ist weit weg, und Florian kandidiert in Rosenheim. Hier ist er seit letztem Jahr Kreisvorsitzender der Jungen Union. Dem „Selbstbedienungsladen für den Aufstieg in die Führungsämter der CSU“, wie sie der Politologe Professor Heinrich Oberreuter charmant nennt. Dem Laden, der mit knapp 1000 Ortsverbänden in ganz Bayern alle politikähnlichen Zuckungen der Konkurrenz vaporisiert.

Mit entschlossener Miene malt Florian mit dem Zeigefinger seine Ideen auf den schweren Holztisch in Münchens Kultpilgerstädte – dem Augustiner Keller. Von den Wänden hängen in dunkle Holzrahmen eingelassene Schlachtenbilder, daneben Hirschgeweihe. Es gibt Bier. All das, was die Kultur verkörpert, die er so liebt: das bayrisches Lebensgefühl, die Feiertage, die Libertas Bavaria, die Gebirgsschützen. All das, wofür die CSU steht: Des is halt seins.

Florian kommt aus einem 4000-Seelendorf nahe der Kreisstadt Rosenheim – nach seinem Bauingenieur-Studium im fernen München ist er vor ein paar Jahren wieder in die Heimat zurückgekehrt. Papa CSU, Mama CSU, Florian auch, seit er 19 ist. Damals ging es um die Einführung eines Disco-Busses vor Ort. Vor Ort, die größte Stärke der CSU. „Die CSU ist die einzige Partei in Bayern, die flächendeckend organisiert vertreten ist – auch bei der Jugend. Das ist dem jahrelangen Modernisierungsprozess zu verdanken, den die Konkurrenz verpasst hat“, erklärt Oberreuter. Florian weiß das, er macht Lokalpolitik. „Wenn du in Bayern was verändern willst, musst du zur CSU.“ Wie paradox.

Schuldenabbau, bezahlbarer Wohnraum in Arbeitsplatznähe, bessere Umverteilung der minderjährigen Flüchtlinge, Integration der Asylbewerber – die echten, nicht die wirtschaftsflüchtigen Kosovaren. Das sind Florians Themen. Dass die bayrische Umgangsart den „Zuagroasten“ die Integration nicht immer leicht macht, gibt Florian zu. Es ist halt wie in der CSU: „Man kann sich intern gern die Köpfe einschlagen, aber nach außen wird die gleiche Meinung vertreten!“ Ein eingeschworener Haufen, diese Christsozialen.

Florian

Florian

Lilly: zur falschen Zeit am falschen Ort

Lilly hat die Integration à la Bavaria verpasst. „Peinlich, ausgrenzend, nicht zeitgemäß. Volksfeste, Dirndl und Prost“, assoziiert die 20-Jährige. Springt von der vergilbten Ledercouch auf, als im fürstenfeldbrucker Szeneschuppen scheppernd Kraftklub aus den Boxen dröhnt: Ich will nicht nach Berlin! – Doch, genau da will sie hin. Ihr Herz berlinert, ihr Mundwerk auch, Mutti kommt da her. Geboren ist Lilly in Oberbayern, zur falschen Zeit, am falschen Ort. Burschenpartys, Trachtenverein – nicht mit ihr.

„Ich will mal Kinder, am liebsten ganz, ganz viele!“ Das muss man wissen, wenn man Lilly verstehen will. Dieses unscheinbare, trotzdem kesse Mädchen mit den frech funkelnden Augen und den dunklen Haaren, das Jan Böhmermann abfeiert und Jürgen Trittin geil findet. Ihre Kinder sollen einmal in einer besseren Welt leben. In einer, in der alle Menschen da leben dürfen, wo sie möchten, drauf geschissen ob Deutsche, Syrer oder – uiuiui – Kosovaren. Eine Welt, in der Studenten Zeit haben, sich neben 40 Stunden Uniwoche, Nebenjob, Praktika, Praktika, Praktika und Auslandssemester noch sozial zu engagieren. Eine Welt, die angehende Investmentbanker am Berufswunsch zweifeln ließe. CSU-Politiker auch.

Die Musik wird lauter, Lilly auch. Es stinkt nach Schweiß und Bier. Die Jugend sei politikverdrossen? Dämlich? Nein, demotiviert! Demotiviert von fehlender Transparenz! Demotiviert von selbstverliebten, chauvinistischen Oberetagenmanagern wie Horst Seehofer! Demotiviert von der bewusst herbeigeführten politischen Taubheit! Und noch während sich Lilly polternd echauffiert, wird irgendwo in Bayern ein kleiner Horst, Markus oder Peter geboren. Papa CSU, Mama CSU, Oma und Opa auch.

Lilly zuckt resignierend mit den Schultern und zieht die Mundwinkel nach unten. Ändern lässt sich ja doch nichts: „Das ist halt wie in einer schlechten Ehe: Die Leute sind lieber unglücklich zusammen als allein.“

Lilly

Lilly


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