TONIC ist umgezogen! Hier gehts zur neuen Seite.
Für *Aufklärer

Wir müssen reden!

24. März 2015
Von Bartholomäus von Laffert

Charlie Hebdo inszeniert, die IS-Terroristen von der CIA ausgebildet? In Marokko erlebt Bartholomäus, wie weltoffene, aufgeweckte junge Leute die krudesten Dinge behaupten. Warum ist es so schwer, den Sumpf aus Verschwörungstheorien trocken zu legen, und was könnte dabei helfen? Ein Vorschlag.

Zeitungssalat mit den immer gleichen Zutaten

Zeitungssalat mit den immer gleichen Zutaten

Die jüdische Weltverschwörung ist vitaler denn je, und das über ein Jahrhundert nach dem Auftauchen des Pamphlets der Weisen von Zion – einer der meist gedruckten und gelesenen Fälschungen aller Zeiten. Diesmal verbreitet sich ihre Kunde aber in einem ganz anderen Kulturkreis: Arabien. Hier blüht die Mär von den Zionisten, dem personifizierten Bösen, der heterogenen Mischform von Kapitalismus, Amerika und natürlich dem Judentum, das ja historisch bedingt dazu auserkoren ist, für die Unzufriedenheit in der Welt zu büßen.

Es sind keine ungebildeten Fundamentalisten, die mir in Marokko – einem der säkularsten Länder in der arabischen Welt, in dem Muslime, Christen und Juden problemlos nebeneinander leben – dieses hirnrissige Weltbild zu verklickern versuchen. Nein, die Architektur-Studentin im Zug, couchsurfende Jugendliche in Fez, die künstlerische Boheme in Casablanca, mein Taxifahrer in Marrakesch. Junge Menschen, die orientierungslos durch eine reizüberflutende Welt rennen und versuchen, sich an krude Thesen einheimischer Medien zu klammern.

Sie fühlen sich in die Ecke gedrängt

Ausgelöscht werden solle der Islam, lasse ich mir erzählen. Von akribisch planenden Zionisten, die dekadent in Manhattans Wolkenkratzern thronen. Denn der Islam wirft sich als letzte Anti-Konsum-Institution den hegemonialen Ansprüchen der gesichtslosen Kapitalisten in den Weg. Da sind sich die grauen Herren auch nicht zu schade, sich selbst die Hände schmutzig zu machen: 9/11 ein Komplott, Charlie Hebdo inszeniert, die Gräuel des IS ein von Amerika aus gesteuertes Konstrukt. Dass diese blutdürstigen Horden wirklich Muslime sein könnten und keine von der CIA ausgebildeten Superkiller, sprengt die Vorstellungskraft vieler frommer Mohammedaner. Ungefragt rechtfertigen sie sich für ihren Glauben, den ich nie angeprangert habe. Sie fühlen sich in die Ecke gedrängt, gehetzt vom Westen, dessen Berichterstattung und Politik. Und welches Raubtier – das sind wir Menschen bewiesenermaßen – gibt da Pfötchen?

Amine zum Beispiel. Er hat in Fez BWL studiert, Aussichten auf einen Job hat er nicht. Sein Plan: Mit dem Flieger in die Türkei, danach Europa, am besten Deutschland. Fabelhafte Märchen vom „heiligen Land“ sind trotz der schier unüberwindbaren Barrikaden, die die EU um Europa zu errichten versucht, zu ihm hindurchgedrungen: Arbeit für alle, ein Mindestlohn auf Managerniveau, ein exorbitantes Sozialsystem. Dass der narzisstische Westen versucht, den Arabern völlig unpassend das aufzupressen, was man „Menschenrechte nach amerikanischem Vorbild“ nennt. Und dass der Islam in Europa verhasst ist, Geld nach Marokko gepumpt wird, um dort einen Polizeistaat zu errichten und, und, und...

Warum lesen wir immer das Gleiche?

Schon die Philosophen der Aufklärung erkannten: Der Quell zahlloser Übel liegt im Vorurteil. Ein Gegengift hat aber bis heute niemand gefunden. Die Propagandamaschine läuft, der IS rekrutiert fleißig, und der Großteil der Medien spult unreflektiert Informationen aus dritter Hand ab, die ein verzerrtes Weltbild befeuern – im Okzident wie im Orient. Die Zeit rinnt, wir müssen reden!

Es ist schließlich nicht so, als ob es keine fundierte Berichterstattung gäbe: Oft genug sind Zeitungs- und Fernsehbeiträge aus anderen Ländern gründlich durchdacht – und das gilt nicht nur für die Handvoll ausländischer Medien, die ohnehin sofort auf unserem Radar erscheinen. Wie wäre es denn mal mit einem übersetzten Beitrag der internationalen al-Hayat, anstatt der New York Times? Einer Sendung des als „Propagandasender“ gescholtenen al-Jazeera, statt Murdoch und Co. ausspeien zu lassen, was sie schon zigmal oral erbrochen haben? Plötzlich wäre alles möglich: ein Entkommen aus dem einfältigen Mediensumpf. Ausgewogene Meinung statt vorgekauter Phrasen. Ein wirklich freies Denken. Endlich.


Kommentare

Noch keine Kommentare vorhanden.