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Für *Freiheitskämpfer

Tarnkappen und Taschenlampen

24. Dezember 2014
Von Rebecca Barth

Galina schläft nicht mehr als drei Stunden am Tag und verbringt jede freie Minute auf dem Maidan in Kiew. Während der Proteste im Februar hat sie Verletzte auf Cafétischen operiert, vier Monate später unterstützt sie die freiwilligen ukrainischen Kämpfer an der Front im Osten des Landes. Teil 3 der Maidan-Serie

Auf dem Khreshatik-Boulevard nahe des Maidan stehen auch vier Monate nach dem Ende der Proteste noch Zelte und Barrikadenreste.

Auf dem Khreshatik-Boulevard nahe des Maidan stehen auch vier Monate nach dem Ende der Proteste noch Zelte und Barrikadenreste.

Rebecca schrieb diese Reportage im Rahmen unseres ersten TONIC-Recherchestipendiums. Als Mentoren betreuten Timo Steppat und Ruben Neugebauer den Beitrag. Dies ist der dritte von drei Teilen.

Die Dämmerung ist über den Maidan eingebrochen. Die Luft kühlt ab, es weht ein leichter Wind. Vor einer der Stelltafeln mit Bildern der getöteten Demonstranten steht Galina. Sie ist eine kleine, zierliche Frau in türkisfarbenem Top, einer weiten Pluderhose und Römersandalen. Während der Proteste arbeitete sie als Ärztin. Viele der Getöteten kannte sie persönlich. „Der da“, sie deutet auf eines der Bilder, „der ist meiner Kollegin unter den Händen weggestorben. Wir hatten nicht genug Blut an dem Tag.“ Ihre Augen wandern über die Bilder: „Den kannte ich…und den hier auch.“

Eigentlich ist sie Medizinstudentin und möchte Zahnärztin werden. Den größten Teil ihres Studiums hat sie bereits abgeschlossen. Nur der praktische Teil fehle noch, erklärt sie. Seit Ende letzten Jahres hat sich ihr Lebensmittelpunkt jedoch auf den Unabhängigkeitsplatz verschoben. Auch nach Ende der Proteste verbringt sie jede freie Minute dort. Sie hilft nun, Armee und Nationalgarde zu unterstützen. Sie seien auf die Spenden der Freiwilligen, auf Medikamente und Ausrüstung, angewiesen. Der Staat funktioniere nach dem Sturz Janukowitschs noch nicht. Im Parlament blockieren sich die Parteien gegenseitig, das Korruptionsproblem werde nicht bekämpft, die ukrainische Führung scheine oftmals chaotisch und planlos. Die völlig marode Armee käme ohne die Freiwilligenbataillone nicht gegen die Separatisten an.

„Es sind immer noch die alten Kader in den Spitzen“, sagt auch Sergij. Er ist Offizier und wie Galina oft auf dem Maidan, um die Hilfe für die Truppen im Osten zu koordinieren. „Die Kommandeure versagen teilweise. Oder sie wissen es nicht besser.“ Er zuckt die Schultern. „Aber viele sind einfach die alten, korrupten Leute. Ohne die ganzen Freiwilligen wäre dieser Krieg nie zu gewinnen. Wir hätten keine Chance.“ Galina übergibt ihm mehrere Plastiktüten mit Tarnkappen für Militärhelme. Sie wurden in Deutschland gekauft, da sie dort billiger sind. Über Sergij werden sie weiter an die Front geschickt. Er hat nicht viel Zeit. „Ich gebe meine Erfahrung an die Freiwilligen weiter, wir trainieren sie, um sie so gut wie möglich vorzubereiten. Ein paar Kilometer außerhalb von Kiew ist unser Trainingsfeld.“ Er verabschiedet sich von Galina, sie wünscht ihm viel Glück, dann verschwindet er mit den Tüten in der Menschenmenge auf dem Maidan.

Galina wohnt in einer 17-Quadratmeter-Wohnung. Sie ist nur selten zu Hause, meist huscht sie über den Maidan, das Handy am Ohr. Sie kommt nur in den Abendstunden oder mittags kurz zur Ruhe. Dann sitzt sie unter den Sonnenschirmen des kleinen Cafés Maijnzy. Noch im Februar hat sie auf den Tischen dieses Cafés Notoperationen durchgeführt. Das Gewerkschaftshaus, in dem sie bis dahin im Lazarett arbeitete, war schon niedergebrannt. Die Leichen der Demonstranten wurden nur wenige Meter von dem Tisch, an dem sie heute sitzt, niedergelegt und mit Fahnen bedeckt. Dort erinnern heute Blumen und Kerzen an die Getöteten.

Die freiwilligen Kämpfer genießen in der Ukraine derzeit Heldenstatus.

Galina rührt in ihrem Tee. Ein paar Männer kommen hinzu, begrüßen sie und setzen sich zu ihr an den Tisch. Sie sind ehemalige Demonstranten, haben Galina durch ihre Arbeit als Ärztin kennengelernt und bereiten sich jetzt auf ihren Einsatz im Krieg vor. Sie zieht eine Schachtel aus ihrer Handtasche. Darin befindet sich eine kleine Taschenlampe. Während die Lampe die Runde macht und von den Männern kritisch gemustert wird, erzählt Galina, dass sie unzählige von ihnen in einem Militärladen gekauft hat. „Unseren Jungs fehlt es wirklich an allem. Wir versuchen alles zu kaufen, was wir bekommen können. Heute Taschenlampen, morgen vielleicht nur Zigaretten.“

Als Scharfschützen Ende Februar auf Demonstranten schossen, sei sie nicht vorbereitet gewesen. Auch nicht, als russische Soldaten die Krim einnahmen. Dies hat sich nun geändert. „Jetzt bereiten wir uns vor“, meint Galina.

Die Ärztin Galina verbringt seit Monaten ihre Zeit auf dem Maidan.

Die Ärztin Galina verbringt seit Monaten ihre Zeit auf dem Maidan.

Angesichts des schlechten Zustands der regulären Streitkräfte verwundern die zeitweiligen Erfolge der sogenannten Anti-Terror-Operation, der militärischen Bekämpfung der Separatisten seitens der ukrainischen Führung. Doch Aktivisten wie Galina sehen in erster Linie die herrschenden Missstände an der Front. Mittlerweile gibt es mehrere Gruppen, die gezielt Medikamente und Schutzkleidung für Freiwilligenbataillone und die Feldärzte kaufen. Über soziale Netzwerke wird die Hilfe auch international koordiniert. Die freiwilligen Kämpfer genießen derzeit in der Ukraine Heldenstatus.

„Wir sind jedem einzelnen Unterstützer aus dem Ausland dankbar“, sagt Galina. Sie erzählt von einer ehemaligen Kommilitonin, die jetzt in Chicago wohnt und ihnen von dort aus hilft. Oftmals kommen besonders aus dem Ausland Medikamente, die es in der Ukraine nicht zu kaufen gibt.

Um Zahnärztin zu werden, fehlt Galina noch die praktische Ausbildung. Derzeit scheint diese jedoch zweitrangig. Sie lebt auf Kosten ihres Bruders in der kleinen Wohnung in Kiew. Dadurch hat sie mehr Zeit, sich auf die Hilfe für die Armee zu konzentrieren. „Das ist eine Ausnahmesituation“, sagt sie. „Eigentlich sollten Frauen arbeiten.“

Während der Proteste konnte Galina sich und einige Patienten gerade so aus dem brennenden Gewerkschaftshaus retten. Einige Tage später musste sie Verletzten ohne Narkose auf improvisierten Operationstischen in einem Café Gliedmaßen amputieren oder Schussverletzungen behandeln. Die Institutska-Straße am Maidan kann sie nicht mehr betreten, sie kann die Erinnerungen nicht aushalten. „Vielleicht“, sagt sie schulterzuckend, „hätte ich nach dem Maidan psychologische Hilfe gebraucht.“

Galina engagiert sich weiter und hat ihre Ausbildung nicht wieder aufgenommen. Das Handy klingelt fast pausenlos und auch Galina selber scheint ununterbrochen zu arbeiten. Für diese Arbeit bekomme sie aber keinen Lohn. Im Durchschnitt schlafe sie drei Stunden pro Tag. Die restliche Zeit verbringe sie fast ausschließlich auf dem Maidan oder in Militärgeschäften. „Ich hab ziemlich abgenommen in den letzten Monaten. Das ist das einzig Gute“, grinst sie. Der häufige Kontakt mit ehemaligen Patienten, Bekannten, Freunden und Freiwilligen der Nationalgarde erleichtert die Situation für sie.

„Auf den Staat kann man sich nicht verlassen“

„Ein 19-jähriger sollte nicht im Krieg sterben müssen“, sagt Galina. Sie sitzt wieder im kleinen Maijnzy-Café und Tränen steigen ihr in die Augen, die Schminke verläuft. „Das sind unsere Jungs, die wir jetzt in den Osten schicken müssen, und deswegen müssen wir uns vorbereiten.“ In ihrer Stimme klingt eine Mischung aus Verzweiflung, Wut und Hoffnung mit. „Ich bin mir ganz sicher, dass wir gewinnen werden“, sagt sie. „Das werden wir auf jeden Fall“, wiederholt sie, als sei sie selber noch nicht ganz überzeugt von ihrer Aussage.

Galina weiß, dass es lange dauern wird, einen funktionierenden Staat mit funktionierenden Institutionen, neuen Leuten und weniger Korruption aufzubauen. Derzeit hat die Ukraine diese Zeit aber nicht. „Wir wollen keine Pufferzone zwischen Russland und dem Westen mit der Nato sein.“ Ihrer Meinung nach haben die Ukrainer nicht nur für europäische Werte auf dem Maidan gekämpft, sie verteidigen diese jetzt auch bis zum Äußersten. „Auf den Staat kann man sich nicht verlassen. Deswegen machen wir das selber.“

Ein Mosaik in der Hrushewski-Straße in Kiew: ein Herz in den Farben der Ukrainischen Flagge

Ein Mosaik in der Hrushewski-Straße in Kiew: ein Herz in den Farben der Ukrainischen Flagge

Am späten Abend kommt sie etwas zur Ruhe. Die Sonne scheint nicht mehr so heiß und sie geht ein bisschen spazieren. Auf dem Weg entdeckt sie an einem der Checkpoints einen alten Bekannten. Er sitzt mit drei anderen Männern unter einem selbstgebauten Verschlag aus Planen. Sein Gesicht zeichnet eine lange Narbe, sowie einige Prellungen und Kratzer. „Oh Gott, du lebst!“, fällt ihm Galina in die Arme. Seit Ende Februar hatte sie ihren Patienten nicht mehr gesehen und mit dem Schlimmsten gerechnet.

Er erzählt, dass er sich nach den Protesten der Nationalgarde anschloss. Galina zieht ihr Handy aus der Tasche. „Schau mal, was ich letztens gekauft habe.“ Sie zeigt ihm das Foto auf ihrem Handy: Dort trägt sie einen viel zu großen Tarnanzug mit Fadentarnung, der sie wie einen waldgrünen Riesen aussehen lässt. Er gibt das Handy glucksend an die anderen Männer vor dem Checkpoint weiter. „Ich dachte, ich probiere ihn mal an“, sagt Galina grinsend.

Der Tarnanzug ist zusammen mit einem Sack Zigaretten und mehreren Paketen Medikamenten und Verbandszeug mittlerweile auf dem Weg gen Osten. Für Galina geht ihre Arbeit rund um den Maidan weiter. Die Regierung berichtet zwar nicht über die schlechte Lage an der Front. Doch durch die Selbstorganisation der Aktivisten und Kontakte zu Ärzten und Kämpfern vor Ort wissen sie, was wo gebraucht wird.

Für Galina bedeuten diese Nachrichten, dass sie weiter arbeiten muss. Weiter Ausrüstung und Medikamente besorgen und an die Front schicken. Weiterhin jede freie Minute auf dem Maidan verbringen. Ein bisschen wirkt es, als könne sie nicht anders. Die Arbeit und der Kontakt zu den anderen Maidanern scheint ihr Kraft zu geben. „Natürlich werden wir gewinnen“, sagt sie noch einmal. Diesmal mit einem Lächeln auf dem Gesicht. Dann klingelt ihr Handy und sie verschwindet zwischen den Zelten auf dem Maidan.


Kommentare

PitAm 31. Dezember 2014

Sehr schön Rebecca, Du bist ganz schön mutig nur weiter so ,-)

vbOPit