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Für *Freiheitskämpfer

„Ich fühle mich jetzt als Ukrainerin“

21. Dezember 2014
Von Rebecca Barth

Im Sommer nach dem Ende der Proteste auf dem Maidan kehrt der Alltag langsam nach Kiew zurück. Doch für Sergej und Maryana gibt es seit den Ereignissen im Februar keinen Alltag mehr. Teil 1 der Maidan-Serie

Der Unabhängigkeitsplatz in Kiew, kurz Maidan genannt, vier Monate nach dem Ende der Proteste

Der Unabhängigkeitsplatz in Kiew, kurz Maidan genannt, vier Monate nach dem Ende der Proteste

Rebecca schrieb diese Reportage im Rahmen unseres ersten TONIC-Recherchestipendiums. Als Mentoren betreuten Timo Steppat und Ruben Neugebauer den Beitrag. Dies ist der erste von drei Teilen, der auch auf dem TONIC Plakat N°2 "Doppelte Realität" erscheint. Morgen erscheint Teil 2.

Liebespaare sitzen in den Cafés im Zentrum von Kiew, schick gekleidete Frauen stöckeln mit Einkaufstüten überladen den Khreschatyk-Boulevard entlang. In den U-Bahn-Aufgängen tummeln sich Geschäftsleute zwischen alten Babuschkas, die Blumen, Souvenirs und kühle Getränke verkaufen. Es ist heiß, die Stimmung sommerlich ausgelassen. In Kiews Zentrum ist annähernd Normalität eingekehrt. Nur die letzten Zelte, Barrikaden, Blumen und Kerzen an jeder Ecke erinnern noch an die Massenproteste in der Stadt von November bis Ende Februar.

Wenige Hundert Meter entfernt schleppt sich ein kräftiger Mann mittleren Alters die nächste Querstraße hoch. Seine Stirn glänzt. Unter seinem Tarnmuster-Hemd blitzt eine Narbe hervor. Sie ist Sergejs ganz persönliches Andenken an die Proteste auf dem Maidan, als Hundertausende Ukrainer gegen die Annäherung ihres Landes an Russland und für ein Assoziierungsabkommens mit der EU protestierten. Sergej war einer von jenen, die monatelang auf dem Maidan campierten. Er war Ende Februar dort, als Scharfschützen der Regierung Janukowitsch auf die Demonstranten schossen. Dutzende starben. Sergej trafen mehrere Kugeln ins Bein, eine in den Nacken.

„Er fiel auf mich drauf, aber ich konnte nichts mehr tun.“

Mit einer solchen Eskalation hatten wenige gerechnet, als Anfang Dezember die Demonstrationen gegen den ehemaligen Präsidenten Janukowitsch und die Korruption im Land begannen. Aus den Studentenprotesten gegen das Nicht-Unterzeichnen des Assoziierungsabkommens mit der EU wurde ein Volksaufstand, dem es um Würde, Anerkennung und vor allem Freiheit ging. Um ein „normales Leben“, wie die Leute auf den Demonstrationen sagten.

Wenige Meter vom Zentrum entfernt mehren sich Blumen und Kerzen, es stehen noch viele, höhere Barrikadenreste. Einiges erinnert an den Massenaufstand. An einem der Bäume rechts des Gehwegs bleibt Sergej stehen und beginnt zu weinen. An den Baum ist ein Bild geheftet. Es zeigt einen jungen Mann, der hier verstorben ist. „Viel zu jung“, sagt er, schüttelt verständnislos den Kopf. „Warum er und nicht ich? Ich bin doch schon alt.“ Tränen laufen ihm die Wangen runter.

Auf einer großen Straße im Zentrum von Kiew, der Institutska, stehen noch viele Barrikadenreste.

Auf einer großen Straße im Zentrum von Kiew, der Institutska, stehen noch viele Barrikadenreste.

Bild: Rebecca Barth

Sergej steht für das andere Gesicht des heutigen Maidans. Viele Traumatisierte wie er haben es nach dem Ende der Revolution nicht mehr zurück ins alltägliche Leben geschafft und wollen ihre Zelte auf dem Maidan nicht verlassen. Zu ihnen gesellen sich zusehends Obdachlose und Alkoholkranke. Viele gaben damals für die Proteste ihre Arbeit auf, lebten nur noch für ein Ziel: die Revolution. Jetzt wissen sie nicht mehr wohin. Sergej ist einer von ihnen. Die Bilder der Erschossenen, die Schüsse von den Dächern – die Bilder lassen ihn nicht mehr los. „Und du siehst sie nur fallen und fallen, es fallen Schüsse“, schluchzt er.

Er humpelt weiter die Straße hoch zum nächsten Baum. Hier verstarb ein weiterer Bekannter. „Er fiel auf mich drauf, aber ich konnte nichts mehr tun.“ Sergej schüttelt den Kopf. An seinem Handgelenk baumelt eine weiße Plastikkette mit einem Kreuz. Viele tragen sie in diesen Tagen, einige legen sie vor den Bildern der Toten nieder oder binden sie um die Laternen auf der Institutska-Straße.

Als im Februar der Kampf zwischen der Regierung und den Demonstranten auf dem Maidan eskalierte, wurden auch Wasserwerfer eingesetzt. Heute ist das Fahrzeug schon fast eine Attraktion geworden.

Als im Februar der Kampf zwischen der Regierung und den Demonstranten auf dem Maidan eskalierte, wurden auch Wasserwerfer eingesetzt. Heute ist das Fahrzeug schon fast eine Attraktion geworden.

Am 8. Dezember, zu Beginn der Proteste, fuhr auch Maryana auf den Maidan. Es war der Tag, der als „Marsch der Millionen“ weltweit Aufmerksamkeit auf die Situation in der Ukraine zog. Für Politik interessierte sich Maryana vorher nicht. Mit der Teilnahme an den Protesten erfüllte sie ihre Bürgerpflicht, sagt sie. Der seit der Unabhängigkeit der Ukraine beispiellose Einsatz von Gewalt gegen friedliche Demonstranten trieb die Massen auf die Straße. „Als ich sah, wie die unsere Kinder verprügelten, musste ich einfach auf den Maidan“, sagt Maryana. Sie ist selber Mutter eines kleinen Sohnes. Die Bilder der prügelnden Spezialeinheiten des ukrainischen Innenministeriums weckten Angst vor Zuständen wie in Russland oder Weißrussland. „Ich möchte nicht in einem Staat leben, in dem man für seine Rechte nicht demonstrieren darf, sondern stattdessen verprügelt wird. Ich möchte in einem freien Land leben.“

Wir hatten alle das gleiche Ziel.

Maryana wohnt am Rand der ukrainischen Hauptstadt. Normalerweise findet sie in der Metro auf dem Weg ins Stadtinnere immer einen Sitzplatz, doch am Tag des „Marsch der Millionen“ war die Metro bereits nach wenigen Stationen überfüllt. „Da waren Leute in der U-Bahn, die hab ich noch nie dort gesehen. So richtig feine Frauen in ihren Pelzmänteln und Stöckelschuhen“, grinst sie. Ihre Augen beginnen zu leuchten, wenn sie sich an diesen Tag erinnert. An den beiden Stationen um den Maidan leerte sich die Bahn schlagartig, die Massen strömten geeint nach oben auf den Unabhängigkeitsplatz. „Wir haben uns nur angesehen und gelächelt“, beschreibt Maryana die Situation. „Wir hatten alle das gleiche Ziel.“

In den folgenden Wochen und Monaten formierte sich eine Massenbewegung. Ein neues Nationalgefühl einte die Demonstranten. Viele Ukrainer sprechen vom „Geist des Maidan“, der bis jetzt zu spüren sei, der auch nicht mehr verschwinden werde. Maryana möchte sich in Zukunft politisch mehr engagieren. Sie sitzt in einem Café an der Khreschatyk. Der Unabhängigkeitsplatz liegt in Sichtweite. Gegenüber steht das ausgebrannte Gewerkschaftshaus. „Ich mache mir jetzt Vorwürfe“, sagt sie und blickt etwas beschämt durch die randlose Brille auf ihre Hände. „Ich frage mich, ob ich nicht mehr hätte tun können. Öfter hätte hinfahren sollen, mehr Sachen vorbeibringen.“

Wenn die Zelte weg sind, brauchen wir hier einen Anlaufpunkt.

So geht es nicht nur ihr. Die ehemaligen Demonstranten nutzen die entstandenen Netzwerke, um sich untereinander zu helfen. Im Februar 2014 wurde Präsident Janukowitsch gestürzt. Seitdem befindet sich das Land im Aufbau. Im Osten der Ukraine herrscht Krieg. Maryana meint: „Je länger die Krise dauert, je weiter der Krieg eskaliert, desto enger rücken die Menschen zusammen.“ Mittlerweile versucht man verstärkt verletzten Soldaten, Witwen oder Flüchtlingen zu helfen. Das Nationalbewusstsein sei jetzt noch viel stärker als zu Zeiten der aktiven Proteste. Und es steige proportional mit der Abneigung gegen die russische Führung.

Maryana fährt mittlerweile häufiger ins Zentrum. Viel häufiger als früher. Sie wolle auf dem Maidan sein, wo man den Zusammenhalt immer noch spüren könne. „Ich fühle mich jetzt als Ukrainerin“, sagt sie. Als Jugendliche zog sie nach Deutschland, erst vor einigen Jahren ging es für sie zurück in die Heimat. Ihr fehlte die Zugehörigkeit. Die Proteste haben sie politisiert, sie möchte die Zukunft der Ukraine mitgestalten.

Der Maidan soll zu einer Anlaufstelle für politische Diskussionen werden, wünscht sich Maryana. „Wenn die Zelte mal weg sind, dann brauchen wir hier einen Anlaufpunkt. Ein Zentrum für politische Bildung, in dem man diskutieren kann, wohin jeder aus dem Land kommen kann.“


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