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Für *Bosniaken

Vergessen

4. November 2014
Von Anna-Lena Oltersdorf

Der Jugoslawien-Krieg trieb Tausende Menschen aus ihrer Heimat in Flüchtlingslager. Übergangsweise, hieß es zunächst. Doch viele dieser Lager sind trotz ihrer Dürftigkeit zum festen Zuhause vieler Menschen geworden.

Ein Klassenzimmer in der Schule von Jezevac

Ein Klassenzimmer in der Schule von Jezevac

Es ginge um psychosoziale Unterstützung für Kinder und Jugendliche in zwei Flüchtlingslagern in Bosnien. Mehr als diese paar knappen Worte sind mir nie eingefallen, wenn ich das Projekt „Perspektiven für vergessene Flüchtlinge“ erklärte, zu dem ich dieses Jahr beitrug.

Was das wirklich bedeutet, wird mir erst bewusst, als wir eine Autostunde von der bosnischen Kleinstadt Tuzla entfernt in genau diesen Lagern stehen und mit eigenen Augen sehen: Auch fast 20 Jahre nach dem Krieg gibt es noch Flüchtlingslager, die eigentlich für den Übergang gedacht waren.

Nun sind die „kollektiven Zentren“, wie sie die Bewohner bezeichnen, zum Zuhause fernab von der eigentlichen Heimat geworden. Die kleinen, weißen Häuser, die während des Krieges provisorisch aufgebaut wurden, bieten 35 Quadratmeter Platz für eine Familie. Ungefähr 70 dieser Häuser bilden zusammen ein Lager. Sie wirken deplatziert in dieser kahlen und verlassenen Landschaft. Hausbewohner winken uns aus den Fenstern, bunte Kleidungsstücke hängen an Wäscheleinen zwischen den Gebäuden zum Trocknen. Einige der Kinder blicken uns schüchtern an. Als wir sie zu einem kleinen Spiel in unseren Kreis einladen, tauen sie auf. Voller Eifer machen sie mit.

Nicht alle Fremden wollen helfen

Branka Antic, Direktorin der Organisation Snaga Zene („Kraft der Frau“), führt uns durch die Lager. Viele der älteren Frauen kommen, um sie mit einer herzlichen Umarmung zu begrüßen und kurz mit ihr zu sprechen. Antic ist über die vielen Jahre ihrer Arbeit hinweg zur Vertrauensperson für die Bewohner geworden. Uns begleiten Psychologinnen von Snaga Zene, sie sagen: Es gibt noch immer sexuelle Übergriffe auf junge Mädchen in den Lagern. Fremde versprechen ihnen ein besseres Leben außerhalb des Lagers, kaufen ihnen Lebensmittel, Kleidung und Schmuck. Dass diese Fremden nicht als Helfer kommen, merken einige der Mädchen erst, wenn es schon zu spät ist.

Die Siedlung von Visca

Die Siedlung von Visca

In ganz Bosnien gibt es noch etwa 90 dieser Lager. Sie alle bieten ihren Bewohnern vermutlich ähnlich erschreckende Lebensbedingungen, und doch unterscheiden sie sich voneinander: Im Lager in Visca, das wir zuerst besuchen, ist die Schule für die Kinder der Flüchtlingsfamilien Teil des angrenzenden Dorfes.

Das vierte Schuljahr ist für viele Kinder das letzte

An unserer zweiten Station, Jezevac, ist die Schule Teil des Lagers, die Isolation noch größer und Chance auf eine Zukunft außerhalb der Siedlung noch geringer. Im Schulgebäude stehen die bunt gestrichenen Wände des Klassenzimmers im Kontrast zu zerschlagenen Fensterscheiben. Von außen sieht es heruntergekommen aus, es fällt auf zwischen den weißen Wohnhäusern. Ein modriger Geruch kommt uns entgegen – eine der Folgen der Fluten im Frühjahr. An den Holztüren können wir genau erkennen, bis wohin das Wasser stand. Einige Räume sind nicht nutzbar, da sie nicht beheizt werden können. Nach kurzer Zeit merken wir, wie die Kälte vom Boden her aufsteigt. Schülerinnen und Schüler der ersten bis vierten Klasse werden hier von einer Lehrerin gemeinsam unterrichtet. Bei Hochbetrieb lernen 32 Kinder unterschiedlicher Altersstufen auf engstem Raum. Ob es da oft Streit gibt, fragen wir. Sie würden sich arrangieren. Mittlerweile kennen sich die Kinder untereinander sehr gut. Wollen sie die Schule nach Ende der vierten Klasse fortsetzen, müssen sie täglich einen weiten Weg zurücklegen, für den die Eltern kaum Geld aufbringen können.

Im Bus legen wir den teils staubigen, unbefestigten Weg nach Tuzla zurück. Ich denke über die Bedeutung des Wortes Vergessen nach: An den Orten, die wir besuchen, spielt es eine allgegenwärtige Rolle: in seiner aktiven, aber auch in seiner passiven Bedeutung.

Betreuung für Flüchtlingskinder in Visca. Viele von ihnen bleiben, wenn sie erwachsen sind.

Betreuung für Flüchtlingskinder in Visca. Viele von ihnen bleiben, wenn sie erwachsen sind.

„Perspektiven für vergessene Flüchtlinge“ heißt das Projekt. Eltern und Großeltern in den Lagern sind vom Krieg schwer traumatisiert, Angehörige gelten noch immer als vermisst. Diese Traumata geben sie an ihre Kinder weiter. An diese Kinder und ihre Familien denkt kaum jemand, sie wurden vergessen. Vom Rest der Bevölkerung, der Regierung, von den Ländern, die ebenfalls in den Krieg involviert waren. Und die Bewohner der Lager versuchen zu vergessen, was sie erlebt haben – vor fast 20 Jahren während des Krieges oder im tristen Camp-Alltag. Sei es das Massaker von Srebrenica, bei dem im Jahr 1995 rund 8.000 Bosniaken (bosnische Muslime) getötet und Frauen bei Massenvergewaltigungen misshandelt wurden, oder sei es die Flut, die erst vor ein paar Monaten das zerstörte, was sich viele in den Lagern mühsam aufgebaut hatten.

Warum bleiben die jungen Leute hier?

Immer wieder frage ich mich: Warum bleiben die jungen Leute, führen ein ähnliches Leben wie ihre Eltern? Spielen sie mit dem Gedanken, fortzugehen aus den Lagern, oder haben sie sich bereits mit ihrer Situation abgefunden, sehen gar keine Perspektive mehr? Gibt es überhaupt eine Perspektive?

Um diese Fragen zu beantworten, ist unser Einblick ins Lagerleben zu kurz. Was ich jedoch mitnehme, ist eine neue Motivation, die Botschaft unseres Projektes weiterzutragen: Keines der Kinder in Visca oder Jezevac konnte sich den Ort seiner Geburt aussuchen. Aber jedes von ihnen verdient eine Perspektive für seine Zukunft.

Info

Die Autorin absolviert gerade ihr Freiwilliges Soziales Jahr im Bundesbüro des Vereins Schüler Helfen Leben, eine Jugendinitiative, die während des Jugoslawienkrieges 1992 gegründet wurde. Gemeinsam mit ihren Kolleginnen und Kollegen organisiert Anna-Lena den Sozialen Tag, an dem Spenden für Projekte auf dem Balkan gesammelt werden. Beim vergangenen Sozialen Tag im Juni 2014 tauschten fast 80.000 Schülerinnen und Schüler die Schulbank gegen einen Arbeitsplatz und erarbeiteten rund 1,5 Millionen Euro.


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