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Für *Eltern

Hebamme gesucht!

22. November 2014
Von Tom Rhein

Tom Rhein heißt eigentlich anders, ist 26 und lebt und wohnt an Rhein und Ruhr. Hier berichtet er von der Vorbereitung aufs erste Kind. Weil er seinem Nachwuchs noch keine digitale Identität schaffen will, bleibt er hier anonym.

Texte von Tom
autor@tonic-magazin.de

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Tom verzweifelt fast auf der Suche nach einer Geburtshelferin. Denn die gibt es kaum noch – den Grund dafür kann er nicht verstehen. Teil 4 der Vater-Kolumne

Schwanger sein betrifft nur Frauen? Von wegen! Wir lassen einen werdenden Papa zu Wort kommen – in seiner Kolumne plaudert der Student Tom Rhein über Vaterfreuden und fiese Entscheidungsmomente.

Bei der Sprechstunde im Krankenhaus begegnet uns nur ein müdes Lächeln, begleitet von einem verständnisvollen Kopfnicken. „Eine junge Frau, die schon in der elften Woche angefangen hatte, zu suchen, hatte bis kurz vor der Geburt immer noch keine Hebamme“ Wie bitte?! In der elften Woche waren wir noch nicht mal so weit, es unseren Eltern zu erzählen. In der elften Woche habe ich Dinge gedacht wie: „Wow, ich werd echt Papa“ oder „Boah krass ey, ich werd Papa!“ Aber doch nicht: „Ich such jetzt eine Hebamme für die Nachsorge in einem halben Jahr.“

Den Beruf der Hebamme stelle ich mir wundervoll vor. Klar, ich kenne das nur aus Erzählungen und meinem möglicherweise romantisch-verklärten Bild – das ohne den ganzen Schleim, das Blut und die Schreie auskommt – aber trotzdem. Die Hebamme (althochdeutsch Hev(i)anna: Ahnin/Großmutter, die das Neugeborene aufhebt/hält) ist schließlich diejenige, die das Kind empfängt. Raus aus dem warmen, weichen Schoß der Mami, rein in die harte, kalte Krankenhaus-Welt. Hebammen sorgen dafür, dass dieser Schritt nicht so schrecklich schwer fällt.

Aber wir leben schließlich in Deutschland und da fällt irgendeinem Hansel immer eine Möglichkeit ein, Menschen zu schikanieren. Der Beruf der Hebamme geht kaputt, eigentlich ist er es schon. Denn im Gegensatz zum Arzt, der bei einem Fehler während der Geburt von jedem Gericht freigesprochen wird, weil er ja kein ausgebildeter Geburtshelfer, sondern eben Arzt, ist, hätten es die Hebammen in so einem Fall besser wissen müssen. Und deswegen versichert sie niemand mehr. Eine Hebamme, die ihren Beruf ernst nimmt, verschuldet sich im Zweifel ein Leben lang.

Wir leben in einer so von hochtechnologischen Wunderwerken durchwirkten Welt, dass wir glauben, in der modernen Medizin sei so etwas wie ein geschädigtes oder sogar totes Kind bei der Geburt nicht mehr möglich oder zumindest vermeidbar. Und wir suchen und finden schnell die Schuldige: die Hebamme. Sofort wird verklagt und ohne besseres Wissen eine Existenz zerstört. Klar kann ich werdende Eltern verstehen, die verbittert sind, wenn ihr schon vor der Geburt mit elitären Wunschträumen besetztes Kind plötzlich doch nicht so perfekt auf die Welt kommt. Dafür die Hebamme verantwortlich zu machen, ist im besten Fall naiv – im schlimmsten perfide.

Und so kommt es, dass meine Freundin und ich immer noch keine Hebamme haben, die uns unterstützt. Nicht weil es keine Frauen mehr geben würde, die diesen Beruf erstrebenswert finden, sondern weil die Aussichten einfach nicht besonders rosig sind. Wir haben einen Rechtsanspruch auf Nachsorge durch eine Hebamme, heißt es. Die Krankenkasse zahlt. Na toll – wir finden trotzdem keine. Denn die, die ihrer Berufung weiterhin nachgehen, die sind heillos überfordert und können mit den Geburten nicht mehr mithalten. Und die, die mit dem Beruf liebäugeln, überlegen es sich schnell anders. Ohne ordentliche Versicherung bei einem so heiklen Thema wie der Geburt eines Kindes? Ich kann sie verstehen!

PS: Falls jemand eine Hebammen-Register-Startup gründen will, eine Kampagne für den Erhalt des Berufstandes initiiert oder eine Hebamme empfehlen kann – bitte melden!


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