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Für *Farbensammler

Berlin, wo sind deine Farben?

27. November 2014
Von Caroline Schmitt

Caro ist aus Beirut nach Berlin zurückgekehrt und fühlt sich eingesperrt im Alltag zwischen U-Bahn, WG-Party und Küchentisch. In ihrem Kopf prallen die Farben des Libanon und die mangelnde Existentialität Deutschlands aufeinander.

In Berlin-Schöneberg schreit mir eine Fahrradfahrerin entgegen: “Hast du keine Eltern oder was?” Weil ich für ein paar Sekunden ein Stück zu weit in der Mitte fahre. Man hört sie schimpfen, bis ihr Fahrrad im Nachtnebel verschwindet.

In Beirut verwickelt mich ein Fremder in einem brasilianischen Café in eine leidenschaftliche Debatte über die Bedeutung von Glauben und Zusammenhalt in schwierigen Zeiten. Das Essen ist kalt, als wir endlich das Besteck zur Hand nehmen.

Am Berliner Küchentisch werde ich dazu überredet, Zusatzversicherungen für Zahnersatzleistungen zu vergleichen. Man weiß ja schließlich nie, was die Zukunft so bringt. Das Ding kostet sechs Euro im Monat.

Zeitgleich werden in Syrien Menschen in meinem Alter vor laufender Kamera enthauptet. Sie hatten ihr halbes Leben noch vor sich und ein Herz voller Idealismus.

In Berlin pendele ich zwischen Kopfkissen und Schreibtischstuhl, das sind zwei U-Bahn-Stationen. Ich verschlafe den Teil des Lebens, der den Kopf bunt macht, bin von lauter Fassaden umgeben, die das Fragenstellen, das Aufbrausen, das Gefühlezeigen, das Weinen und das Prioritätensetzen entweder nie gelernt oder vor langer Zeit für sinnlos befunden haben.

In Beirut gilt es als halbes Verbrechen, die wöchentliche Dinnerzeremonie mit der Familie zu verpassen. Es gilt als menschliche Dummheit, keine Zeit für Kunst oder Genuss zu haben, den ganzen Tag in Downtown im Büro zu verschwenden und abends keine Energie mehr für seine Freunde an der Bar zu haben.

In Berlin frage ich zwischen Tür und Angel: Wie geht's dir, was gibt's Neues, erzähl mir was Schönes. Und kriege als Antwort: Ganz okay, die Arbeit und Uni sind super stressig, ich bin müde. Und bald sei ja noch Weihnachten. Familie im Übermaß, auch das noch.

Die arabische Sprache lässt so viel Oberflächlichkeit gar nicht zu. Dort will man lieber wissen, wie es dem Herzen geht, nicht dem dummen Kopf. Wie man den Mund des Gegenübers zum Grinsen oder Küssen kriegen kann – scheiß doch auf dein übergewichtiges Emailpostfach und deine ätzende To-do-Liste, die sich vor lauter Selbstoptimierung fast schon selbst auf den neusten Stand bringt.

In Berlin lässt jemand in der U8 ein arabisches Volkslied scheppern, ich will aufspringen, die Augen schließen und so tun, als würde ich von zwielichtigen Gestalten durch die Nacht gefahren werden, das Meerrauschen und die Klänge jenes Teils des Lebens, das den Kopf bunt macht, im Ohr. Aber alles, was ist, sind die genervten Blicke der anderen Fahrgäste. Gleich rastet jemand aus und brüllt sie an. Wann habt ihr das letzte Mal losgelassen?

In Berlin fühlt sich das Leben irgendwie vergeudet an so ganz ohne Hühnchen-Schawarma. Der Ladeninhaber eines libanesischen Imbisses in Moabit knallt mir den Pappteller vor die Nase. Das Essen schmeckt genauso fad, wie ich mich fühle.

In Beirut hat mir mein morgendlicher Man’oushe-Imbissmann mal das Frühstück in die Hand gedrückt, als er gerade Feierabend machte. Das Essen war eigentlich für seine Kinder gedacht. Meine hysterischen Proteste fand er witzig und brauste kopfschüttelnd davon. Die Teigtasche schmeckte nach Zusammenhalt, und die Zukunft, ach die Zukunft, die kann uns mal.

In Berlin lästert man über die Studentengeneration, und was für Langweiler die doch alle sind. Schließlich rastet niemand mehr aus vor Ekstase bei der Karl-Marx-Lektüre im Lehrsaal. Oh Schreck. Irgendwer aus dieser also so eintönigen und angepassten Generation macht im Flur einer WG-Party einen dreckigen Witz über die ISIS. Klar, er ist vermutlich high. Mir steigt die Kotze hoch.

In Jounieh sitzt mir ein Syrer gegenüber, zeigt auf meinen grünen Minirock und sagt: Ich würde sofort enthauptet werden, sollten die Wichser jetzt hier auftauchen und mich sehen. Er lacht. Er hat ein Recht darauf – er hat seine Familie wegen dieser Wichser seit Monaten nicht mehr gesehen.

Manchmal fühlt es sich an, als hätte der Syrer in dem Moment die Schwere der Welt, oder zumindest seiner Sorgen, auf meine Schultern geladen. Aber in Wahrheit trägt er sie immer noch, ganz allein, ich bin ja abgehauen ins sorgenfreie Klugscheißerdeutschland.

Es verwirrt mich nicht, es bringt mich nicht durcheinander, im Gegenteil, es fühlt sich jeden Tag normaler an, zwischen besagtem Kopfkissen und Bürostuhl zu pendeln, vielleicht ist das ja doch der Sinn des Lebens.

Aber die Welt, in der ich jetzt lebe, macht mich müde, Hipsterwegbier macht mich müde, Karrieregeilheit macht mich müde und die künstliche Traurigkeit in den Gesichtern macht mich müde. Und wenn jeder Zweite in einer Stadt 2.700 km weiter südöstlich, die wahrscheinlich in naher Zukunft noch einen Tiefschlag erleben wird, vielleicht heute Nachmittag, vielleicht nächstes Jahr, wenn jeder Zweite dort es schafft, dass einem nach zwei Minuten Schwätzchen der Bauch wehtut vor Lachen, wenn die Menschen vor Optimismus strahlen, obwohl sie weniger Strom, Wasser, Internet und Demokratie haben als wir, dann ist es blanker Hohn, dass ein Land mit schwerer, aber vergangener Vergangenheit und einer Arbeitslosenquote von sechs Prozent seine Farben nicht wiederfindet.


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