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Für *Schöne Menschen

Tinder – die Liebesversicherung

21. Oktober 2014
Von Annika Schlendermann

Wieso gab es das eigentlich noch nicht, als ich Single war? Tinder revolutioniert unser Dating, unsere Beziehungen und unsere Schlafzimmer. Ein Erfahrungsbericht

Die Chance auf ein heißes Date steigt mit der Anzahl deiner gephotoshopten Bilder.

Die Chance auf ein heißes Date steigt mit der Anzahl deiner gephotoshopten Bilder.

Mein erster Tag mit Tinder, und ich habe 32 heiße Typen auf meiner Liste stehen. 32-mal „Es passt! Du und XY steht aufeinander.“ Echt? Tun wir das? Keine Ahnung, denn alles, was mir von Timm* und Co. angezeigt wird, sind ein paar vorteilhafte Fotos und im besten Fall gemeinsame Interessen. Über die wird mir aber auch nur Auskunft erteilt, wenn sich der andere ebenso wie ich (aus bodenloser Faulheit) mit Facebook angemeldet hat.

„Hey Annika, nice look, just staying for a couple of days, do you want to come over? I give a good back massage!“ Ich lehne dankend ab und beschließe, Nicolas zu löschen. Wer mich gleich im ersten Satz zum flotten Mittags-Quickie einlädt (wenn auch sehr höflich – Nachrichten à la „Bock zu vögeln?“ habe ich auch schon bekommen) statt zum Eisessen, der ist definitiv eine Nummer zu verzweifelt für mich. Als Antwort auf mein charmantes Nein – „Sorry, you’ve got to look for another girl to play with you.“ – erhalte ich von dem notgeilen Ami folgende Antwort: „Haha, you are a difficult girl.“ Na dankeschön. Da tun sich Tinders Abgründe auf, und für einen kurzen Moment bin ich zutiefst genervt von der App.

Aber der süße Felix hat es mir angetan. Wir funktionieren einfach zusammen, das Schreiben mit ihm ist kurzweilig und fließend, keiner spielt blöde Spielchen, Offenheit und Ehrlichkeit dominieren unseren Chatverlauf – gute Gesprächspartner findet man selten. Felix möchte mich gern treffen, ich antworte nicht mehr. Ihm zu sagen, dass ich bereits in festen Händen bin, käme mir gemein vor.

Nach drei Tagen: Aufräumen

Mir schreiben noch andere, aber vielen fehlt die Initiative, das aufrichtige Interesse – oder sie sind einfach mit der Fülle der Angebote und Gesprächspartnerinnen überfordert. Mir selbst wächst das Ganze am dritten Tag über den Kopf, als ich mehr als eine halbe Minute brauche, um bei meiner Liste ans Ende zu gelangen. Aber wie sortiere ich von Anfang an aus? Die Antwort auf die Frage „Bist du mehr der Hunde- oder der Katzen-Typ?“ wird in Zukunft darüber entscheiden, welcher der Männer in meiner Gunst verweilen und welcher eiskalt aussortiert wird. Was ich dabei fühle? Verlust? Bedauern? Eigentlich nichts. Ich finde es ein bisschen langweilig... Wie Aufräumen eben.

Die nächsten Tage beginne ich zu grübeln. Ich bin eher schüchtern, Tinder scheint perfekt für mich. Eigentlich ist es perfekt für jeden, der kein überbordendes Selbstbewusstsein oder unbestechlichen Charme besitzt. Entweder man mag sich und „It’s a Match“ oder der andere wird nie erfahren, dass ich ihn aufgrund seines unpassenden Nacktfotos, des unattraktiven Grinsens oder des misslungenen Badezimmer-Selfies verschmäht habe. 70 Prozent der Männer auf meiner Liste hätte ich so lange aus der Ferne angeschmachtet, bis das Kribbeln im Bauch von alleine verschwunden wäre. Jetzt schreiben sie mit mir, und die meisten von ihnen sind – entgegen meiner Erwartungen – richtig nett und nicht ausschließlich auf Sex aus.

„Was ist eigentlich deine Lieblingsfarbe?“
„Gelb.“
„Und was isst du am liebsten?“
„Was kannst du mir denn kochen? Lass uns unbedingt zusammen kochen! Du siehst aus wie eine Frau, die kochen kann.“
„Ist das jetzt ein Kompliment?“
„Ja, haha!“
„Na gut, wenn meine Klausuren vorbei sind, kochen wir. Und ich darf dir hiermit ganz offiziell mitteilen, dass ich eine hervorragende Köchin bin. :D“

– ach Felix, auf dich ist Verlass.

Was ist mit Mimik, Gestik, Geruch?

Im Grunde genommen reduziert Tinder unsere Partnersuche auf das am einfachsten festzustellende – aber eben auch gröbste – Auswahlkriterium: unser Äußeres. Aber was ist mit Mimik, Geruch, der Stimme, dem Gang, dem Geschmack der Person? Für die einen mag das Prinzip Tinder von Vorteil sein. Aber was ist mit dem Kerl, der auf dem Foto bloß durchschnittlich wirkt, im echten Leben aber warm, herzlich und ein echter Charismatiker ist?

Tinder bricht uns und macht uns gefügig. Wir wollen Aufmerksamkeit erregen, aber nicht aus der Reihe tanzen. Geprahlt wird mit Urlaubsfotos, Bauchmuskeln oder teuren Sonnenbrillen – ab und an ist auch ein entblößtes Genital dabei. Und keiner merkt, dass er sich mit all dem übertriebenen Gepose selbst ad absurdum führt. Beeindruckt ist da keiner mehr. Höchstens peinlich berührt. Tinder lässt uns nur an der Oberfläche kratzen. Es gibt uns die Möglichkeit, einer unserer am tiefsten verankerten Ängste aus dem Weg zu gehen: nicht (zurück-)geliebt zu werden. In einem Chat abserviert zu werden, weil jemand Hunde lieber mag als Katzen, fühlt sich weniger schlimm an, als im echten Leben gesagt zu bekommen, dass sein süßes Grinsen leider nicht ausreicht, um diese Lebenshaltungs-Differenz (Hunde- und Katzenmenschen gehen eben nicht zusammen.) auszugleichen. Wer heute noch traditionell um ein Date bittet, der kann sich selbstverständlich auch eine Abfuhr holen. Ablehnung ist schrecklich und schmeckt bitter, aber genau das ist es doch auch, was das Ganze so aufregend macht! Mag der andere mich? Wird er mich anziehend genug finden, um mich genauer kennenlernen zu wollen? Jeder wird gerne vom Mann oder der Frau seiner Träume um ein Date gebeten.

Es ist wieder eine neue Nachricht von Felix in meinem Posteingang. „Wir müssen dringend zusammen Wein trinken! Ist mir egal ob du ’ne hochrote Birne bekommst und nur noch peinlichen Quatsch redest. Ich find das klingt nach einem Abend voller Spaß!“

Strategie statt Spontaneität

Das große Kribbeln bei Tinder bleibt aus. Dennoch würde ich als Single vor keiner Möglichkeit zurückschrecken, meinen Bekanntenkreis zu erweitern. Die App macht uns zu Pragmatikern. Passt der? Passt die? Ist er zu groß, zu klein, hat er zu wenige Haare, mag ich, wie er schreibt?

Wir sollen funktionieren. Uns um unsere Miete kümmern, Rechnungen bezahlen, aufräumen. Die Pragmatisierung unseres Liebeslebens war der logische nächste Schritt. Es war ja sowieso nur noch eine Frage der Zeit, bis sich der allgemeine Kontrollwahn (Essgewohnheiten, Körperfunktionen, Trainingskonzept, Karriereplanung und jetzt auch noch die iWatch, die vorhersagen kann, wann ich an einem Herzinfarkt sterbe) auch in unserer Sexualität deutlich bemerkbar machen würde.
Jetzt wollen wir eben auch den verbliebenen Teil unseres Lebens, den, der sich bisher keiner Planung und keinen Regeln unterwarf, durchorganisieren und lieber strategisch vorgehen. Unsere Partnersuche planen, ausweiten und optimieren – nicht, dass etwas daran schlecht wäre. Aber ich bevorzuge die altmodische Variante. All inclusive mit Spontaneität, Verlegenheitsröte und schwitzigen Händen.

* Alle Namen von der Redaktion geändert.


Kommentare

CorinnaAm 22. Oktober 2014

Und wie ist Felix nun so im Real Life?

TobiAm 22. Oktober 2014

Felix bekam nie eine Chance und wurde aussortiert.

AnnikaAm 28. Oktober 2014

Felix hat leider nie eine echte Chance bekommen, weil ich schon in festen Händen bin...

BrunoAm 12. November 2014

Haha wie lustig, als Typ hat man entweder ein paar Model-like Fotos bei Tinder oder eben nur 1 match pro 50 likes...

Ist bestimmt witzig die App für mädels aber wie immer ist es so, dass die typen all die Arbeit verrichten, nur in diese App kommt es eben NUR darauf an.