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Für *Klangchaoten

Ich hasse Pop, aber ich liebe ihn

15. Oktober 2014
Von Henning Beermann

Natürlich ist Maximilian Markowsky Künstler, natürlich macht er Musik, die natürlich krass unkonventionell ist, und natürlich wohnt er in Berlin. Klingt gewohnt ungewöhnlich oder ungewöhnlich gewohnt. Henning Beermann über einen Mann, der sein Publikum am liebsten überfordert.

Markowsky in seinem Studio im Winter 2013

Markowsky in seinem Studio im Winter 2013

Im Café Mito haben sich etwa 30 Leute versammelt. Ihre Blicke richten sich nur auf einen Punkt, als er das Lokal betritt. Zielgenau steuert er zuerst die Bar an und bestellt Gin Tonic, welcher in einem Zug ausgesogen wird. Dann hängt er sich die Gitarre um den Hals, die Hintergrundmusik verstummt, alle sind still. Die Saiten der Akustikgitarre schallen unplugged durch das Café in der Boxhagener Straße. Der Gesang klingt unverständlich. Nach jedem Stück klatscht das Publikum brav Beifall. Irgendwann ist der Spuk vorbei, die Gitarre wird verstaut, für den Auftritt bekommt der Künstler Freigetränke, der Reporter darf keine Fragen mehr stellen. Abgang.

Der erste öffentliche Auftritt des Musikers Finskan Barbezat, bürgerlich Maximilian Markowsky. Vier Jahre ist das her. Seitdem ist einiges geschehen: Engagements für die Europa-Tournee mit den Krautrockern von Camera, erfolglose Künstler-Kombos mit einer hübschen Sängerin, die neben dem Studium in Oben-Ohne-Bars jobbt und eigentlich Soul-Sängerin sein möchte, Spontansessions in Stockholm bei Mando Diaos Keyboard-Ass Mats Björke.

Anspruchsvoller Klangchaot

„Ich hasse Pop“, sagt er heute in seinem kleinen Studio in Berlin-Lichtenberg. Hör doch mal, wie gut das hier klingt.“ Er drückt Play und es ertönen – nun, was eigentlich? Töne, Geräusche, Schreie. Ein Klangchaos. „Das ist doch anspruchsvolle Musik. Da gibt es so viel zu entdecken. Das ist alles improvisiert, zusammen mit anderen Künstlern.“ Markowsky macht Improvisationsmusik. Er trifft andere Künstler, Stars und Nobodys, nimmt mit ihnen auf. Vor vier Wochen war er in New York und Los Angeles. Hat sich in Studios eingemietet und mit Künstlern wie Lia Braswell von Le Butcherettes oder Jonathan Hischke von Dot Hacker tagelange Improsessions aufgenommen.

Markowsky mit den Musikern Jonathan Hischke & Lia Simone in L.A. im Sommer 2014

Markowsky mit den Musikern Jonathan Hischke & Lia Simone in L.A. im Sommer 2014

Sein „Konzept“: Irgendwohin fahren, wo er niemanden kennt. Eine Party raussuchen, auf der Künstler abhängen, Mut antrinken und Leute anquatschen. So entstehen die Songs: spontan und improvisiert. Mit Leuten, die er erst gestern Abend kennengelernt hat. Auf einer Party in L.A. stand plötzlich John Frusciante, sein größtes Idol, neben ihm. Angequatscht hat er ihn nicht. „Die Zeit war noch nicht reif“, sagt er. Denn: „Man sieht sich immer zweimal im Leben.“

Er klopft auf alles, was Geräusche von sich gibt

Zurück in Berlin nimmt sich Markowsky die stundenlangen Aufnahmen vor und arrangiert sie zu Songs. Er ist besessen von der Idee, aus dem schier unendlichen Rohmaterial einzelne Lieder zu machen. Immer wieder verliert er während des Gesprächs die Aufmerksamkeit. Dann schweift sein Blick durch das Studio, auf der Suche nach Klangquellen. Mit einem Schlagzeug-Stick steht er dann im Raum und klopft auf irgendeinem Gegenstand herum, bis ihm der Rhythmus gefällt. „Stundenlang könnte ich das machen und aufnehmen.“ Dieses Suchen und Versuchen spiegelt sich in seiner Musik: Sie klingt experimentell und überfordernd. Zu viel, zu laut, zu unstrukturiert. Die Songs folgen keinem Konzept, fließen in keine Richtung. Höhepunkte, Refrains, Hooks – auf all das wartet man vergebens. Kurz, bevor man denkt, gleich könne sich eine Melodie wiederholen, bricht alles ab und entwickelt sich in eine völlig neue Richtung. „Die Leute mögen doch nur Musik, die sie nicht überfordert. Die wollen das kriegen, was sie eh schon kennen, und nach dem ersten Hören mitsingen können.“

Markowsky ist heute 27. Aufgewachsen in Lausanne. Als er 13 wurde, zog die Familie nach Hamburg. „Das war grausam. Ich konnte ja nur Französisch und plötzlich saß ich da in Deutschland und habe nicht ein Wort verstanden.“ Zu Weihnachten bekam er dann seine erste Gitarre und entdeckte in der Musik eine Sprache, die jeder verstand. Mittlerweile beherrscht er auch die deutsche Sprache sehr gut, doch merkt man immer wieder, dass er sich im Französischen sicherer fühlt. „Ich denke immer auf Französisch. Das Problem ist, dass ich die Worte in ziemlich sinnlose wörtliche Übersetzungen ins Deutsche bringe. Englisch ist aber auch gut. Ich singe am liebsten auf Englisch.“ Wenn er mal singt.

Improvisation als Lebensinhalt

Die Idee der Improvisation zieht sich durch seinen gesamten Alltag. Im Prinzip ist Markowsky seit einem Jahr obdachlos. Zuvor hat er in einer Ost-Berliner Mietwohnung gewohnt. Mitten in seinem Wohnzimmer stand ein massiver Holzstich, hinter dem sich hunderte Schallplatten stapelten. „Ich war wie ein Messi. Das war schon extrem. Ich habe alles gesammelt, was irgendwie mit Musik zu tun hatte.“ Der ganze Krempel, wie er heute sagt, habe ihn irgendwann nur noch belastet. Kurzerhand kündigte er die Wohnung und lagerte seinen Hausrat ein. Seit dem Auszug aus der alten Wohnung kommt er bei Freunden unter. Mal hier, mal da. „Einmal habe ich bei einer befreundeten Musikerin in Kreuzberg gewohnt. Ihre Mitbewohner waren Sprayer. Frühmorgens, ich war alleine, wurde ich dann von einem Sonderkommando der Polizei überrascht. Die haben die ganze Bude durchsucht und mich festgenommen, weil die dachten ich stecke da irgendwie mit drin. Das war schon ziemlich scheiße.“

Seitdem wohnt er auf der Couch eines Kumpels in Moabit. Jeden Morgen fährt von dort aus in ein russisches Gasthaus in Friedrichshain. Als erstes frickelt er dort mit seinem Computerprogramm an den Aufnahmen herum. Schneidet, arrangiert, mastert. Nachmittags geht es ins Studio nach Lichtenberg, ein altes DDR-Bürogebäude. Jeden Tag nimmt er hier neue Ideen auf. Ob mit der Gitarre, dem Keyboard, auf dem Schlagzeug oder mit Hilfe seiner Stimme. Was daraus am Ende werden soll? „Weiß ich noch nicht. Erstmal machen.“ Später schickt er die Aufnahmen an einen Produzenten in L.A., welcher seine Ideen dazugeben wird.

Er legt die Sticks beiseite und bedeckt die zum Tisch umfunktionierte Snare mit Keksen. Durch die Wände hört man die anderen Musiker ihre Geräusche fabrizieren. Draußen scheint die Sonne und aus dem MacBook tönt plötzlich Robbie Williams. „Das ist doch richtig geiler Pop!“, kreischt da der Mann, der um Himmels Willen nicht mit Pop in Verbindung gebracht werden will.

Die neue EP mit improvisierten Songs aus den USA erscheint im Frühjahr 2015. Außerdem ist Markowsky als Gitarrist auf dem diesen Monat erschienenen Album Remember I was Carbon Dioxide der Band Camera zu hören.


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