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Für *Datenschützer

Grindr gewährt Schutz

9. Oktober 2014
Von Jan Schnorrenberg

Jan erwidert Kevin: Ein Zwangsouting ist unumkehrbar und Privatsphäre kein Sahnehäubchen auf unsere freie Existenz. Die Betroffenheit durch "Wanna Play?" sei ernst, echt und kein weinerlicher Affekt.

Privatsphäre ist kein Fetisch. Vor allem nicht, wenn man zu einer Minderheit gehört. Selbst in Zeiten von CSDs und sich outenden Spitzensportlern erfüllt das Private als Rückzugsraum immer noch eine Schutzfunktion. Dazu gehört ohne Wenn und Aber das Recht, über Zeitpunkt, Art und Ort des eigenen Outings selbst entscheiden zu dürfen. Wanna Play? hat den Betroffenen dieses Recht abgesprochen. Sie haben genügend Gründe, ihre Wut, ihre Verletztheit und ihren Widerspruch unmissverständlich kundzutun.

Dass die Reaktionen der Betroffenen entsprechend hart ausgefallen sind, fällt auch dem Verhalten von Verhoeven und dem HAU zu Lasten. Beide haben sich mit unglaubwürdigen und erschreckend naiven Aussagen in der Podiumsdiskussion lächerlich gemacht und Menschen wiederholt unterstellt, keinen echten Grund für ihre Verletztheit zu haben.

Und nein, sie haben sich nicht entschuldigt. Sie halten daran fest, dass das Projekt beendet werden musste, weil es in einer künstlerischen Sackgasse gelandet sei. Die Kritik des Eingriffes in die Privatsphäre Dritter wurde sehr gründlich ignoriert oder abgebügelt. Natürlich lassen Betroffene sich das nicht gefallen – gerade von einem Künstler, der diese Verletzung nur mit spitzfindigen rhetorischen Stilmitteln in Vier-Augen-Chats andeutet.

Betroffenheit ist kein Meinungsfaschismus

Verhoeven auch noch zu romantisieren als unschuldiges Opfer eines Internet-Mobs, ist eine klassische Täter-Opfer-Umkehr. Ich halte es in dieser Sache mit Jennifer Lawrence: Das ungefragte Verbreiten von intimen Informationen und Fotos ist ein sexueller Übergriff.

Den Kritiker_innen von Verhoeven nun Meinungsfaschismus vorzuwerfen ist nicht nur schlechter Stil, sondern auch eine bodenlose, geschichtsvergessene Unverschämtheit gegenüber Menschen, die jeden Tag Diskriminierung und Gewalt ausgesetzt sind. Vielleicht entstand die Wut der Anwesenden gerade aus der Tatsache, dass einige von ihnen den Schandparagraphen 175 noch mitbekommen haben oder gerade deshalb nach Berlin gezogen sind, weil ein menschenwürdiges Leben nach einem Outing an den Orten, an denen sie aufgewachsen sind, nicht möglich war. Diese Perspektive muss man ernst nehmen. Ihr die Betroffenheit durch das Projekt negativ auszulegen, ist unfair.

Die Verfälschung der Bilder war innerhalb von Sekunden mit jedem handelsüblichen Smartphone umkehrbar. Weder Verhoeven noch das HAU haben das Projekt im Vorfeld mit Datenschützer_innen besprochen. Wie kann man in Zeiten der NSA-Debatte nur so naiv sein? Kevin schreibt, dass nur enge Freunde Menschen identifizieren konnten. Das stimmt nicht. Verhoeven hat Männern, die er nicht oder nur spät über das Projekt informiert hat, viele persönliche und spezifische Fragen gestellt. Diese Fragen wurden zusammen mit dem Chatverlauf und privat geteilten Fotos live auf dem Heinrichplatz ausgestellt. Und nicht nur das: Die Presse und die Passant_innen fotografierten das Projekt fleißig. Für Menschen, deren Outingprozess bewusst Familie oder das Berufsfeld ausgeschlossen hat, bleibt das ein langfristiges Risiko. Das kann man nicht wegdiskutieren, ansonsten bagatellisiert man, wie gefährlich ein Fremdouting auch in Deutschland immer noch sein kann.

Nebenbei haben Verhoeven und das HAU gegen geltendes Recht verstoßen. Das Recht auf informationelle Selbstbestimmung auf der einen Seite, die AGB von Grindr auf der anderen Seite. In ihr wird nämlich explizit verboten, den Inhalt der App auf öffentliche Bildschirme zu streamen. Aus diesem Grunde hat Grindr den Account von Verhoeven auch hochkant aus dem Dienst geworfen. Und dass es für Fotograf_innen und Filmemacher_innen relativ selbstverständlich ist, im besonderen Maße für die Persönlichkeitsrechte Dritter in ihrer Arbeit sensibilisiert zu sein, sollte auch nicht vergessen werden. Wieso auch sollte für Performance-Künstler eine andere künstlerische Ethik gelten?

Verhoevens These ist biederer Kulturpessimismus

Der Anspruch Verhoevens war zudem wenig objektiv. Er machte auf der Podiumsdiskussion und auf der Website des Projektes keinen Hehl daraus, dass er ein sehr klares moralisches Urteil über die Nutzung von Smartphones habe. Er bezeichnete es nämlich als "tragic". Diese Haltung trieft nur so von biederem Kulturpessimismus. Sie stellt in Frage, dass Paare, die sich auf Grindr und Ähnlichem kennengelernt haben, echte Gefühle füreinander haben können. Verhoeven beteuerte, er habe ja keine vollendeten Thesen aufgestellt, widerlegte dies auf der Podiumsdiskussion aber selber ständig.

Um auf bürgerliche Tugenden zurückzukommen: Menschen für die ungefragte Weitergabe ihrer Datingprofile und Nacktfotos verantwortlich zu machen, ihnen also implizit nahezulegen sich doch bitte züchtig zu verhalten, ist eine Königsdisziplin von Prüderie und Spießigkeit. Nicht aber das Festhalten daran, dass man ein Recht darauf hat, sich dann zu outen, wann man es will.


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