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Für *Dates

Dries Verhoeven ist nur Briefträger

9. Oktober 2014
Von Kevin Junk

Kevin erwidert Imre: Der Künstler Verhoeven beantworte seine Frage nicht selbst. Stattdessen erprobte er eine alternative Intimität abseits vom Sex. Das Verhalten der schwulen Community in der Grindr-Diskussion trage indes faschistische Züge.

Die Frage nach der Liebe in Zeiten von Grindr zu stellen ist mutig wie notwendig. Liebe ist im 21. Jahrhundert bestimmt nicht mehr der Zuckerguss über der kapitalistischen Notwendigkeit einer Ehe. Bestimmt nicht mehr eine bürgerliche Konstruktion. Was Liebe bestimmt, das müssen wir durch unser Handeln austarieren. Die Frage, die der Künstler Dries Verhoeven mit seinem Projekt Wanna Play? aufwerfen wollte, hat drei verschiedene Stufen:
Kann er, als Person, sich in Zeiten von Grindr noch verlieben?
Können sich schwule Männer in Zeiten von weit verbreiteten Apps verlieben?
Können Menschen sich in Zeiten von sozialen Medien verlieben?

Verhoeven projizierte Chatverläufe, Profildaten und Fotos auf großen LED-Bildschirmen. Dabei achtete das Projekt des Theaters Hebbel am Ufer (HAU) darauf, die Daten zu verfälschen. Die Effekte, die dafür angewendet wurden (Ausschnitte, Filter für die Bilder) genügten allerdings nicht: Enge Freunde konnten Menschen erkennen, die mit Verhoeven interagierten. Dennoch wäre eine fremde Person niemals dazu in der Lage gewesen. Kontrolle und Absicherung waren Aufgaben der kuratorischen Seite, nicht der künstlerischen. Verhoeven kann man also nicht vorwerfen, dass sein Projekt in die falsche Richtung kippte.

Imre Balzer beschreibt den Vorfall korrekt: Verhoeven traf im Laufe der Performance auf den jungen Mann Parker T., der trotz rhetorischer Anspielungen und mehrerer Hinweise im Chat und im Profil von Verhoeven sich beim Anblick des Containers so verletzt fühlte, dass er in den Container stürmte und gegenüber dem Künstler handgreiflich wurde. Wichtig ist allerdings zu wissen, wer der junge Amerikaner Parker T. ist: Als stadtbekannte Dragqueen namens Pansy ist sie gut vernetzt und kann somit eine Lobby schaffen. Mehr Lobby als die 24 Männer, die bei Dries Verhoeven im Container waren.

Olli, ein junger Brite, sprach gerade mit Verhoeven, als Pansy in den Container stürmte. Er war geschockt von der irrationalen Wut und hysterischen Reaktion, verließ den Container und beschloss sich im Anschluss der Diskussion zu entziehen. Auch zur Diskussion im HAU erschien er nicht, obwohl quasi Kronzeuge, weil er „den Glauben an die Urteilskraft der Berliner Community“ verloren habe.

Die in den Medien zitierten Stimmen sind die lauten Stimmen von Leuten, die für „ganz Berlin“ sprechen. Es gilt eine Position gegen sie einzunehmen. Eine reflektierte Position, die die Widersprüche in der Installation fruchtbar machen will für eine nicht nur emotionale Diskussion.

Ein faschistischer Moment

Trotz Entschuldigungen seitens der Organisatoren und des Künstlers sowie verschiedener Statements ließ es sich Parker T. nicht nehmen, per Facebook einen Shitstorm loszutreten. Die Rhetorik, die Parker als Opfer darstellt, ist naiv und kindisch, wenn nicht sogar gefährlich. Die Unfähigkeit, das eigene Betroffensein durch die „Gegenseite“ anerkannt zu sehen und eine Übereinkunft zu treffen, ist für die schwule Community mehr als schädlich.

Am Sonntagabend gab es im HAU2 eine Diskussion mit der HAU-Direktorin Annemie Vanackere und dem kuratorischen Verantwortlichen Cornelius Puschke, dem Chatexperten Martin Dannecker, dem Theaterwissenschaftler Eike Wittrock und natürlich dem Künstler Verhoeven.

Das ausgemachte Opfer Pansy bekam durch die stümperhafte Moderation so viel Redezeit wie kaum einer der Diskutanten, während dem Künstler das Wort abgeschnitten wurde, vollkommen alleine gelassen von der ihm betreuenden Institution. Pansy las eine Rede vor, die neben Befindlichkeiten, fadenscheinigen Rechtfertigungen und Weinerlichkeit wenig zu bieten hatte. Eine sachliche Auseinandersetzung fand nur ansatzweise statt. Dafür, dass sich so viele Menschen aus der queeren Community an eine Sonntagabend in einem Theatersaal versammelten, war dies der faschistischste Moment, den ich je in meinem jungen Leben sehen musste. Faschistisch, weil ich mich hier inmitten eines wütenden Mobs wiederfinden musste, der zum großen Teil aus schwulen Männern bestand, die einen anderen Mann so offen zerlegten, dass nicht viel zu einer Handgreiflichkeit gefehlt hätte. Weil hier eine Gruppe durch eine Stimmung, die in sozialen Medien entstand, so hochgeschaukelt wurde, dass ich an Walter Benjamins Definition des Faschismus denken musste: „Der Faschismus ist die Ästhetisierung der Politik.“

Die Diskutanten waren vor allem amerikanische Migranten (die sich selbst Expats nennen, um nicht mit Menschen aus Mexiko oder der Türkei verwechselt zu werden). Die ironiefreie und zornige Selbstgewissheit dieser Menschen und die Unfähigkeit zu Distanz zur eigenen Persönlichkeit behinderte eine reflektierte Position. Die schwule Emanzipationsbewegung ist zur Kaffeefahrt geworden. An diesem Sonntag wuchs ein neuer Fetisch: die Privatsphäre als höchstes zu schützendes Gut.

Die Tiraden der Entertainerin Pansy überstiegen eindeutig das Maß an Respekt. Es gab keine Verhältnismäßigkeit und öffentliches Verhör mehr. Wenn die Argumente aus der queeren Gemeinschaft, die eigentlich progressiv sein sollte, so klingen wie die von konservativen Wutbürgern, dann ist etwas falsch gelaufen.

Verhoevens Fragen sind banal, auch böse

So banal die Fragen scheinen, die Wanna Play? an uns stellt, so böse sind sie letztlich. Doch es ist zu einfach zu sagen: „Natürlich kann ich mich noch verlieben! Blasphemie!“

Verhoeven selbst bestreitet das nicht. Er missbraucht Grindr im Selbstversuch, will die Möglichkeit von sexuellen Kontakten ausschließen, weil er in einem öffentlich einsehbaren Glascontainer sitzt. Er will bewusst Momente der Intimität konstruieren, die nicht auf sexuellen Handlungen beruhen. Durch das kontra-intuitive Handling der App provoziert er seine Chatpartner und fordert uns alle zum Umdenken auf. Ein Punkt, den Imre Balzer ignoriert. Der Künstler hat keine vorgefertigte Gleichung aufgebaut, in die er sich einfach reinsetzt, um zu beweisen, was er bereits denkt. Im Gegenteil: Er ist auf der Suche nach Überraschungen und will durch seine scheinbar unschuldige Herangehensweise ein Experiment starten, dessen Ausgang er nicht kennt. Es geht Verhoeven um die Auswirkungen des Chattens auf unsere Subjektivität, wozu er Hypothesen hat, die durchaus plausibel scheinen. Es geht dabei aber weniger um allgemeingültige Wahrheiten oder um partikulare Triebbefriedigung. Verhoeven nimmt sich selbst als Beispiel, um davon ausgehend eine Reflektion bei allen Menschen anzustoßen, egal welcher Community zugehörig.

Verhoevens Installation war nicht wasserdicht, teilweise undurchdacht und hat unfreiwillig Menschen verletzt. Der Künstler war an keinem Punkt so arrogant, das nicht anzuerkennen – das Opfer wohl aber so arrogant, diese Entschuldigungen nicht anzunehmen. Stattdessen werden die „Kunst“, die schwule „Community“, die „Privatsphäre“ und viele andere Themen, die eigentlich fruchtbar diskutierten gehören, durch den boulevardesken Schlamm gezogen.

Die Kritik an seiner Praxis, die angeblich und tatsächlich private Daten auf einen Bildschirm projizierte, der auf einer belebten Berliner Kreuzung sichtbar war, ist gerechtfertigt. Verhoeven aber in moralische Geiselhaft zu nehmen, als hätte er diese Möglichkeit erst konstruiert, geht viel zu weit. Die technischen Möglichkeiten sind da: Es ist möglich, wie in Ägypten und Uganda geschehen, Männer via Grindr an bestimmte Orte zu locken um sie dort homophoben Attacken auszusetzen. Verhoeven zeigt uns, wie delikat und zerbrechlich die Illusion von Privatsphäre im Internet eigentlich ist. Die selben Menschen, die im HAU den Künstler wie ein Monster behandeln, treten ihre Rechte an Bildern, auf denen sie aufgrund von Drogenkonsum riesige Pupillen haben, freiwillig an Facebook ab. Wie bürgerlich kommen dann unsere Ideen von Persönlichkeitsrechten daher? Wir müssen darüber nachdenken, wie wir mit bestimmten Medien umgehen, d.h. wie wir die Räume, die sie schaffen, schützen. Und im Umgang mit ihnen auf uns selbst achten. Die Installation Wanna Play? war in ihrer Komplexität und ihrem Scheitern ein wichtiger Impulsgeber für viele Diskussionsstränge, aber Verhoeven ist nur der Briefträger der Nachricht, nicht der Absender.

Der Artikel basiert auf gekürzten Einträgen aus Kevins Blog Wolf auf tausend Plateaus.


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