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Für *Revolutionäre

Der Weckruf des Hahns

12. Oktober 2014
Von Bartholomäus von Laffert

Sie ist jung, ehrgeizig und bringt Hoffnung in ein Land, das von Korruption gebeutelt ist: Mosambiks neue Oppositionspartei MDM fordert mehr Demokratie. Ihre Chancen bei den Wahlen am 15. Oktober sind unabsehbar. Die Regierung schreckt vor wenig zurück, um an der Macht zu bleiben.

„Jugend an die Macht!”, lautet das Wahlkampfmotto der Jugend-Liga der MDM. Ihr Symbol: ein krähender Hahn.

„Jugend an die Macht!”, lautet das Wahlkampfmotto der Jugend-Liga der MDM. Ihr Symbol: ein krähender Hahn.

Adelino Simango gibt ein komisches Bild ab, wie er mit seinen fast zwei Metern Körperlänge zusammengekrümmt hinter dem Steuer seines Kleinwagens sitzt. Geduldig referiert er über die mosambikanische Geschichte und seine gigantischen Visionen. Mit seinen tiefen Augenringen, den Segelohren und der riesigen Nase sieht der 33-Jährige, der hauptberuflich Lehrer ist, wie die menschgewordene Version von Loriots Sketchelefanten Wendelin aus. Während er erzählt, haftet sein Blick auf der Straße, um nicht in einem der planschbeckengroßen Schlaglöcher zu landen. Wortlos passiert er den riesigen Gebäudekomplex, der sich über mehrere Hundert Meter am Straßenrand erstreckt. Hier liegt der Präsidentschaftspalast, gleich gegenüber die Parteizentrale. Das Herz der Partei. Der Partei, die herrscht, seit Adelino denken kann: Frelimo. Es sind die einstigen Erlöser, die jungen marxistischen Revolutionäre, die das Land von den portugiesischen Kolonialherren befreiten, um es dann eigenhändig zu ruinieren. Die alternde Elite rechtfertigt auch heute noch ihre Machtbefugnis mit der einstigen Befreiung. Dicke Autos und noch dickere Villen symbolisieren ihren Wohlstand, während das Volk in stinkenden Wellblechverschlägen vor sich hin siecht. Hier in Maputo, der Hauptstadt Mosambiks.

Mosambik besitzt, was alle wollen und nicht haben

Mosambik ist ein Land, dessen Name allerhöchstens ein paar Henning-Mankell-Fans aufhorchen lässt. Arm, aber nicht notleidend genug für eine Randspalte im Vermischten der öffentlichen Presse. Mosambik belegt Platz 178 von 187 auf dem Human Development Index. Bei Wahlen beobachten die internationalen Beobachter offensichtliche Unregelmäßigkeiten, die aber trotzdem keine Zweifel am Wahlausgang schüren. Und doch wird von diesem Land, in dem die Hälfte der Menschen nicht lesen und schreiben kann, in Zukunft noch viel zu hören sein. Es hat eine der am rasantesten wachsenden Wirtschaften weltweit und besitzt das, was alle wollen, aber nicht haben: unangetastete Energiereserven en masse – Kohle und vor allem Erdgas. Acht Prozent der weltweiten Nachfrage könnten damit gedeckt werden, berechneten Experten des Geopolitical Information Service (GIS) kürzlich. Und die Investoren lassen nicht auf sich warten: Von 700 Millionen US-Dollar 2009 stiegen Zahlungen ausländischer Unternehmen, wie dem US-Erdgasförderer Anadarko und der italienischen ENI, auf 5,2 Milliarden. Weitere 50 Milliarden sind in Aussicht. Ein Geldsegen, von dem vor allem die einheimische Unternehmen profitieren, die führenden Regierungspolitikern gehören, während horrende steigende Grundnahrungsmittelpreise die Unterschicht beuteln. Das BIP freut's.

Adelino bringt seinen Wagen vor einem kleinen Blockhaus, von dessen grau-brauner Fassade der Putz abbröckelt, zum Stehen. Eine kniehohe Mauer umringt das Grundstück, das zwischen all den heruntergekommenen Plattenbauten verloren ist. Davor verkaufen in bunte Wickeltücher gekleidete Frauen Gemüse und Fisch. Jugendliche versuchen, Gürtelschnallen an vorbeieilende Passanten zu verkaufen. Im Vorgarten weht auf einem Bannermast eine kleine weiße Fahne, die einen Hahn vor aufgehender Sonne zeigt: das Zeichen der MDM, der Movimento Democrático de Moçambique, einer Bewegung für die Demokratie, die es in Mosambik laut Adelino nicht gibt. Er ist Präsident der Jugend-Liga der Partei in Maputo. Von Anfang an, seit 2009, ist er dabei, um als Gegenpart zu den Bürgerkriegskadern „endlich Frieden ins Land zu bringen”.

„Wir wollen endlich Frieden ins Land bringen”, sagt Adelino Simango, Präsident der Jugend-Liga der MDM.

„Wir wollen endlich Frieden ins Land bringen”, sagt Adelino Simango, Präsident der Jugend-Liga der MDM.

16 Jahre dauerte der Krieg, von 1977 bis 1992. Die jungen kommunistischen Revolutionäre der Frelimo kämpften gegen die noch jüngeren, von südafrikanischen Geldgebern geförderten Renamo-Rebellen, deren Ziel es war, den erst 1975 neugegründeten sozialistischen Staat zu demokratisieren. Das Ergebnis: fast eine Million Tote und fünf Millionen Vertriebene, schließlich ein Friedensabkommen zweier intrigierender, kriegsmüder Feinde. Das Misstrauen aus der Bürgerkriegszeit hat sich in die Köpfe der verfeindeten Gruppen tief eingegraben. Und doch waren und sind bis heute einzig Frelimo und Renamo vom Volk dazu legitimiert, sich in dem zusammenfallenden Zweiparteiensystem um eine Regierung zu bemühen.

Heuchler gegen Totalverweigerer

Frelimo wiegt sich in der Sicherheit der Macht, während der selbstherrliche Renamo-Anführer Afonso Dhlakama sich aus Angst vor Anschlägen in den Gorongosa-Bergen tief im Landesinneren versteckt. Statt mit konstruktiven politischen Vorschlägen eine wirkliche Alternative zur heuchlerischen Frelimo-Politik zu bieten, beschränkt sich der Egozentriker auf eine Politik der Totalverweigerung. Dafür scharrt er noch immer eine eigene Armee aus Ex-Guerillas um sich, die in der ausschließlich von Frelimo-Männern beherrschten Armee keinen Platz gefunden haben. Erst 2013 hatte Dhlakama, nachdem das staatliche Militär seinen Hauptsitz überfallen hatte, das brüchige Friedensabkommen aufgekündigt. Zuletzt ließ er wieder nach Lust und Laune zahlreiche Militärposten, Polizeistationen und Handelsstraßen beschießen. Rückhalt findet er mit solchen Manövern in der verängstigten Bevölkerung kaum. Nutznießer dieses selbstzerstörerischen Parteienkampfs ist vor allem eine: die MDM um ihren Präsidenten Daviz Simango.

100 Parteieintritte täglich

Adelino schiebt einige Parteiflyer zur Seite, die sich auf seinem Schreibtisch stapeln. „Die sind gestern aus China eingetroffen”, erklärt er stolz. In den engen Räumen häufen sich auf nicht einmal 150 Quadratmetern Kisten voller Flyer, Wahlplakaten und Fahnen, an denen eifrig arbeitende Freiwillige wie Ameisen vorbeirennen, um alles für die kommenden Wahlen am 15. Oktober vorzubereiten. Die Wände sind tapeziert mit Terminkalendern, Finanzplänen und Mitgliederlisten. „Allein in Maputo wollen zurzeit fast 100 Leute täglich unserer Partei beitreten”, sagt Adelino, während er einem jungen Mann namens Oscar den Anmeldebogen zuschiebt. „Ich will dabei sein, wenn wir Mosambik endlich wandeln”, verkündet der Zwölftklässler. Die MDM will dazu den Weg ebnen. Sie bereitet die Machtablösung eines schier unüberwindbaren Gegners vor, der Kontrolle über sämtliche TV-Sender und Tageszeitungen hat, während Adelinos Parteifreundin Rosa Demo-Fotos auf den MDM-Facebook-Account hochlädt.

Die Regierungspartei Frelimo frisst die öffentlichen Wahlkampffonds leer und sichert sich den Zuspruch der armen, ungebildeten Unterschicht, indem sie kurz vor den Wahlen T-Shirts mit den Konterfeis der Kandidaten unters Volk bringt. Sie unterwandert kleine Parteien systematisch, um sie von innen heraus zu zerstören und verweigert der frustrierten Opposition das Mitspracherecht. Sie preist den Kampf gegen Armut und lässt kostenverschlingende Antikorruptionsämter einrichten. Auf diese Weise verschlingt sie die Milliarden, die das siebenprozentige Wirtschaftswachstum jährlich ins Land spült. Um Zweifeln am System vorzubeugen, werden auch Skeptiker mit der „Roten Karte”, wie der Frelimo-Parteiausweis im Volksmund heißt und der dem Personalausweis an Bedeutung kaum nachsteht, an die Partei gebunden. Wer abseits der Straße Arbeit finden möchte, sei es in Firmen, staatlichen Einrichtungen oder in der Presse, benötigt diesen Ausweis.

Die Korruption lähmt das Land wie eine Krankheit

Einschüchtern lassen Adelino und seine Leute sich davon nicht. „Die Leute sehen, dass sich da, wo wir schon regieren, das Leben zum Guten wendet. Und Transparenz hat bei uns oberste Priorität. Das Volk lechzt nach der MDM”, sagt er. Tatsächlich hat die MDM schon wichtige Erfolge erzielt: Bei den Kommunalwahlen im letzten Jahr konnte man in den Großstädten Nampula und Quelimane die Macht erringen, in Beira verteidigen und bei äußerst manipulationsverdächtigen Wahlen in der Hauptstadt empfindliche Stiche gegen die omnipräsente Frelimo setzen. Genug hat man bei der MDM deswegen noch lange nicht, denn die Ziele sind groß: Arbeit für die Jugend schaffen will sie, erklärt Adelino. Und vor allem will sie die Korruption eindämmen, die sich wie Metastasen über alle Organe des krankenden Staatsapparats ausbreitet und jeglichen sozialen Fortschritt in dem Land im Keim erstickt: Noch immer sterben Menschen in den langen Warteschlangen vor heillos überfüllten Krankenhäusern, weil sie nicht zahlen können. Noch immer ist die Zulassung zu den Universitäten denen vorbehalten, die die umgerechnet 750 Euro aufbringen können, um Professoren zu bestechen. Und bei der Polizei ist Korruption so weit integriert, dass es im täglichen Miteinander fest taxierte Schmiergeldpreise für Gewaltverbrechen, Straßenunfälle oder Trunkenheit am Steuer gibt. Richtern und Politikern wird kein Vertrauen mehr entgegengebracht.

Lagebesprechung im MDM-Hauptquartier in Maputo, der Hauptstadt Mosambiks.

Lagebesprechung im MDM-Hauptquartier in Maputo, der Hauptstadt Mosambiks.

Dass die MDM für Frelimo längst mehr als nur der Plagegeist einiger jugendlicher Abtrünniger ist, zeigen die dünnhäutigen Reaktionen auf die zunehmenden Erfolge: Seit Juli versucht die Regierung, mithilfe der Wahlkommission MDM-Wahlkreise wettbewerbsverzerrend auseinanderzureißen. Erst vor wenigen Wochen wurde ein erneutes Friedensabkommen von Vertretern des Präsidenten Armando Guebuza und dessen Erzfeind Dhlakama unterzeichnet. Begleitet wurde es von einer Menge Zugeständnisse seitens der Frelimo, wohlwissend, dass man ohne erneute Teilnahme des einstigen Feindes um die Macht bangen müsste.

Doch Adelino gibt sich siegessicher: „Wir werden gewinnen! Nein, wir haben schon gewonnen!” Gerade in den bildungsarmen ländlichen Regionen aber sind die Menschen der Frelimo-Propaganda ausgeliefert und sich ihrer Alternativen kaum bewusst. Und selbst, wenn der Wähler so wollte, würde ihm die Frelimo wohl kaum widerstandslos den Zugang zu den nationalen Goldgruben abtreten. Denn diese auszubeuten hat gerade erst begonnen, sich zu lohnen.


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