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Für *Klippenspringer

Schizophrener Libanon

25. September 2014
Von Caroline Schmitt

Rechts das Meer und links das Gefecht. Caro fährt von Beirut ins südliche Sidon, und sucht nach Widersprüchen im Land zwischen Syrien, Israel und Mittelmeer. Ihre Haare bleiben dabei gerade noch trocken.

Camille zerrt mich in den verrosteten Minibus. Mein rechter Fuß ist noch nicht ganz drin, da rast der Fahrer los, begleitet von rhythmischer, arabischer Musik und Hupen und Geschimpfe hinter uns. Irgendwie stolpern wir zur hinteren Reihe, lassen uns auf das, was vor zwanzig Jahren Sitze waren, fallen und fahren Richtung Süden. Nach zwei Minuten stoppt der Bus und lässt eine siebenköpfige Familie rein, sie setzen sich zweigestapelt hin und summen mit dem Autoradio.

Wir sind gleich raus aus Beirut und auf dem Weg Richtung Sidon. Rechts ist das glitzernde Meer, links das Gebiet, das das Auswärtige Amt empfiehlt zu meiden. Im Juni 2013 gab es hier während des Syrienkrieges blutige Auseinandersetzungen zwischen dem libanesischen Militär und Sunniten. Im Bus herrscht ausgelassene Stimmung. Wir überholen rechts ein Fahrrad, an dessen Lenkrad eine Wolke pinker Zuckerwatte gebunden ist, links ein kleines Flüchtlingslager, das sich optisch nicht vom Rest der Häuser unterscheidet. Auf einem Balkon im zweiten Stock trocknet Wäsche in ausgeblichenem Blau bei 35 Grad und Windstille. Wir steigen noch einmal in ein Auto um, das man da, wo ich aufgewachsen bin, als zwielichtig bezeichnen würde. Der Fahrer hat einen langen schwarzen Pferdeschwanz, wirft seine Fluppe aus dem Fenster und versichert uns, er sei einer von den Guten. Aber nicht alle hier sind so wie er, sagt er. Dann plappern er und Camille auf Arabisch weiter und ich lehne meinen Kopf aus dem Fenster. Das ständige Hupen ist jetzt zu einer soliden, beständigen Geräuschkulisse geworden, während all die Stimmen der letzten 24 Stunden in meinem Kopf aufeinandertreffen, sich ergänzen und widersprechen. Beirut ist schizophren, das liest und hört man überall.

Bild: Caroline Schmitt

Medien. Ray, der Besitzer eines Falafelimbiss in Achrafieh, das seit 1945 im Familienbesitz ist und den Himmel auf Erden für zwei Dollar verkauft, strotzt vor Heimatliebe und Stolz auf sein erfolgreiches Geschäft. Die internationalen Medien findet er schrecklich. Sie verpesten das Bild der Westen von der Gegend hier hat, sagt er. Die Gefahr ist nur in den Köpfen.

Feuerwerke. An meinem ersten Abend läuft ein 30-minütiges Feuerwerkkonzert. Zuerst werde ich nervös, beim zehnten Knall fühlt es sich schon normal an. Es scheint leicht masochistisch in einer relativ friedlichen Zeit an den Klang von Bomben zu erinnern. Im Juni gab es in Beirut drei Bombenanschläge innerhalb einer Woche. Eine Autobombe steht im Libanon alle paar Monate auf der Tagesordnung. Warum gibt es hier ständig Feuerwerke?, frage ich am nächsten Tag meinen Mitbewohner. Naja, hier ist es seit drei Wochen still. Ich glaube, die Menschen vermissen die Bomben, lacht er.

Dekadenz. Auf der Stadt gefährden Fußgänger dank rücksichts- und geduldloser Fahrweise nicht selten ihr Leben, deshalb steigt man besser auf Servicetaxis um. Auf den Weg nach Hamra springe ich in eins, der Fahrer streckt mir die dünnste Zigarette aller Zeiten hin. Nee danke. Er steckt sie trotzdem an. Mhm. Schickes Auto. Sein Mercedes mit brauner Lederausstattung ist sein ganzer Stolz, das betont er, bis wir ankommen. Am Straßenrand steht ein Baufahrzeug, aus dem ein fetter Strahl Wasser auf die Straße spritzt. Im letzten Moment reißt er das Lenkrad rum, damit das Vogelnest auf meinem Kopf nicht zerwasserbombt wird. Ich lache schallend, er zuckt nicht mal mit der Wimper.

Apropos Wasser. Bei gefühlten 60 Grad zu jeder Tag- und Nachtzeit ist es Beirutis nicht zu verdenken, dass sie entweder in die kühlen Berge oder ins halbwegs erfrischende Meer flüchten. Hier kann jeder Bürger beliebig viel Land erwerben, deshalb sind viele Strände in Privatbesitz und die Eigentümer können einen Eintritt in fantasievoller Höhe verlangen. Wir schmuggeln uns für ein paar Dollar rein, schwimmen Richtung Unendlichkeit, pusten Wassertropfen von der Handfläche Richtung Sonnenuntergang und tanzen in Zeitlupe unter Wasser. Als die Sonne erfolgreich in die kaugummifarbene Unterwelt geplumpst ist, ziehen am Strand zehn Jungs ein Fischnetz an den Strand. Es dauert zwei Stunden, und dem verhaltenen Stöhnen nach zu urteilen haben sie das Netz wahrscheinlich aus Zypern hergezogen. Die Beute ist ein riesiger Berg von unförmigen kleinen Fischen. Kann man die grillen?

Partymeile. In Mar Mikhael geht derweil die Post ab. Hier wechseln sich zwischen Ästhetik und Zerfall Cafés, Galerien und buntbemalte Treppenstufen ab. Nach Feierabend gibt es keine verschiedenen Parteien mehr, nur noch Partys. Jabal, der glatzköpfige Barkeeper und gebürtige Beiruti der Bar rechts vom Internazionale liebt die hübschen Mädchen, die Musik, die langen Nächte. Er arbeitet 64 Stunden die Woche. Es reicht aber trotzdem kaum, sagt er leise und wechselt das Thema.

Leere. Ich kann jederzeit zurückkehren in die Seifenblasenwelt namens Westeuropa, ein Taxi zum Flughafen kostet 20 Dollar. Der zehnjährige syrische Junge, der seit einer halben Stunde neben mir auf der Straße einen angeleinten Hund ausdruckslos an sein Gesicht hält, kann das nicht.

Ich halte meinen Kopf in den Fahrtwind. Die Türen bleiben hier meist offen, damit man nicht erstickt vor Hitze. Wir springen raus, laufen über eine Ruine am Meer, beobachten Fischer neben dem Leuchtturm und einen Jungen, der mit Anlauf von einem wohl hundert Meter hohen Vorsprung springt. Wir trotten vorbei an den Ständen des städtischen Souk. Ein Händler gibt uns eine Pepsi aus und führt uns ans andere Ende der von Sunniten besetzten Stadt, um uns ein eine gute Fischbar zu zeigen. Hinter der Pommesschale geht die Sonne unter, das Meer sieht hier höher und voller aus als im Norden. Ein Vorbeigelaufener aus Palästina erzählt von dem Glück, das er empfindet, im Libanon vor Jahrzehnten Zuschlupf gefunden zu haben, und wie sein europäisches Abenteuer an der polnischen Grenze vor vielen Jahren missglückte und er wieder zurück musste. Er grinst schief.

Auf dem Rückweg nach Beirut, als mein Kopf ein bisschen rauscht von zu viel Shisha und menschlichen Widersprüchen, für die sich hier niemand interessiert, lehnen sich im Bus alle aneinander und summen zur Musik. Ich schließe die Augen und kann mir die Leichtigkeit und Freiheit die hier herrscht nicht erklären, tauche aber trotzdem ganz tief ein. Wer weiß, wie lange das noch hält. Dann kommt das Fahrzeug, das da, wo ich herkomme, wohl schnell auf dem Schrottplatz landen würde, mit einem Ruck zum Halt, sammelt noch ein junges Paar ein, obwohl der Bus eigentlich schon rappelvoll ist, und tuckert weiter, vorbei an der Stille der Natur und bis zum Militär, das am Stadtrand Beiruts mit schweren Gewehren steht. Das Radio ist bis zum Anschlag aufgedreht.

Irgendwie ist die leise Angst dann doch da. In meinem Kopf, nicht auf der Straße. Aber die Partys, die überschwängliche Gastfreundschaft, die unschuldige Neugier gegenüber allem Fremdem, die kulinarischen Wunder, das konstante Hupen und die überfüllten Straßen, das sanfte, manchmal nebelblasse Blau der Berge im Norden und Süden, der Müll, die Gewalt in Arsal und die angebliche Gewalt auf den Karten der Auswärtigen Ämter, all das bleibt, verändert sich oder kollabiert im Rhythmus der Feuerwerke.


Kommentare

vb12Am 11. Oktober 2014

Schöner, eindrucksvoller Artikel.