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Für *Handwerker

Besser als Fernsehen

3. September 2014
Von Jakob Hinze

Jakob aus Hamburg ist Autor bei TONIC

Texte von Jakob
autor@tonic-magazin.de

Jakob Hinze

„PHASE 0 – How to make some action“ ist das Buch der Selbermacher in der Welt der Fertigware. Wer selber Großes vor-, aber noch keinen Plan hat, wird darin einen Schatz an Erfahrungen finden.

Der Keeper, der einzige, der handgreiflich wird. Der anpacken kann – und muss. Hier aber steht Kahn alleine da, zehn fehlen. Die Pixel verschweigen: Niederlage oder Hosenstall?

Der Keeper, der einzige, der handgreiflich wird. Der anpacken kann – und muss. Hier aber steht Kahn alleine da, zehn fehlen. Die Pixel verschweigen: Niederlage oder Hosenstall?

„Jugendliche lieben die Industrie, die Kommerzialisierung ihrer Welt. Sie wissen: ohne die Industrie keine Musik, keine Partys, keine Mode, keinen Spaß.“ Auf fast 200 Seiten haben sie ihre Geschichten erzählt: junge Leute, die ihre Ideen nicht aufgeben wollten, bloß weil sie absurd und größenwahnsinnig sind. Die alles selbst gemacht haben, von vorne bis hinten. Die Musiklabels, Demos, Festivals aus dem Boden gestampft haben, buchstäblich im Schweiße ihres Angesichts. Und dann, ganz am Ende, steht trotzdem dieser Satz, diese Bilanz. Wie?

Fernseher läuft doch.

Hinter dem scheinbaren Widerspruch verbirgt sich eine unheilvolle Wirkungskette: Jugendlichen mangelt es nicht an Leidenschaften, den Leidenschaften mangelt es aber an Unterstützung. Es fehlt an Erwachsenen, die darin mehr erkennen als Ablenkungsgefahren für ihren Nachwuchs, von so zielführenden Tätigkeiten wie Hausaufgaben machen oder sein Studium in der Regelstudienzeit abschließen. Das Desinteresse daran, wofür sich Jugendliche von sich aus begeistern können, zieht sich von Elternhäusern übers Bildungssystem bis in die Politik. An deren Stelle nimmt sich die Industrie dieser Leidenschaften an und investiert Milliardenbeträge, um sie zu erfassen und die Produkte zu erzeugen, die sie bedienen. Jugendliche werden zum Konsum erzogen, zum Kaufen statt Selbermachen. Sie lernen, dass man nicht selber aktiv werden muss, um Spaß zu haben und zufrieden zu sein: Gibt doch genug Musik in den Charts. Sieht doch gut aus, die H&M-Sommerkollektion. Fernseher läuft doch.

Bis sich das System seine eigenen Gegner schafft: Leute, die keine Möglichkeiten mehr sehen, sich abzugrenzen. Die im Überfluss des Angebots nicht das finden, was sie wirklich wollen, und auf die verwegene Idee kommen, es selbst zu machen.

„Dieses Buch ist kein Handbuch.“

Das Buch PHASE 0 – How to make some action gibt dieser Opposition ihre Bühne. Dabei ist der Titel, ohnehin eher Englisch als aussagekräftig, etwas irreführend, wie schon das Vorwort zeigt: „Dieses Buch ist kein Handbuch.“ Hier berichten die Aktionisten aus erster Hand, wie sie allen handwerklichen, zeitlichen und finanziellen Unmöglichkeiten zum Trotz ihre Bastelwerkstatt gegründet, ihr eigenes Festival organisiert oder ihr Künstlerkollektiv am Leben erhalten haben. Sie erzählen die ihrem Verlauf nach oft ähnlichen Geschichten von gescherzten Ideen, euphorischer Planung, Widerständen, Durchhaltevermögen und dem unbeschreiblichen Stolz derjenigen, die etwas geschaffen haben. Aber sie sagen nicht: So geht es. So beeindruckend die darin geschilderten Leistungen sind, so wenig versuchen sie daraus einen Ratgeber abzuleiten, den Nachahmer nur gewissenhaft studieren müssen. Sebastian Cleemann, der im Buch die Entstehungsgeschichte seines Musiklabels Sinnbus erzählt, fasst zusammen:

„Die Lehren, die die Beteiligten selbst aus ihrer Geschichte ziehen können, sind zum einen eher Lebenshilfefloskeln als dezidierte DIY-Prinzipien und zum anderen zu unscharf fürs Leitbildposter im Büro. Es ist also alles ganz einfach. Immer alles richtig machen.“

Klimaaktivisten und Computer-Nerds

Doch obwohl die Autoren von Phase 0 sich begründet weigern, Tipps fürs Merkheft zu formulieren, sind ihre Schilderung mehr als nachträgliche Selbstbeweihräucherung für vollbrachte Taten. Dass die Lektüre nicht ermüdet, ist der Verschiedenheit ihrer Verfasser zu verdanken: Die Initiatoren einer Silent Climate Parade machen nicht nur etwas völlig anderes als der Club für „Theatrale Computergames, sondern sie schreiben auch ganz anders darüber.

Stünde nicht „Phase 0“ drauf, könnte es auch drinstehen: Die Entstehung des Bastelwerkes ist selbst ein Projekt wie es – im wahrsten Sinne des Wortes – im Buche steht. Der Druck wurde über Crowdfunding und Fördergelder finanziert, seit 2012 arbeitet der Verein komplett ehrenamtlich. Und ergänzt das Buch auf seiner Website, und zwar fortlaufend.

Im Idealfall inspiriert dieses Buch die eigenen Pläne, im schlimmsten bleibt es beim passiven Lesekonsum. Besser als Fernsehen wäre auch das.


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