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TONIC extrem: eine Woche „Bild“-Zeitung

29. August 2014
Von Imre Balzer

Letzten Monat noch hat Imre extra einen „Bild – Nein Danke“-Aufkleber an den Briefkasten geklebt um keine Gratis-“Bild“ zu bekommen. Seine Vorbehalte gegen das Springer-Blatt sitzen tief. Doch was passiert, wenn er es eine Woche lesen muss?

Sie von vorne bis hinten durchzulesen, ist gar nicht so einfach.

Sie von vorne bis hinten durchzulesen, ist gar nicht so einfach.

Für die Reihe „Sachen extrem tun“ bedienen sich verschiedene TONIC-Autor_innen ab sofort des guten alten Genres Selbstversuch, um sich dem wahren Leben ein Stück näher zu bringen. Aber nicht irgendwie, sondern extrem.

Ich habe noch nie die Bild-Zeitung gelesen. Ehrlich. Wieso sollte ich auch? Von meinen Eltern, Günter Wallraff und Stefan Niggemeier habe ich gelernt, dass die Bild (und damit Springer im Allgemeinen) böse, primitiv und reaktionär ist. Braucht es noch mehr, um am Kiosk lieber zur Qualitätspresse zu greifen? Doch selbst überprüft hatte ich diese übernommenen Argumente nie. Wie würde sich meine Meinung ändern, wenn ich eine Woche lang die Worte aus Kai Diekmanns Clan im Original lesen würde?

Montag: „Die Politik hat meine Seele beschädigt“

Die Woche beginnt mit einem mir am Kiosk ungewohnten Gefühl: Scham. Lange suche ich mir den richtigen Kiosk für den historischen Moment meines ersten Bild-Kaufs. Die Verkäuferin behandelt mich ganz normal – doch lieber noch hätte ich den Playboy gekauft. Zu Hause angekommen schüchtern mich die schrillen Farben und die schreienden Überschriften zunächst ein. Ich checke mindestens 30 Minuten Zeit Online und Süddeutsche.de, bevor ich mich endlich an die großen schwarzen Buchstaben wage.

Am Tag zuvor hatte die Bild am Sonntag einen enorm rassistischen Kommentar veröffentlicht. Kai Diekmann, Chefredakteur der Bild und seit Neustem Botschafter des Bartes, widerspricht BamS-Vize Nicolaus Fest in dieser Ausgabe persönlich: „Keine Pauschalurteile über den Islam“, heißt es da auf Seite eins. Ganz schön fortschrittlich! Ich bin angenehm überrascht ob der klaren Positionierung. Ansonsten bin ich verwundert, wie viel Werbung (drei ganze Seiten) und etwas enttäuscht, wie wenig Brüste (ein Paar) zu sehen sind. Das hatte ich mir anders vorgestellt. Die Titelgeschichte über Gerhard Schröder finde ich aber interessant. „Meine Seele hat im politischen Leben Schaden genommen – und zwar nicht, weil es um mein persönliches Schicksal ging, sondern weil in meinen Händen das Schicksal und das Leben anderer Menschen lagen“, lässt Schröder verlauten – die Bild unterstreicht den Satz, weil er so wichtig ist. Ein bisschen Klatsch über Daniel Küblböck hat nie geschadet („Mein neues cooles Leben in Berlin“) und selbst Mord und Totschlag klingen bei der Bild meist ganz schön komisch. Erst beim Horoskop wird es mir dann doch ein bisschen zu viel. Obwohl: „Ihr Selbstbewusstsein ist berechtigt. Sie gewinnen neue Sympathien.“

Dienstag: „Sommerloch da!“

Gleicher Kiosk, gleiche Verkäuferin. Es geht besser. Trotzdem ist mir noch etwas unwohl, vor allem, da noch weitere Kunden im Laden sind und ganz dicht bei der Kasse stehen. Schnell die 70 Cent auf den Tresen legen und weg! Draußen auf der Straße lasse ich die Zeitung schnell im Rucksack verschwinden.

Ich lese am Schreibtisch. Es fühlt sich ein bisschen nach Arbeit an. Sie von vorne bis hinten durchzulesen ist gar nicht einfach, denn auf jeder Seite verstecken sich Dutzende Artikel und Kommentare. Zum Glück gibt's ja noch die großen Bilder, da kann man nicht viel falsch machen.

Langsam kommt mir der Gedanke, dass die Bild vielleicht gar nicht böse und schmutzig ist, sondern einfach nur ein bisschen banal, so wie die Welt da draußen auch oft. Die Bild-Redaktion bereitet diese Welt für ihre Leser auf, vor allem durch Personalisierung, Skandalisierung und Emotionalisierung. Garniert wird das Ganze noch mit der Servicefunktion, durch die Werbung und redaktioneller Teil verschwimmen (zum Beispiel hier) oder Werbung einfach als Artikel verkauft wird, Überschrift:„Drei Outfits für unter 50 Euro!“ Highlight des Tages: „Kastrationsangst! Affen ausgebüxt“

Mittwoch: „Kühe trampeln Urlauberin tot“

Ich kann mir die Bild bei der Arbeit von der Sekretärin mitnehmen. Ich erzähle ihr von einem Uniprojekt, für die ich die Zeitung angeblich brauchte. Sie glaubt mir zum Glück.

Zu Hause lese ich beim Essen am Küchentisch. Und zum ersten Mal macht es mir Spaß. Ich fühle mich dem Bild-Niveau weit überlegen, genieße die lustigen Geschichten jedoch zusehends. Ein bisschen ist es wie beim unnützen Wissen in der Neon: Eigentlich bescheuert, und doch lese ich die Rubrik immer als erstes. Mit meinem Wissen über Daniel Küblböcks neues Leben („Wohnen in Mitte, Partynächte in Friedrichshain und Kreuzberg") konnte ich sogar schon bei meinen Freunden punkten. Böse erscheint mir nichts mehr an diesem Blatt, höchstens ein bisschen primitiv. Aber: Ich hab auch schon mal das Dschungelcamp geguckt, also hey, was soll's!

Donnerstag: „Lottozahlen völlig irre!“

Nach vier Tagen Lektüre durchschaue ich die Strategie der Bild mehr und mehr, was den Lesegenuss leider empfindlich schmälert. Der Inhalt der Zeitung funktioniert fast komplett ohne die aktuelle Nachrichtenlage. Jede Geschichte ist eine Fortsetzungsgeschichte, die sich über mehrere Ausgaben zieht. Das spart Recherche und hält die Leser bei der Stange. Auch ich will wissen, wie es mit dem Riesenwels in Berlins Badeseen weitergeht oder ob die Bild-Reporterin wieder heile aus den „Terror-Tunneln“ der Hamas zurückgekommen ist. Mit der Wirklichkeit da draußen hat das nicht mehr viel zu tun, eher mit einem Fortsetzungsroman. Bestes Beispiel: „Görli-Dealer belagern U-Bahnhof“. Die Problematik ist alt und bekannt, trotzdem schafft es die Bild, über zwei Tage eine fast investigative Geschichte daraus zu machen: „Hier wollen Görli-Dealer dem BILD-Reporter Drogen andrehen“.

Ach ja, gekauft habe ich mir diese Ausgabe übrigens bei Kaufland. Zunächst laufe ich ganz ungeniert und offen damit durch den Laden. Am Ende bin ich dann doch heilfroh, dass die eine Bekannte, die dort arbeitet, heute nicht an der Kasse sitzt.

Freitag: „In diesem Brief gesteht ein Hells Angel einen Mord“

Es ist schon ganz normal die Bild zu kaufen. Ich lese in der Pause vorm Hausarbeitenschreiben auf der Museumsinsel. Vor der Bibliothek möchte ich dann doch nicht damit gesehen werden. Wie schlimm wird Putins Rache an uns, und schätzt Erdoğan die Türken in Deutschland wirklich falsch ein? Fragen über Fragen, die die Bild in gewohnt souveräner Art abräumt (Putin dreht an der Energiepreisschraube und ja, Erdoğan schätzt sie falsch ein). Ich werde beim Lesen von Touristen fotografiert – stört mich nicht! Auch als ich wieder in die Bibliothek gehe, schaffe ich es schon, die Bild locker unter den Arm zu klemmen, ohne rot zu werden.

Samstag: „Jenny Elvers blutig geschlagen!“

Ich sitze im Fernbus und schlage die Bild auf. Schon die Titelgeschichte klingt derart spannend, dass ich schnell zu Seite fünf blättere, um mir das blutige Ohr von Frau Elvers anzusehen. Auch wenn die Geschichte von der Protagonistin selbst dementiert wurde, ist sie immer noch gut. Fiktion halt. Persönlichkeitsverletzung? Egal! Die Person vor mir dreht sich schon um, weil ich so laut raschle.

Interessanter ist dann jedoch Seite zwei, auf der mir ein gelb-blaues Logo auffällt. Die FDP darf hier prominent für ihre politischen Vorhaben werben, indem die Bild einfach den Original-Brief des Vorsitzenden abdruckt (Lindner an Schäuble: „Hören Sie auf, sich an der 'kalten Progression' zu bereichern!“). Und wieder einmal wird deutlich, dass zwischen den netten Geschichten, bunten Bildern und der vielen Werbung eben immer wieder anti-linke politische Stimmung gemacht wird. Dabei stellt sich die Bild gerne als Kämpferin für den kleinen Mann und gegen den übermächtigen Staat dar, was auch perfekt zur Servicefunktion der Zeitung passt (Nach dem Motto: „Weltuntergang? Das springt für Sie dabei raus!“). „Kämpferisch“ erklärte Thüringens Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht (CDU) schon am Montag: „Darum dürfen SPD und Linke nicht koalieren“. In diese Richtung stoßen eben nicht nur die offen plakativen Kommentare, sondern perspektivisch fast jeder Artikel. Hoffentlich merken das die anderen 2,5 Millionen Leser auch. Ich stecke die Bild erst mal wieder in die Tasche und hoffe, dass die Mitreisenden nicht zu viel mitbekommen haben.

Sonntag: „Die 50 schönsten Strände Deutschlands“

Ich kaufe ich mir die Zeitung lieber im Internet. Ich bin bei meinen Eltern und vor ihnen wäre mir das Bild-Lesen doch unangenehm. Ich lade mir das E-Paper für 1,70 Euro runter.

Diese BamS-Ausgabe ist eine besondere, denn sie ist die erste nach dem rassistischen Kommentar des stellvertretenden Chefredakteurs. Aber natürlich schlägt sie auch daraus Kapital. Durch das Gegenüberstellen von positiven und negativen Lesermeinungen über vier Seiten adelt die BamS den Beitrag Nicolaus Fests als wertvollen Debattenanstoß. Irgendwie bin ich angeekelt. Und so, wie ich die Bild kennengelernt habe, ist das letzte Wort hier noch nicht gesprochen. Morgen gibt es sicher wieder Geschichten über „Ehrenmorde“, Zwangsverheiratungen oder Asylmissbrauch. Fortsetzungsgeschichten natürlich. Dann aber wieder ohne mich – ich bin ziemlich erleichtert, dass der Selbstversuch vorbei ist.

Fazit: Die anfängliche Furcht vor den großen Überschriften und bunten Bildern wich schnell dem Spaß an der einfachen Lektüre. Doch schon nach kurzer Zeit wird die Masche zu offensichtlich und durchschaubar. Das störte den Lesegenuss gehörig und brachte mich vor allem im Politik-Teil auf die Palme. Zu eindeutig war der wirtschaftsliberale Drall der Berichterstattung. Meine Eltern hatten eben doch Recht – und Wallraff und Niggemeier sowieso.

Alles in allem: sieben Tage Bild-Zeitung, 5,20 Euro für die Springer AG und endlich eine eigene Meinung: meistens banal, manchmal böse. Ab morgen lese ich wieder die Süddeutsche.


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