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Für *Fischköppe

Trügerische Aussichten

8. Juli 2014
Von Tom Solbrig

In Deutschland gibt es immer weniger Küstenfischer. Im Ostseebad Binz ist nur noch ein einziger übriggeblieben. EU-weite Fangnormen bedrohen die Existenz kleiner Betriebe. Tom Solbrig hat den Fischer Jürgen Kuse bei seiner Arbeit begleitet – und mit seiner Reportage darüber den Spiegel-Schülerzeitungspreis gewonnen.

So romantisch wie die Szenerie vermuten lässt, ist der Fischerberuf lange nicht mehr.

So romantisch wie die Szenerie vermuten lässt, ist der Fischerberuf lange nicht mehr.

Ein wenig verschlafen steht er da, der letzte Fischer von Binz. Er reibt sich die Augen und grüßt mich freundlich. Es ist sechs Uhr morgens. Frühschwimmer tauchen in der kalten Ostsee ab. Strandläufer drehen ihre Runden. Und fernab am anderen Ende der Ostsee ist ein Sonnenaufgang in den verschiedensten Rot-Facetten zu bewundern. Jürgen Kuse und sein Sohn Manuel verladen rote Kisten in ihr Strandboot und ziehen es mit Stahlseilen und einer Winde in die Ostsee. Ein wunderschöner Anblick. Dabei ist kaum Seegang, friedlich liegt die Ostsee da.

Doch die Idylle trügt. Denn die „Existenz der Küstenfischer ist bedroht. Die Besitzer handwerklich kleiner Fischereien durchleben zurzeit eine schwere Zeit, zumal die Fangquote den Fischern schlicht die Lebensgrundlage entzieht. Und eben eine solche Fischerei betreibt Jürgen Kuse: „Wir betreiben die Stellnetzfischerei“, erzählt er, „die ist im Gegensatz zur Schleppnetzfischerei eine schonende Fischerei. Unsere Netze stehen im Wasser und sehen aus wie Maschendrahtzäune. Die kleinen Fische gehen durch, die großen bleiben drin. Anders als bei der Schleppnetzfischerei – da geht alles rein.“ Gemeint sind die großen Kutter, die unweit nordwestlich von Binz im Hafen von Sassnitz liegen. Doch auch sie kämpfen ums Überleben, weiß Andreas Schlüter vom Landesfischereiverband Mecklenburg-Vorpommern: „Wenn ich mich an den Sassnitzer Hafen in den siebziger Jahren erinnere, da lagen manchmal bis zu 200 Kutter! Heute sieht man, wenn man Glück hat, nur noch zwei verbliebene Kutter.“

Fischer sind bundesweit bedroht

Nicht nur hier in Binz oder Sassnitz beklagt der Landesfischereiverband einen starken Rückgang von Kutter- und Küstenfischern, sondern im gesamten Bundesland: „Zu Wendezeiten gab es über 1000 vollerwerbstätige Kutter- und Küstenfischer in Mecklenburg-Vorpommern. Heute sind es gerade einmal noch 315“, sagt Schlüter, „Wenn man bedenkt, dass es 2006 noch 396 waren und viele der altgedienten Fischer entweder keinen Nachwuchs haben oder den Betrieb auf keinen Fall weiterführen wollen, sind es in zehn Jahren ungefähr 200 oder weniger.“

Inzwischen tuckert das nussschalenähnliche Strandboot der Kuses im Prorer Wiek von Stellnetz zu Stellnetz. Heute wollen sie Flundern fangen. Zwei Kisten haben sie sich erhofft, denn im Sommer wird nur das gefangen, was sie über ihre Gaststätte absetzen können. Und im Winter – in ihrer Hauptsaison – kann man als Tourist sogar vor Ort beobachten, welche stundenlange und haarsträubende Angelegenheit es ist, die Fische aus den Netzen zu befreien. Oft packt da eine ganze Mannschaft von Helfern an, die in Teilzeit arbeiten.

Jürgen Kuse ist der letzte Fischer im Ostseebad Binz. Der Beruf lohnt sich nicht mehr. Außerdem fehlt der Nachwuchs: Kaum jemand will die Betriebe noch übernehmen.

Jürgen Kuse ist der letzte Fischer im Ostseebad Binz. Der Beruf lohnt sich nicht mehr. Außerdem fehlt der Nachwuchs: Kaum jemand will die Betriebe noch übernehmen.

Die Fangquote bedeutet das Ende der kleinen Fischer

Der harte Beruf Fischer lohnt sich kaum noch. Andreas Schlüter hat gerade in der Zentrale die neuen Fangquoten für 2014 erhalten, die gleichzeitig für Jürgen Kuse nichts Gutes versprechen. Erneut muss er mit weniger Fangmengen auskommen, die ohnehin schon gering sind. Denn die EU-Kommission hat wieder einmal die Quoten herabgesetzt. Den deutschen Fischern ist 2014 nur noch eine Menge von 10900 Tonnen Hering gestattet – das entspricht einem deutlichen Minus von fast 25 Prozent zum vorherigen Jahr. Die Genossenschaft ZAG Rügenfang schrieb den Kuses 2012 eine Fangmenge von 23 Tonnen Hering vor. Das mag viel klingen, doch vor wenigen Jahren fischten sie noch etwa 100 Tonnen Hering aus der Ostsee. Und falls Jürgen einen guten Tag im Frühjahr erwischen sollte, ist schon mal das ganze Strandboot voll – ein bis zwei Tonnen Hering wären das.

„Früher war man froh, wenn das Netz voll war. Heute hofft man, dass nicht zu viel drin ist“, schimpft Jürgen Kuse über die Fangquote, weil sie wie ein Hindernis ist und man nur schwer mit ihr umgehen kann. Daher erinnert er sich noch gerne an DDR-Zeiten. Der Heringspreis war damals subventioniert und die Fischer brauchten sich über die Einkünfte keine Sorgen machen. Damals tuckerten acht Boote mehr vor Binz. Doch jetzt ist Ruhe eingekehrt, seitdem die Europäische Union das Sagen hat. Schlüter: „Nach den vielen Jahren guter Zeiten für diesen Berufsstand aufgrund immenser Heringsfänge ist die Situation sehr schnell ins Gegenteil verkehrt worden! Die Fangquoten sind seit Jahren rückläufig. Das bringt viele Kleinunternehmen und Privatbetriebe in arge Existenznot.“ Allerdings wissen die Kuses nur zu gut, dass die Fangquote, so hart sie auch ist, für eine bessere Zukunft steht.

In Rostock beobachtet man seit Jahren den Fischbestand in der Ostsee. Weil Meeresbiologen vor einigen Jahren einen Rückgang von Heringslarven feststellten, musste eine Fangquote her, die 2004 verschärft wurde. „In solch einer Situation sichert also allein die Reduzierung der Fangmenge die Nutzbarkeit des Bestandes und damit auch die Zukunft aller Fischer. Die Fischerei ist daher keinesfalls durch Fangquoten bedroht, sondern im Gegenteil durch diese insgesamt gesichert“, so der Meeresbiologe Christopher Zimmermann vom Institut für Ostseefischerei. Allerdings muss Zimmermann auch gestehen, dass die wenigen noch verbliebenen Fischer durch diese Regelung finanziell am Limit sind: „In Deutschland hat sich der Staat, der die Fangquoten verteilt, entschieden, die Quoten für alle gleichmäßig zu reduzieren, auch wenn das die wirtschaftliche Situation für die allermeisten Fischer stark verschlechtert.“

Da der Verkauf einer Tonne Hering an die ZAG Rügenfang kein echtes Geschäft für Jürgen Kuse ist und mit einem Honorar von nicht mehr als 500 Euro belohnt wird, haben die Kuses nach der Wende ein Restaurant am Südende der Strandpromenade eröffnet, das inzwischen ein wichtiges Standbein ist. Außerdem können Kunden per Direktvermarktung am Strand frischen Fisch unmittelbar aus dem Netz erwerben.

Die Touristen bringen das nötige Kleingeld

Nachdem Jürgen Kuse nach der etwa dreistündigen Fahrt am Binzer Strand wieder angelegt hat, verirren sich jedoch nur neugierige statt kaufinteressierte Touristen um das Boot, die den Fang erspähen wollen. Nach wenigen Augenblicken ist es dann auch so weit und Jürgen übergibt seinem Sohn Manuel eine Kiste Flundern, die er ins Restaurant mit einer Karre schiebt. Dabei kullern ihm einige Schweißperlen über die Stirn, denn so leicht wie die Kiste aussieht, ist sie anscheinend doch nicht und außerdem macht ihm der unebene Sand schwer zu schaffen. Anschließend werden die Flundern teilweise eingefroren oder knistern später in den zwei Räucheröfen direkt auf der Freiluftterrasse. Auch wenn Jürgen und Manuel mit zwei Kisten Flundern gerechnet haben, sind sie heute dennoch mit einer zufrieden. „Die Flundern gibt es ja hier nicht so in Massen. Natürlich kann man mit Flundern auch das halbe Boot voll haben, aber zurzeit gibt es nicht so viel Flunder – das schwankt immer!“

Eine Kiste Flundern – die Ausbeute eines Morgens auf See. Im Sommer wird oft nur das gefangen, was im Restaurant gebraucht wird.

Eine Kiste Flundern – die Ausbeute eines Morgens auf See. Im Sommer wird oft nur das gefangen, was im Restaurant gebraucht wird.

Morgen können die beiden ganz bestimmt ausschlafen, denn sie haben ihre Stellnetze eingeholt und werden sie frühestens wieder morgen Abend 200 bis 300 Meter weit in der Ostsee versenken. In solchen schwierigen Zeiten hilft nur abzuwarten, was die Politik in Brüssel entscheidet und zu hoffen, dass die Europäische Union ein Überleben ihrerseits und Deutschlands Küstenfischer in Zukunft zulässt. Momentan geht man laut dem Landesfischereiverband jedoch davon aus, dass durch „sinkende Quoten, abnehmende Seetage, schwankende Preise und Eingriffe verschiedenster Art seitens der Europäischen Union dazu führen werden, dass die kleine handwerkliche Fischerei in nicht allzu ferner Zukunft verschwinden wird“, so Andreas Schlüter. Vertraut man jedoch dem Meeresbiologen Christopher Zimmermann, ist eine Rettung für die Fischereien in Sicht: „Durch die in den letzten Jahren für die meisten Bestände angepassten Fangquoten, geht es den Allermeisten wieder gut. Die Ostsee könnte in wenigen Jahren das erste europäische Meer sein, in dem alle Fischbestände nachhaltig bewirtschaftet werden.“ Schade nur, dass in diesem Jahr die Fangmengen für die Fischarten gesunken sind, die Jürgen Kuse hauptsächlich fischt. „Für viele Bestände sind die Fangquoten in den letzten Jahren wieder gestiegen – leider ist der Hering in der westlichen Ostsee eine der wenigen Ausnahmen, und genau der Bestand ist für die ZAG Rügenfang besonders wichtig. Für diesen Hering mussten die Fangmengen in den letzten fünf Jahren sogar halbiert werden“, so Zimmermann. Optimistisch klingt das trotz aller Ankündigungen für die Kuses und die anderen Fischereien nicht.


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