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Für *Augenmenschen

Stumme Liebhaber

2. Juni 2014
Von Tobias Krone

Drei Männer, die einander noch nie begegnet sind, sitzen im Kinosaal des Münchner Filmmuseums: ein weltbekannter Filmpianist, ein Pensionär und ein invalider Cineast. Allein in der Leidenschaft für Stummfilm kreuzen sich ihre Lebensgeschichten.

Augen und Gesten sagen alles. Still aus dem Stummfilm „Erotikon“.

Augen und Gesten sagen alles. Still aus dem Stummfilm „Erotikon“.

Als der schöne junge Mann über die schöne junge Frau herfällt, verlässt Sembach das Kino. Buchwald bemerkt es nicht einmal. Der ist versunken in den Liebestaumel auf der Leinwand – und streichelt die Tasten. Samhaber indes bleibt sitzen, bis zum Schluss. Auch wenn er nicht wegen Buchwald gekommen ist. Nicht speziell wegen Buchwald. Er würde nie während des Films gehen. Was sollte er mit der Zeit anfangen? Mit 25 hat ihn das Schicksal in Rente geschickt. Seitdem sitzt er hier fast täglich. Und entschwindet in eine Zeit, in der er selbst Filme drehte.

Was zieht Menschen heute zu einem Stummfilmabend im Münchner Filmmuseum? Buchwald, Sembach, Samhaber – jeder hat darauf seine eigene Antwort. Der eine als weltbekannter Filmmusiker, der andere als Pensionär, der für alte Filme durch Pariser Kinos jagt, der dritte als berufsinvalider Stammgast – drei Männer, die sich nicht kennen. Allen ist der Stummfilm Leidenschaft und Schicksal zugleich – drei Leben, drei Filme, die sich an diesem Abend überblenden.

Der schräge Klang kündet Unheil an

Vor Beginn des tschechischen Dramas von 1928, Erotikon. Günter Buchwald, 61, sitzt am schwarzen Flügel des Filmmuseums. Die Augen hält er geschlossen, bedächtig knetet er die Finger. Seine Gestalt ist hager, ihn umgibt die Aura eines Pastoren. Das Licht erlischt. Mit einem schiefen, atonalen Akkord leitet er die Szene auf der Leinwand ein. Ein schöner junger Mann trifft eine junge schöne Frau, der er bald das Herz bricht. Der schräge Klang kündet vom Unheil, das Liebesdrama wird kein Happy End haben. Doch so sehr Buchwalds Finger auch warnen, verhindern können sie es nicht.

Die erste Tonspur in Buchwalds Leben untermalte ebenfalls eine Tragödie: die bundesdeutsche Realität der sechziger Jahre. Den Freiburger Uhrenladen seines Vaters betritt regelmäßig ein Kriegsversehrter, der ein Bein hinter sich herzieht. Der Rhythmus des Hinkens geht Buchwald nicht mehr aus dem Kopf, er vertont ihn am Klavier. Aus dem Kopf heraus. Auch das Spielen hat er so gelernt, nicht von Noten. Er studierte dann auch Musik, dazu Geschichte, auf Lehramt. „Ich war nicht spitze“, sagt Buchwald vor der Vorstellung.

Depression und Versöhnung

Zur Weltspitze stieß er später. Eine Freundin suchte einen Pianisten, der einen Stummfilmabend begleiten könnte. Das war 1978. Der Glöckner von Notre Dame. Buchwald improvisierte gern, er sagte zu. Noch heute könne er es genauso spielen wie damals, mit 26, sagt Buchwald. Die Szenenfolge, die Musik dazu – alles behält er im Kopf. Bis heute ist das Repertoire an Begleitmusik auf über 2250 Filmtitel angewachsen. Buchwalds Reisen, bei denen er alte Filme in neue Kunstwerke verwandelt, führen ihn heute bis nach Japan. Auf skurrile Weise offenbarte sich ihm dort einmal die Wirkung seiner Musik: Weil er die Zwischentitel des japanischen Kurzfilms nicht verstand, versetzte er dessen Ende die falschen Klänge. Die Zuschauer verließen „total deprimiert“ den Saal, erinnert sich Buchwald. Als er am nächsten Tag die Vorstellung wiederholte, veränderte er den musikalischen Schluss: Das Publikum war mit dem Film versöhnt.

„Flaue, schlecht ausgeleuchtet Szenen.“

Ganz anders als Buchwald nimmt Klaus-Jürgen Sembach, 81, Filme fast ausschließlich mit den Augen wahr. Darum hält er auch nicht viel von Erotikon und geht schon vor Filmende. Als die Frau auf der Leinwand ihrem Schatz zum Abschied winkt, winkt auch Sembach seiner Bekannten Frau Bruns durch den Kinosaal. Der Wahlmünchner hat noch eine andere Verabredung mit einem Freund, Frau Bruns wird später dazustoßen, es wird ein vergnüglicher Abend werden. Vergnüglicher als dieser banale Film: „Flaue, schlecht ausgeleuchtete Szenen.“ Der betagte Herr mit den blauen Augen, die an den Komiker Loriot erinnern, verzieht den Mund, als er am nächsten Tag in seiner Bogenhausener Wohnung über den tschechischen Stummfilm spricht. Sembach bezeichnet sich als einen „Augenmenschen“, die Musik Buchwalds erwähnt er nur auf Nachfrage. Wohlwollend zwar, doch der ehemalige Direktor des Nürnberger Museums Industriekultur achtet beim Film auf optische Details – die Aufkleber auf dem Koffer des jungen Verführers etwa. Viel zu aufdringlich. „Der feine Mantel des Herren hätte gereicht, um mir zu sagen, was dieser darstellt: einen weit gereisten Mann.“

Auch Klaus-Jürgen Sembach reist viel: dem Kino wegen. Wenn er nicht in München oder an seinem Berliner Zweitwohnsitz lebt, dann trifft man ihn in Paris an. Dort eilt er wochenlang durch die Programmkinos der Rive Gauche, wo die alten Streifen laufen: „Ein vorgebildetes Publikum, kein Popcorn und immer gute Kopien.“ Bis zu vier Filme am Tag sieht er in Paris. Die Stummfilme. Sie offenbaren die Meisterschaft eines Filmers. Bei ihnen musste das Bild noch alles erzählen, Licht und Schatten, Gesten und Augenbewegungen. Mit dem Tonfilm „fing das Plappern an“. Sagt einer, der bereits mit dem Tonfilm aufgewachsen ist. Doch schon während seiner Jugend im Studentenfilmklub Stuttgart sieht er die ersten Stummfilme, Metropolis, Caligari. Damals ohne Live-Musik. Die Filme funktionierten trotzdem, sagt Sembach. „Natürlich.“ Auch wenn er sich erinnert, wie unnatürlich so ein Kino wirkte: Ein schnurrender Projektor in einem dunklen Hörsaal, ein weißer Lichtstrahl, ansonsten Stille. „Das hatte was Geisterhaftes.“

Das Filmmuseum, ein Zufluchtsort

Mitten im Film – Sembach ist längst gegangen – hält Buchwald die Musik an. Die Liebenden treffen sich zufällig wieder. Nach langer Zeit – entsetzte Blicke des Wiedererkennens. Der Flügel schweigt. Oliver Samhaber, 58, atmet schwer. Der große, massige Münchner mit dem Gesicht eines amerikanischen Filmkommissars sitzt jeden dritten Tag hier im Kino des Filmmuseums. Warum? „Das hier ist Fun und Enjoy“, sagt er. Was nur die halbe Wahrheit ist. Sein Leben ist nicht lustig gewesen, das Filmmuseum ein Zufluchtsort. Als er 25 ist, hat der gelernte Zimmermann mit seiner Freundin gerade einen Bauernhof im Chiemgau gekauft. Eine Porzellanwerkstatt für die Freundin, ein Landkino für ihn – das sind seine Lebenspläne im neuen Domizil. Drei Monate später dann der Unfall. Der Fahrer auf der Gegenspur hatte überholt – und war frontal mit Samhabers Wagen kollidiert: schweres Schädelhirntrauma, acht Wochen Koma, halbseitige Lähmung. Samhaber kann seitdem weder Auto fahren noch arbeiten. Seine Beziehung geht auseinander. Er muss wegen der Mobilität nach München ziehen und wird Stammgast im Filmmuseum. Tausende alter Filme hat er seitdem dort gesehen. Seinen eigenen auch.

In seinem ersten Leben drehte Samhaber selbst Stummfilme. Zusammen mit den anderen Jungs aus dem Dorf, sie nannten sich „Irschenhauser Lichtspiele“. Ein wohlhabender Arzt hatte ihnen die Super-8-Kamera geliehen. Sie stellten im harten Winter '79 die Südpolexpedition Fridtjof Nansens filmerisch nach, drehten einen Vampirfilm auf dem Dachboden einer alten Villa, mimten alles, was die Faschingskostüm-Kiste sonst noch hergab. Begeisterung fährt in Samhabers Stimme, wenn er davon erzählt. Voriges Jahr erfüllte sich sein Traum: das Filmmuseum München zeigte die Nosferatu-Version des Irschenhauser Amateurkollektivs, der Titel: Besuch am Abend – er und seine Jungs hatten es auf die große Leinwand geschafft.

Nach dem tragischen Ende von Erotikon, dem letzten bitteren Akkord, dem Applaus – Buchwald verneigt sich dezent – steht Samhaber schwerfällig auf, nickt zufrieden und humpelt aus dem Saal. Es ist die Realität da draußen, die ihn nun wieder erwartet. Buchwalds Heimweg wird ein anderer sein. Er hätte für den humpelnden Mann gewiss eine Melodie gefunden.


Kommentare

MapaAm 2. Juni 2014

Super Tobi!

AngiAm 3. Juni 2014

schön geschrieben.. aber mit den Namen komm ich durcheinander... und, was ist Realität, was erfunden? schwer zu trennen....

OpaAm 3. Juni 2014

Super! Ich bin stolz auf Dich! Gruß Opa

daniel Am 4. Juni 2014

großes Kino!

Lisa Kesselbach Am 7. Juni 2014

Eine wunderschöne Sprache - war dabei im Kino, habe Buchwald, samhaber, sembach ( Namen, ja, etwas schwierig) vor meinen Augen gesehen. Wann gibt's deinen ersten Roman?

TONIC - schräg, tolles Magazin, anders!

JotteAm 11. Juni 2014

Ein wahrhaftes Vergnuegen!