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Für *Helmträger

Loveparade der Verkehrspolitik

27. Juni 2014
Von Imre Balzer

Wer für diesen Freitag vorhatte, mit dem Auto eine Spritztour durch die Stadt zu machen, sollte es sich zweimal überlegen. Einmal im Monat fährt ein riesiger Pulk aus Radfahrern durch deutsche Innenstädte und legt den Autoverkehr lahm. Ist das ein ulkiger Streich oder echte Verkehrspolitik? Imre Balzer über das Phänomen „Critical Mass“.

Freitagabend, halb acht am Heinrichplatz im Herzen Kreuzbergs. Knapp zwanzig Menschen haben sich mit ihren Fahrrädern versammelt und plaudern im Sonnenlicht. Noch reicht der Platz. Einmal im Monat treffen überall in Deutschland solche Gruppen zusammen, um gemeinsam durch die Innenstädte zu fahren. In Berlin werden es heute, Ende Mai, wohl 500 bis 1500 Radler sein. Genauere Zahlen sind in der radelnden Menge schwer zu schätzen.

Mit Veranstaltungen wie dieser zeigen die Radler den Autofahrern für ein paar Stunden, dass die Straße nicht nur ihnen gehört. Mit Recht: Laut Straßenverkehrsordnung zählen Fahrradkolonnen ab einer Anzahl von 16 Fahrern als Verband, der wie ein einzelnes Fahrzeug behandelt wird. Solange der Erste bei grün über die Ampel kommt, darf auch der Letzte noch über die Kreuzung – auch wenn dann lange rot ist.

Fest steht nur das Ziel

Mittlerweile ist es zehn vor acht. Der Treffpunkt am Heinrichplatz ist bereits überfüllt, die ersten Fahrer steuern auf die Straße zu. Als sich pünktlich um acht der ganze Tross auf die Oranienstraße bewegt, kommt der Autoverkehr jäh zum Stillstand. Die Polizei sperrt einige Zufahrtsstraßen und hält die verdutzen Autofahrer auf. Eine feste Route gibt es nicht, jeder kann mitentscheiden, wo es lang geht. Fest steht nur das Ziel: das Brandenburger Tor.

Seit über 15 Jahren ist die Masse der kritischen Radler in Deutschland aktiv. In den letzten Jahren hat die Critical Mass auch Dank sozialer Netzwerke deutlich an Größe gewonnen. Dass das Rad als Verkehrs- und Transportmittel immer wichtiger wird, spielt ebenso eine Rolle. Die Zahl der Fahrräder in Deutschland stieg seit 2005 von 67 auf aktuell über 71 Millionen. In Großstädten hat sich der Anteil der Menschen, die ausschließlich ein Fahrrad besitzen, seit 2003 von 22 auf 30 Prozent erhöht. Damit steigen zugleich Wunsch und Notwendigkeit, die regelmäßig ignorierten Rechte von Radfahrern im Straßenverkehr einzufordern. Denn bis heute steigen viele Menschen nur deswegen in Bus oder Auto, weil ihnen das Fahrrad auf dem Arbeitsweg zu unsicher ist.

Wie kritisch ist die Masse?

Für Bernd-Michael Paschke, der seit Jahren in Berlin dabei ist und auch eine Internetseite zur Critical Mass in Berlin betreibt, ist vor allem das Zusammengehörigkeits- und das Sicherheitsgefühl in einem Verband wichtig: „Die CM ist eine Gemeinschaft Gleichgesinnter. So wie es früher die typisch deutschen Vereine waren. Neu ist der Grad der Verbindlichkeit. Eine CM erfordert kein Vereinsvermögen, keine Ämter und keine Wahlperioden. Das macht diese Organisationsform interessant.“ Doch was steht wirklich auf der Agenda dieser Gemeinschaft? Geht es hier nicht vielmehr um Spaß als um (Verkehrs-)Politik?

Das sind mehr als sechzehn: Die Berliner Fahrradgemeinschaft macht sich auf den Weg.

Das sind mehr als sechzehn: Die Berliner Fahrradgemeinschaft macht sich auf den Weg.

Der erste Eindruck bestätigt diese Vermutung. Nachdem zu Beginn ausschließlich ein harter Kern tätowierter Fahrradfreaks anwesend ist, versammeln sich am Berliner Treffpunkt auch viele Familien mit Kindern, ältere Menschen, Liegebikes, Fahrräder mit Anhängern und alte Klappräder zu einer bunten Truppe. Die Stimmung ist gelöst und locker. Jeder Zweite hat eine Bierflasche in der Hand, Musik dröhnt aus Boxen, die einige auf dem Gepäckträger oder im Rucksack dabeihaben.

Für Lina, die aus Wien kommt, steht der Spaß im Vordergrund. Sie nimmt das erste Mal an einer CM teil. Politisch ist die Veranstaltung für sie höchstens insofern, als sie für das Fahrrad als Alternative zum motorisierten Fortbewegungsmittel wirbt. Andere, wie Steffen, möchten tatsächlich ein verkehrspolitisches Zeichen setzen: „Ich habe oft das Gefühl, als Fahrradfahrer im Verkehr an den Rand gedrängt zu werden. Man muss sich engagieren, damit es vorangeht.“

Hupen, Flüche, Wasserbomben

Die Reaktionen der anderen Verkehrsteilnehmer auf den Fahrrad-Mob reichen von wütendem Hupen und wüsten Beschimpfungen über Wasserbombenwürfe bis zu freudigem Anfeuern. Eine Passantin fragt erstaunt, was denn die vielen Menschen hier machen. „Fahrradfahren“, ist die trockene Antwort eines Teilnehmers. Das Hupen der Autos wird mit kollektivem Klingeln beantwortet. In der Gruppe ist es endlich auch auf dem Fahrrad ungefährlich, mitten auf der Straße zu fahren.

Die Aufregung, die die Critical Mass bei all jenen verursacht, die ihretwegen eine Weile im Stau stehen, ist dabei auch rechtlich völlig unbegründet. Vom Anfang bis zum Ende der Tour verstößt die Masse kein einziges Mal gegen die Verkehrsregeln. So ist es auch nicht das Ziel der Bewegung, den Spieß umzudrehen und einmal im Monat den arroganten Autofahrern mal richtig eins auszuwischen. Vielmehr geht es darum, eine vergessene Selbstverständlichkeit wieder zurück ins kollektive Bewusstsein zu rufen: Da fahren Leute auf der Straße mit dem Rad. Und das dürfen sie auch.

Am Brandenburger Tor löst sich die Critical Mass auf. Zurück geht es für alle Radler einzeln, auf schlecht geteerten und wenig beleuchteten Radwegen. Spätestens jetzt versteht auch die Spaß-Fraktion des Feldes, weshalb die Critical Mass wichtig ist: Sie weckt das Bewusstsein für die Rechte der Fahrradfahrer. Sollte sie dabei noch Spaß machen, ist das umso besser.


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