TONIC ist umgezogen! Hier gehts zur neuen Seite.
Für *Soziologen

Darüber streiten die Gelehrten wirklich

11. Juni 2014
Von Jakob Hinze

Jakob aus Hamburg ist Autor bei TONIC

Texte von Jakob
autor@tonic-magazin.de

Jakob Hinze

Wenn sie Exklusion sagen, dann meinen sie das auch: Akademiker führen ihre Sprache manchmal wie einen Mitgliedsausweis in einem feinen Club herum. Was nützt Wissenschaft, die kaum jemand versteht? Ein Erfahrungsbericht

Elfenbeintürme liegen heutzutage im Erdgeschoss. Darin sind lange Tische, Stühle, Beamer, Kaffeebecher. Und zwei Dutzend Akademiker, deren Körpersprache Gelehrsamkeit unschwer erkennen lässt: den linken Ellenbogen in die rechte Hand gestützt, linke Hand am Kinn, die Beine übereinander geschlagen, lässig in den Stuhl zurückgelehnt. Die Stirn gerunzelt. Die Papiere vor ihnen auf dem Tisch geordnet: Tagesordnung, Terminkalender, Notizzettel für Bemerkenswertes oder plötzliche Einfälle. Vorne am Tischende der Referent, auch sitzend, ungezwungen. Seine Rede begleitet er mit Gesten, Greifbewegungen, die im leeren Raum vor ihm etwas festhalten. Ein Blick in diese Runde wird es nicht vermuten lassen – aber hier wird es gleich richtig abgehen.

An diesem Vormittag haben sich in einer deutschen Kleinstadt ein paar Granden der deutschen Soziologie zu einer Tagung versammelt, deren Titel „Die Geschichtlichkeit kollektiver Vorstellungen“ lautet. Es geht darum, dass bestimmte Begriffe mit der Zeit ihre Bedeutung verändern, es aber mitunter schwierig ist, die Gründe dieser Veränderung zu erkennen. Oder, wie es in der Tagungsankündigung heißt: „Die Erklärung wirklicher ‚Begriffskarrieren‘ ist allein mit einer immanenten Rekonstruktion nicht zu leisten, sondern muss den jeweils sozialstrukturell motivierten ‚semantischen Bedarf‘, die (auch mediengeschichtlich) nachzuzeichnenden Prozesse der Diffusion/Popularisierung/Generalisierung oder die aus anderen gesellschaftlichen Feldern rückwirkenden Plausibilisierungen einer spezifischen Semantik in die Analyse einbeziehen.“ Gesagt, getan. Also hat sich der erste Referent nach vorne begeben, um sich die Karriere des Wortes „Kultur“ vorzuknöpfen.

Amateure bitte draußen bleiben!

Dieser Begriff, das ist anscheinend die punch line, läuft dem Begriff „Gesellschaft“ den Rang ab, wird aber gleichzeitig vage verwendet („ist theoretisch schlechter elaboriert“). Dass die Herleitung dieser These offensichtlich nicht für das Ohr des Laien bestimmt ist, merke ich jetzt auf die harte Tour. Ich sitze hinten, etwas abseits vom Konferenztisch, wo die Tagungsveranstalter eigens ein paar Stühle für interessiertes Publikum aufgestellt haben. Doch mein bloßes Interesse für sprachwissenschaftliche Themen reicht nicht. Was auch immer der Referent da vorne inhaltlich sagt, für mich erschließt sich nur der Subtext. Der lautet: Amateure können draußen bleiben, hier reden die großen Jungs. Enttäuscht und ein wenig beleidigt checke ich gedanklich aus und flüchte mich in einen inhaltsarmen Tagtraum.

Bemerkenswerterweise finden die Worte des Referenten aber auch bei den Profis unter den Zuhörern keinen Anklang. Verstohlene Blicke werden ausgetauscht. Augenbrauen hochgezogen. Einer beginnt unruhig auf seinem Stuhl herumzurutschen, trommelt dreimal mit den Fingerkuppen auf dem Tisch und schiebt die Brille den Nasenrücken herunter. Dann guckt er den Referenten über die Gläser hinweg an. Irgendwo atmet jemand geräuschvoll aus.

Die Thesen sind zum Abschuss freigegeben

Der Vortrag endet, die Wissenschaftler klopfen auf Holz. „Dann gehen wir jetzt zur Diskussion über.“ Räuspern setzt ein, man beäugt sich, beugt sich nach vorn. Ich weiß: Hier zieht ein Donnerwetter auf. Ich weiß nur nicht wieso und weshalb. Wenn Akademiker streiten, ist das auf den ersten Blick nur schwer zu erkennen: Sie wedeln nicht mit Zeigefingern, heben nicht die Stimme, verziehen nicht ihr Gesicht. Stattdessen bedanken sie sich für „den anregenden Vortrag“, machen eine Bemerkung über „die bedenkenswerten Aspekte“ und erwähnen dann wie beiläufig, dass für sie da „nur ein paar Rückfragen“ übrig seien. Und dann geht’s los. „Problematisch erscheint mir gegenwärtig Ihr methodologischer Zugriff, Ihr enger Fokus auf ethnologische bei gleichzeitiger Auslassung kunsthistorischer Perspektiven, die bei mir Zweifel an der interdisziplinären Verwertbarkeit der hier von Ihnen konstruierten Terminologie aufkommen lassen.“ Dies sagt eine weißhaarige Dame mit einem Gesichtsausdruck, den Lehrer früher immer aufgesetzt haben, wenn sie leider keine andere Wahl hatten, als einem eine Fünf zu verpassen. Das Nicken ihrer Kollegen ist das, was im antiken Rom der gesenkte Daumen des Imperators war. Game over, du Versager.

Der Referent begreift, dass seine Kernthesen hier zum Abschuss freigegeben werden sollen. Er wehrt sich. Und mit einem Mal poltern von allen Enden des Tisches die Gelehrten los und pfeifen auf die Kontenance. Die Rednerliste liegt vergessen in der Ecke.

  • „Ein völlig legitimer Einwand, den Sie hier vorbringen und den ich für den Moment nur mit einem Hinweis auf meine letztjährige Publikation, in der ich mich ebendieser Problematik multiperspektivisch...“
  • „Zu meinem Bedauern muss ich gestehen, dass ich und sicherlich auch ein paar weitere Anwesende hier bisher keine Gelegenheit zur Lektüre Ihrer fraglos erklecklichen Ausführungen...“
  • „...und mit engem Bezug zur empirischen Basis, die ich und meine Kollegen in einem vielmonatigen Prozess analysieren konnte...“
  • „Wobei ich Ihnen hier ja sicherlich den Hinweis ersparen kann, mit welcher Ernsthaftigkeit wie die Theoriegeladenheit der Beobachtung stets...“
  • „Wer hatte sich als Letztes gemeldet?“
  • „Wenn man mit Kunsthistorikern spricht, können die zur Ethnologie gar nichts sagen. Interessiert die überhaupt nicht!“
  • „Man sollte da seine Untersuchungen vielleicht auf eine noch breitere begriffliche Basis stellen und die dann vergleichend im Kontext der...“
  • „Herr Kohler hat gerade exakt getroffen, was ich sagen wollte!“
  • „Dann ist doch gut.“
  • „Nein, jetzt lassen Sie mich ein bisschen reden...“

Die Debatte endet, nach eineinhalb Stunden, mit einem ergebnisoffenen Waffenstillstand. Die Tagungsteilnehmer verlassen das Gebäude für die Pause, und ich überlege, ob ich nun das Handtuch werfen sollte. Die Ruhe tut gut. Auf der anderen Straßenseite sehe ich zwei Kinder, die ihren Papa an der Jacke ziehen und fröhlich-quietschend eine Bockwurst zum Mittagessen verlangen. Alle drei ahnen noch nicht, dass sie sich auf die Lösung der Frage, ob der Kultur- dem Gesellschaftsbegriff den Rang abläuft, sobald keine Hoffnung machen dürfen.


Kommentare

Akademiker ;)Am 12. Juni 2014

Auf die Ausgangsfrage (Was nützt Wissenschaft, die kaum jemand versteht?) wurde in dem Artikel leider nicht mehr explizit eingegangen - warum? Weil die Antwort nach dem (erheiternden) Erfahrungsbericht evident ist? Es ist leicht auf der Wissenschaft und ihrer Fachsprache herumzuhacken, man bedient das Ressentiment der ausgeschlossenen Mehrheit. Der entscheidende Aspekt wird dabei jedoch vergessen: Wissenschaft ist um Erkenntnisgewinn bemüht. Unabhängig von der metaphysischen Frage nach der Möglichkeit von Erkenntnis als solcher, ist eine Fachsprache für einen intersubjektiven Austausch, der einen Erkenntnisfortschritt erzielen soll, unabdingbar. Erst eine präzise Sprache, mit einer einheitlichen und spezifischen Terminologie ermöglicht eine "Objektivierung" von Aussagen, die sie über den mündlichen Rahmen hinaus kommunizierbar macht. Ohne sie verweilen wir auf einer naiven, quasi vorwissenschaftlichen Wissenschaft.

Dass darüber hinaus eine Vermittlung der wissenschaftlichen Erkenntnis an ein Laienpublikum äußerst wünschenswert ist, steht außer Frage. Aber dazu müssen erstmal Erkenntnisse gemacht werden. Und diese können dann wiederum von Spezialisten für Vereinfachung (Precht, Yogeshwar...) unters Volks gemischt werden. Diese Vereinfachung auf einer Tagung zu erwarten erscheint mir dagegen grotesk.

Sicherlich, viele Akademiker verstecken sich hinter Worthülsen. Meine Erfahrung im Laufe meines Studiums war jedoch, dass sich hinter jeder dieser scheinbaren Phantome ein Universum von Sinn und Bedeutung auftat, was mir zuvor verborgen war. Und deswegen bin ich froh, dass es spezifische Fachsprachen gibt, weil sie uns einen Einblick in einen Schatz von Wissen gewährt (Generationen von Genies haben uns Millionen Bücher geschenkt), wenn wir uns nur bemühen, sie nach und nach kennenzulernen.

JakobAm 13. Juni 2014

Vielen Dank für die wichtigen Anmerkungen! Besonders zwei Aspekte darin sind völlig richtig und müssen unterstrichen werden: erstens die Bedeutung von Fachsprachen als notwendige Voraussetzung für den Erkenntnisfortschritt. Vor allem, weil sich nur mit einer hinreichend scharfen Sprache zielführende Fragen stellen lassen und diese Fragen auf höheren Reflexionsniveaus nun einmal auch von höherer Kompliziertheit sind, darf sich auch eine sich der Öffentlichkeit präsentierende Wissenschaft nicht harmloser stellen, als sie ist.

Sollte ich den Eindruck erweckt haben, diese Bedeutung in Abrede stellen zu wollen, ist das mein Fehler. Mein Anliegen ist ein anderes: Offensichtlich schützt ein hochentwickeltes Ausdrucksvermögen nicht davor, Gefechte um ihrer selbst willen zu führen und sich an Problemen aufzureiben, die außer dem eingeweihten Kreis der Profis nicht nur niemand versteht, sondern die sonst auch niemand hat. Dann dreht Wissenschaft sich um sich selbst und es steht nicht mehr der Erkenntnisgewinn im Vordergrund, sondern die Befriedigung von Eitelketen. Als Student und Neuling im akademischen Betrieb habe ich teilweise den Eindruck, als würde dieser Betrieb funktionieren wie industrieller Fischfang: Es kommen leckere Sachen dabei zu Tage, aber auch eine riesige Menge Beifang.

Zweitens der Hinweis, dass eine Tagung nicht der Ort ist, an dem man Precht’sche Vereinfachungen erwarten darf. Das stimmt und das heißt, dass meine daran aufgehängte Kritik etwas ungerecht ist. Trotzdem wollte ich damit nicht das „Ressentiment der ausgeschlossenen Mehrheit“ bedienen. Das würde heißen, dass man komplizierten Diskussionen nicht einmal zu folgen versuchen sollte, weil sie ja eh nur heiße Luft seien. Natürlich bleibt dem Anfänger nichts anderes übrig, als sich der Kompliziertheit der Wissenschaft, die ihn interessiert, zu stellen. Aber genauso müssen sich (gerade die Geistes- und Sozial-)Wissenschaften immer wieder der Frage stellen, woher ihre Probleme kommen und weshalb es wichtig ist, sich mit ihnen zu beschäftigen. Dabei wird sich, glaube ich, nicht hinter jedem Phantom ein Universum auftun.