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Für *Windelwechsler

„Wir sind nett. Und das wird ausgenutzt.“

25. Mai 2014
Von Hanna Buiting

Schlafmangel, Kinderschreie, Chaos: Claudia Purzer liebt ihren Beruf. Doch weil die Haftpflichtversicherung für Hebammen wie sie immer teurer wird, ist jetzt ihre Existenz bedroht. In dieser Woche scheiterten die Verhandlungen mit den Krankenkassen. Die Hilfe, die sie heute leistet, könnte bald unmöglich sein.

Als die Tür aufgeht, ist Claudia Purzer mittendrin: In einer Wohnung, die von schlaflosen Nächten und einem überstürzten Aufbruch erzählt und in einer Situation, in der sie helfen muss. Überall stapeln sich Wäscheberge, Reisetaschen und Klappkisten. In der Diele versperrt ein Kinderwagen den Weg. „Auf einmal ging alles ganz schnell. Es ist noch ein bisschen chaotisch bei uns.“ Ariane Meinhardt sieht Claudia Purzer entschuldigend an. Claudia lächelt, zieht die Schuhe aus und desinfiziert sich die Hände. Kurz riecht es nach Krankenhaus. „Kein Problem, Ariane. Wichtig ist nur, dass es euch gut geht.“ Sie schließt die junge Frau in die Arme. Dann gilt ihr Blick dem Neugeborenen im Kinderwagen. „Er ist ein richtiger Wonneproppen. Den haben wir aber gut vorbereitet.“ Seit der 10. Schwangerschaftswoche hat Claudia Familie Meinhardt begleitet. Mit Tipps, Erfahrung und Zeit. Nur bei der Geburt war sie nicht dabei – denn die Haftpflichtversicherung für Geburtshilfe kann sie nicht mehr aufbringen.

Freiheit als Freiberufliche – ein Trugschluss

Seit 2006 ist Claudia Purzer freiberuflich als Hebamme in München tätig. Sie arbeitet leidenschaftlich, ist rund um die Uhr erreichbar, immer auf Abruf. „Jetzt erzähl mal, wie die Geburt war.“ Claudia und Ariane sitzen sich am Esstisch gegenüber, eine Insel im Chaos. Frank Meinhardt baut daneben mit lauten Hammerschlägen das Kinderbettchen auf. Während Ariane erzählt, werden Claudias Lippen schmal. Ein bisschen traurig ist sie, dass sie nicht dabei sein konnte, als der kleine Linus auf die Welt kam. Früher wäre das anders gewesen.

Als festangestellte Hebamme in einer Frauenklinik half sie den Kindern noch selbst auf die Welt. Durch den Schritt in die Freiberuflichkeit hatte sie sich mehr Freiheiten und Zeit für ihre Patientinnen erhofft. Ein Trugschluss: Die Geburtshilfe musste sie aufgeben. Es ging nicht anders. Die Haftpflichtversicherung für Hebammen in Deutschland ist in den vergangenen zehn Jahren um das Zehnfache gestiegen. 5091 Euro muss eine Hebamme, die auch als Geburtshelferin arbeiten will, mittlerweile im Jahr zahlen. Kaum möglich bei einem Stundenlohn von knapp 8,50 Euro. Hebamme Claudia kann daher nur noch vor und nach der Geburt für die Familien da sein. Vom großen Moment der Geburt muss sie sich erzählen lassen.

Alles muss dokumentiert sein

Claudia streichelt Ariane über den Handrücken. Ariane Meinhardt wollte unbedingt eine Spontangeburt. Stattdessen war ein Kaiserschnitt nötig. Über 20 Stunden hat alles gedauert. „Du hast tapfer gekämpft“, sagt Claudia. Die junge Mutter lächelt dankbar und betrachtet das schlafende Baby in ihrem Arm. Sie ist froh, zuhause zu sein und nicht mehr in der Klinik. Sie wünscht sich Ruhe für sich und ihr Kind. Claudia schaut sich den Mutterpass und das Kinderheft an, macht sich Notizen, während ihre Patientin erzählt. Bürokratie gibt es auch in ihrem Job. Alles muss dokumentiert sein, und zwar handschriftlich. Welchen Sinn das haben soll, versteht sie nicht. Manchmal fühlt sie sich durch Vorschriften schikaniert.

Im Schlafzimmer ist es warm. Die Vorhänge sind zugezogen, das Bett nicht gemacht. Ariane legt sich hin, schiebt ihre weite Bluse hoch. Die dunkelrote Narbe auf ihrem Unterleib ist Erinnerung an Schmerz und Glück zugleich. Claudia tastet sie vorsichtig ab. Achtet auf jedes Signal, das Ariane ihr gibt. Fünf Einstiche waren für den Kaiserschnitt nötig. Auch das Hämatom auf Ariane Rücken untersucht Claudia genau. Die Hebamme hat Gespür für ihre Patientin und ihre Lage. Mal ist sie Medizinerin, mal Ratgeberin, mal Seelsorgerin.

Die Eltern sollen sich selbstständig fühlen

„Wir sind grad noch beim Frühstück“, wird Claudia um halb eins in einer anderen Wohnung begrüßt. Mit Küsschen rechts und links. Ein junger Mann mit dunkler Hornbrille und weißem Hemd bittet sie herein. Klug sieht er aus und stolz. Seit drei Tagen ist er Papa. Seine Freundin Nuri wirkt müde. Mit langsamen Schritten kommt sie zur Tür. Sie lächelt, als sie Claudia sieht. In ihrem Gesicht ist ein Endlich zu lesen. „Alles wird gut“, sagt Claudia – nicht zum ersten und nicht zum letzten Mal an diesem Tag. Dann geht es ans Kinderbett zu Olaf.

Auch Nuri erzählt von der Geburt. Ihr Freund hat jede Menge Fragen. Was ist mit Olafs verklebtem Auge? Darf er mit im Bett schlafen? Was hat der Windelinhalt zu bedeuten? „Alles zwischen kleinkörnigem Hüttenkäse und grünem Pesto ist normal“, beruhigt Claudia. „Ich schau jetzt mal, ob alles an ihm dran ist.“ Olafs Papa darf ihn ausziehen. Auch wenn Claudia das viel schneller könnte, lässt sie so etwas die Eltern machen. Sie sollen sich selbstständig fühlen.

14 Minuten pro Termin

Olaf schreit. Damit er sich beruhigt, föhnt sein Vater ihn. Das Geräusch des Föhns erinnert ihn an die Bauchschlagader seiner Mama. Wertvoller Tipp einer Hebamme, der sich immer wieder bewährt. Augenblicklich wird Olaf still.

Um den Säugling zu wiegen, legt sie ihn in ein Tragetuch, an dem eine Waage befestigt ist. Dann säubert sie Olafs Nabel und zeigt Nuri, wie sie ihn richtig stillt. „Mach dir am besten einen Haargummi ans Handgelenk, dann weißt du, welche Brust du ihm zuletzt gegeben hast.“

Von den Vertretern der gesetzlichen Krankenkasse sind 14 Minuten pro Hausbesuch vorgesehen. Claudia macht nie Dienst nach Vorschrift. Sie will jeder Frau gerecht werden. Und das geht nicht in 14 Minuten. Auf ihre Armbanduhr schaut sie während ihrer Besuche nie. Vielleicht ist sie deswegen keine Geschäftsfrau, aber für viele Familien eine unersetzliche Stütze. Obwohl sie Vollzeit arbeitet, hat sie nur durch ihren Mann eine finanzielle Sicherheit.

Vom Kinderbett zur Demo

Claudias Zukunft ist ungewiss. Im Sommer 2015 verschwindet die letzte bezahlbare Möglichkeit einer Gruppen-Haftpflichtversicherung für Hebammen vom Markt. Wenn es hart auf hart kommt, ist das faktisch ein Berufsverbot für die freiberufliche Hebamme. Nicht mal mehr Vor- und Nachsorgen darf Claudia dann noch, wenn die Politik nicht rechtzeitig eine Lösung findet. Claudia fühlt sich nicht ernst genommen. „Wir sind Alphafrauen und Kämpferinnen, aber eben auch nett. Und das wird ausgenutzt.“

Nach vier Hausbesuchen fährt Claudia kurz nachhause, um ihre Tasche umzupacken. Für die nächsten Patientinnen. In ein paar Tagen will sie in München gegen die Zustände demonstrieren. Gemeinsam mit vielen anderen Hebammen, Eltern und Kindern, die für die Zukunft des gefährdeten Berufsstandes eintreten. „Es wird weitergehen“, sagt sie.

Der Text entstand im Grundlagen-Seminar der studienbegleitenden Journalistenausbildung des Insituts zur Förderung publizistischen Nachwuchses (ifp)in München. Bewerbungsschluss für den nächsten Stipendiatenjahrgang ist der 31. Mai 2014.


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