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Für *Bilderscheue

„Weil das neue Album es verlangt.“

7. Mai 2014
Von Lena Fiedler

Wer als Musiker erfolgreich sein will, muss sich überlegen, welches Bild man abgibt, in den Medien wie auf der Bühne. Wir haben mit Eva Milner, Sängerin der elektronischen Geschwister-Kombo Hundreds aus Hamburg über Presse, Liveness und Wälder gesprochen. Und natürlich über ihr lang ersehntes zweites Album „Aftermath“.

Hundreds bei einem Auftritt im Berliner Heimathafen

Hundreds bei einem Auftritt im Berliner Heimathafen

Hallo Eva. Ihr habt gerade euer selbst ernanntes „zweites Debütalbum“ veröffentlicht, mit dem ihr auf Platz 49 in die deutschen Album Charts eingestiegen seid. Vielen Dank für eure Musik.

Gerne. (lacht) Da bist du aber gut informiert. Es war für uns eine Riesenüberraschung.

Ich habe das fast erwartet. Das Video zu „Circus“, das ihr mit Stromberg-Regisseur Arne Feldhusen gedreht habt, wirkt offener und direkter als eure bisherigen Videos. Ihr sprecht damit eine breitere Öffentlichkeit an.

Komplett geöffnet haben wir uns nicht. Wir sind immer noch das Kunstprodukt Hundreds. Wir wollten dem Ganzen aber tatsächlich im wahrsten Sinne des Wortes ein Gesicht geben; als Personen mehr in den Vordergrund treten und sagen: „Das sind wir.“ Vor allem mein Bruder Philipp macht einen großen Schritt auf die Leute zu. Allein die Tatsache, dass es jetzt Pressefotos von ihm gibt, war eine wichtige Entscheidung. Wir haben Lust ein bisschen konkreter zu werden, weil das Album es verlangt. Das alte Album war der erste Versuch mit unserer Musik an die Öffentlichkeit zu treten, es ist deswegen verhuschter und mehr verschwurbelt.

Vor fast einem Jahr hast du mir erzählt, dass dir Bilder und Videos von euch unheimlich sind.

Das habe ich damals auch noch gedacht. Jetzt ist es aber auch nicht so, dass ich im kurzen Kleidchen durchs Bild springe und in die Kamera singe.

Muss man für den kommerziellen Erfolg eine direkte Bildsprache wählen?

Ich habe vor Kurzem eine SMS von einer Freundin bekommen, die sich das Album gekauft hat. Sie hat sich dann mit den Worten beschwert: „Eva, da ist ja nirgendwo auch nur ein Foto von dir drin.“ Das muss aber auch nicht sein. Ich bin immer noch der festen Überzeugung, dass die Musik die vorwiegende PR-Waffe sein muss. Ist sie ja auch.

Bilder bieten eine starke Identifikationsfläche für Zuhörer. Was denkst du über Bands wie The Knife, die verhüllt auftreten und sich so dem Bild verweigern, das die Zuschauer von ihnen haben?

Auch The Knife können sich nicht ganz den Bildern entziehen - besonders, wenn sie mit Vogelmasken auf der Bühne stehen.

„So ein Konzert ist wie eine Teilhaberschaft.“

The Knife spielen auf Konzerten nicht mehr live, dadurch entwickeln sich ganz neue Konzepte von „Liveness“. Ihr hingegen versucht den Laptop von der Bühne zu verbannen. Wieso?

Der ist schon noch da, nur bedient ihn Florian, der uns bei Konzerten unterstützt. Er ist quasi eine Mischung aus Mensch und Maschine. Er steuert ihn über einen Controller an und spielt die Sachen vom Laptop live ab. „Live“ ist das trotzdem nicht. Wir sind eine elektronische Band. Ohne Strom und Kabel läuft da gar nichts. Dann hört man nur mich.

Philipp hat in einem Interview gesagt, dass die ersten Songs, die für euer Album entstanden sind, gar nicht brauchbar waren. Wie kann man entscheiden, welche Songs zu dem Konzept „Hundreds“ passen und wieso ist das überhaupt wichtig?

Philipp und ich haben ein ziemlich genaues Gespür dafür, was Hundreds ist und was nicht. Wir merken gleichzeitig, wenn ein Lied an dem Punkt ist, wo es zu der angestrebten Entwicklung passt. „Circus“ war der erste fertige Song. Bei dem waren wir total erstaunt, weil wir nicht wussten, wo der Sound herkam. „Was denken denn die Leute?“, schoss es mir durch Kopf. Wenn man sich verschiedene Lieder aus dem Album rauspickt, denkt man sich, dass das niemals auf einem Album gemeinsam sein könnte. Aber wir haben einen Bogen spannen können, von dem offenen Anfang, der untypisch für uns klingt, bis zur düsteren, elektronischeren zweiten Hälfte.

Der Musikwissenschaftler Simon Frith schreibt: „Das Vergnügen bei Musik ist das Vergnügen an der Identifikation“. Dabei geht es sowohl um die Identifikation der Fans als auch um die der Künstler mit ihrem Genre.

Bei Musik geht es klar auch um das Zugehörigkeitsgefühl einer Gruppe mit ihren jeweiligen Vorlieben. Das ist im Indie-Bereich auch nicht anders. Wenn ich mir für The Knife eine teure Eintrittskarte kaufe, hingehe und sie machen etwas völlig anderes, fühle ich mich als Teil des Ganzen und bin berechtigt dazu, das Ganze zu bewerten. Zum Beispiel, ob ich das gut finde, oder wie es mir damit geht. So ein Konzert ist dann wie eine Teilhaberschaft.

Ihr seid mit diesem neuen Album sehr präsent in der Öffentlichkeit. Ich war sehr erstaunt, als ich dir bei der Sendung TV Noir beim Städteraten zusehen durfte. Was hat das noch mit euch als Musiker zu tun?

TV Noir war ein Sonderfall. Das ist einfach ein tolles Konzept für Berlin. Wir haben uns natürlich gefragt, ob das zu uns passt. Ich hatte richtig Schiss vor den Spielchen, die man da spielen muss. Ich bin null schlagfertig, wie soll ich das handhaben? Diese Sorge war unbegründet. Die Songs, die wir performen durften, waren auf den Punkt gebracht und fügten sich dann in diese Sendung. Die Songs auf YouTube sind das, was von der Sendung bleiben wird.

„Ich würde manche Momente zurückspulen, um als Beobachter nochmal dabei zu sein.“

Der Herr Frith schreibt, Alben werden in dem Bewusstsein gehört, dass sie etwas nicht Existentes wiedergeben. Was kannst du mit der These anfangen?

Ein Album ist eine völlig losgelöste Momentaufnahme. Mehrere Fotografien aus der Zeit, in der das Album entstanden ist. Da packt man rein, was einen in diesem Moment beeinflusst. Für uns ist dieses Album also schon lange Vergangenheit. Für die Leute ist es neu, deswegen haben sie einen anderen Blickwinkel auf das Album. Live-Auftritte sind etwas vollkommen anderes. Wir entwickeln die Songs auf der Bühne weiter und verändern sie. Sonst funktioniert das nicht.

Ihr covert auf dem Album einen wunderbaren Song von Touchy Mob. Hast du Spaß an den rüden Vocals? Ich hatte den Eindruck, dass du die Schimpfwörter in dem Text immer sehr genüsslich singst.

Es ist nicht mein Text. Ich habe ihn mir mittlerweile natürlich zu eigen gemacht, weil wir ihn schon lange spielen, aber so würde ich nie schreiben. Ich habe mit Touchy nie darüber geredet, wie er den Song interpretiert. Das ist auch nicht wichtig.

Musikexpress.de hat die Zeile „I want to love you / I want to feed you with poison like family does“ eures Touchy-Mob-Covers zitiert und geurteilt, dass es schlecht um eure Geschwisterliebe steht, wenn man solche Texte schreibt.

Ohja stimmt, das habe ich auch gelesen. Ich sehe es aber weniger problematisch, und mehr als ein Spiel. Wir haben gemerkt, dass der Song uns immer näher rückte und wir das Verlangen hatten, ihn selber einmal zu spielen.

Der letzte Song eures Albums heißt „Please rewind“. Was würdest du rückgängig machen?

Ich glaube, ich würde keine komplette Zeit zurückspulen wollen. Aber ich würde manche Momente zurückspulen, um als Beobachter nochmal dabei zu sein. Manche Sachen versteht man erst lange Zeit später. Wenn man die Situation dann nochmal als Beobachter erleben würde, versteht man viel mehr, weil man selber weiter wäre und mit Abstand die Dinge nochmal erleben könnte.

Eigentlich funktioniert es doch bei Musik ähnlich? Man konserviert einen Moment und hat so die Gelegenheit ihn beim Hören immer wieder neu zu betrachten?

Auf jeden Fall. Der Albumtitel Aftermath beschäftigt sich ja auch mit dem Nachhallen von etwas. Musik ist meine große Krücke auf diesem Weg.

„Die Leute finden es total geil, weil das ganze Bandkonzept ad absurdum geführt wird.“

Der Wald spielt bei euch eine große Rolle. Warum?

Wir sind im Wald groß geworden und unser Elternhaus steht mitten im Wald und meine ersten Kindheitserinnerungen oder bewussten Momente waren im Wald. Im Song Aftermath schreibe ich einen Brief an eine Freundin, mit der ich zur Grundschulzeit wirklich jeden Nachmittag im Wald verbracht habe. Da hatten wir eine komplette Fantasiewelt für uns. Alles Mögliche haben wir uns ausgedacht und alle möglichen Hütten gebaut. Jeden Tag haben wir eine kleine Flucht gemacht, raus aus dem Elternhaus, raus aus der Beobachtung und rein in den Wald. Ich schreibe ihr einen Brief, um sie an diese Zeit zu erinnern.

Hast du denn Antwort erhalten?

Ich habe mit ihr ehrlich gesagt noch nicht drüber geredet. Sie weiß, dass es dieses Lied gibt, aber ich bin mit ihr noch nicht den Text durchgegangen.

Ihr releast euer Album auch in Japan. Wie kam es dazu? Seid ihr da schon einmal aufgetreten?

Nein, noch nie. Das ist ein Label, das sich schon einmal vor vier Jahren gemeldet hat. Die haben auf irgendeinem Weg unsere Musik gehört und fanden es so gut, dass sie uns nach dem neuen Album gefragt haben und ob wir Interesse daran hätten in Japan zu veröffentlichen. Wir werden wahrscheinlich nicht die neuen Popsternchen am japanischen Himmel.

Weißt du viel über die japanische Musikwelt?

Nur vereinzelt. Ich weiß, dass Bands stark gehypet werden, die ich auch sehr schätze. Radiohead usw., die werden total verehrt, aber auf anderer Seite auch so Plastikbands. Es gibt zum Beispiel eine Mädchenband, die aus 20 Frauen besteht. Jede sieht ein wenig anders aus, aber in der Masse sehen sie sich sehr ähnlich, weil sie auch immer dasselbe anhaben. Das coole daran ist, dass man an 20 verschiedenen Orten Promo machen kann. Die Leute finden es total geil, weil keiner weiß, wer das produziert und das ganze Bandkonzept ad absurdum geführt wird. 20 schöne Frauen, die auch irgendwie singen können, in einer Band. Ich find’s witzig!

Hundreds spielen am heutigen 7. Mai im Hamburger Mojo Club, am 8. Mai in Hannover und am 4. Juni in Osnabrück.


Kommentare

r.s.Am 8. Mai 2014

Wow,

ein echt gutes Interview. Fundiert, interessiert, schön!