TONIC ist umgezogen! Hier gehts zur neuen Seite.
Für *Hutsammler

Raubritter mit drei Eiswürfeln

23. Mai 2014
Von Clara Woopen

Männer in Paris: Ein Thema, bei dem frau von gerissenen Liebhabern voller Feingefühl träumt und Fantasien von heißen Küssen erwachen. Doch auf der Straße, in Museum, Theater und Club hat Clara Männer nur auf permanentem Beutezug erlebt.

Don Juan kam nicht aus der Retorte.

Don Juan kam nicht aus der Retorte.

Nach einem entspannten Abendessen bei einem Pariser Studenten wird die Whiskyflasche entkorkt.

Ich rieche, wie die Gischt gerade an einer schroffen schottischen Küste zerbirst und schmecke, wie sie sich befriedigt zurück ins Meer wirft. Er aber wirft sich drei Eiswürfel ins Glas und lädt mich ins Nebenzimmer ein, wo ich kurz seine Hutsammlung bewundern darf. Das Programm scheint plötzlich an einem Punkt angelangt, an dem wir uns über sexuelle Freiheiten unterhalten und er Salsaschritte gezeigt bekommen möchte. Wieso auch nicht. Allmählich bemerke ich aber, dass die gelöste Stimmung bei Tisch tatsächlich etwas anderem weichen musste. Den ersten unbeholfenen Versuch eines Kusses könnte ich auch noch falsch verstehen. Der zweite allerdings kommt so sehr ex nihilo, dass ich ihn daraufhin auch fragen könnte, wieso Leute überhaupt „ex nihilo“ sagen statt „aus dem Nichts“. „Merci, aber da habe ich wohl einen entscheidenden Schritt verpasst“. Unverständnis auf meiner Seite, wieso er es plötzlich so eilig hat: „Jetzt vielleicht?“

Unverständnis seinerseits, ausgedrückt durch ein „Scheiße, wieso nicht?“. Jean-Jacques Pierre François, welchen Part wolltest du mir in diesem Spektakulum eigentlich überlassen? Meine Reaktion hat ihn scheinbar etwas verwirrt. Ich muss lachen und ihm gestehen, dass ich seinem „Scheiße, wieso nicht?“ gerade so widerstehen könne. Ich frage mich noch, wie leidenschaftlich der Abend sonst geworden wäre – vielleicht „Scheiße, voll gut“? – und verlasse die Wohnung der tausend Wandteppiche und Schränke aus dem 19. Jahrhundert.

Es gibt nur Gewonnen oder Verloren

Ein typisches Kennenlernen in Paris: Meinen Namen und meine Wohngegend in Paris kommentiert mann immer wieder mit „wow, schöner Name“ beziehungsweise „cool“, meine Vorstellung lobt er als „echt spannend“. Klar. Nach zwei Sätzen Bekanntschaft soll ich bitte eine Freundschaftsanfrage auf Facebook stellen und einen gemeinsamen Kaffee planen. Er blockiert unser Gespräch hier so oft von der Art, wie eindeutig seine Intention im Raum steht: dass es nur ein Ja oder Nein, nur ein Gewonnen oder Verloren gibt.

Dass der Kontakt so oft auf Körperliches eingeschränkt ist, verbreitet statt Spannung eher Angespanntheit. Die Männer, die ich in Paris kennen gelernt habe, machten es sich gleichzeitig zu einfach und zu schwer.

Es ist schön sich auch mit Männern über Don Juan unterhalten zu können. Doch wenn ein Fremder auf dem Theaterflur dann verrucht haucht: „Ich könnte dir nachher auch meine Bänder und meine Perücke zeigen“, dann trifft das leider nicht meine Idee einer entspannten, absichtslosen Unterhaltung. Geschweige denn eines aufregenden Angebots.

Ein Museumsangestellter Mitte 40 nimmt mir an der Garderobe meinen Rucksack ab. „Guten Tag“ – „Guten Tag“. „Oh, ein schwerer Rucksack.“ Ich grinse schweigend und halte meine Hand für die Marke auf. „Woher kommen Sie?“ – „Aus Deutschland.“ „Oh, ich interessiere mich sehr für Deutschland. Wie alt sind Sie?“ – Ich schaue ihn fragend an und antworte „18“. „Sie sind wunderschön, vielleicht treffen wir uns auf einen Kaffee? Ich bin sehr interessiert an der deutschen Kultur“.

Weg mit den Komplimente-Listen

Pariser Männer waren für mich Kinder, die zu schnell essen ohne wirklich zu kosten. Scheinbar bekommen sie nicht so viel zu essen, wie es von ihnen erwartet wird – verwunderlich (oder gerade einleuchtend) angesichts dessen, wie gerne sich Franzosen über ihre Spezialitäten unterhalten.

Die Tricks von Don Juan, der einer Frau nur lange genug einreden muss, wie schön ihre Augen sind, haben an Brisanz verloren. Die Wirkung solcher Listen von Komplimenten sollte allmählich zusammen mit den Frauen verschwinden, die Molière als ein bisschen dämlich fremdbestimmte, aber süße Dinger dargestellt hat. Liebe Männer, nur, weil ihr mit einer Frau redet, steht da nicht unbedingt nur ein Körper vor euch, der seine Sexualität an euch anpassen möchte. Also runter mit den falschen Masken, weg mit den Tricks und her mit ehrlicher Konversation auf Augenhöhe, das entspannt euch vielleicht. Ihr müsst uns gar nicht im Sturm erobern.


Kommentare

Noch keine Kommentare vorhanden.