TONIC ist umgezogen! Hier gehts zur neuen Seite.
Für *Sensible

Macht die Augen auf!

1. Mai 2014
Von Autor ist der Redaktion bekannt

Marie malt keine Hakenkreuze, beschimpft keine Ausländer und eine Glatze trägt sie natürlich auch nicht. Doch nach wie vor zieht die rechte Szene auch gebildete Jugendliche wie sie an. Freunde, Eltern und Lehrer unterschätzen oft die Gefahr. Wenn sie sie erkennen, ist es schon zu spät.

Als der Artikel in der Lokalzeitung erschien, ging ein kleiner Aufschrei durch die Kleinstadt am Neckar. Schnell verbreitete sich der Text über Facebook. Es ging um eine duale Studentin aus der Region, die im Rathaus der Stadt ein Praktikum absolviert hatte, Beamtin werden will – und sich eifrig in der NPD engagiert. Geoutet wurde sie von der Antifaschistischen Aktion. Es genügten wenige Schlagworte bei Google, um auf den vollständigen Namen und ein detailliertes Porträt zu stoßen. Fotos zeigen Marie (Name geändert) vermummt auf rechten Demos. Auf Facebook ruft sie ihre Kameraden dazu auf, eine klare Sprache zu verwenden, keine gängigen Codes wie „88“. Man wolle mit der Propaganda ja schließlich auch „normale“ Bürger ansprechen. Nicht wenige Lehrer des Städtchens dürften dabei sprichwörtlich aus den Latschen gekippt sein – Marie? Eine NPD-Funktionärin? Dieselbe Marie, die mit Geschichte als Hauptfach ein hervorragendes Abitur gemacht hatte, dafür sogar mit einem Preis ausgezeichnet worden war?

Je mehr Stress sie hatte, desto mehr strengte Marie sich an

„Sie hatten Recht mit Ihrer Einschätzung“, schrieb mir ein ehemaliger Lehrer, der es vor drei Jahren noch nicht glauben wollte. Marie fiel in der Schule durch ihren Fleiß auf. Nachdem sie wegen ihrer Mitschüler und den Sprachfächern eine Klasse wiederholt hatte, fühlte sie sich in ihrem neuen Umfeld wohl. Sie war im Klassenverbund zwar nach wie vor eine Außenseiterin, hatte nun aber einen kleinen Freundeskreis, ihre neue beste Freundin teilte ihre Leidenschaft für Hunde und war gut in der Schule. Da packte auch Marie der Ehrgeiz. Sie setzte sich selbst unter Druck, paukte Latein und brütete über Matheaufgaben. Je mehr Stress sie in der Familie und der Schule hatte, desto mehr strengte sie sich an. Verstanden fühlte sie sich nicht von vielen, irgendwann aber vor allem von ihrer Lieblingsband – den Böhsen Onkelz.

„Wusste das damals eigentlich der ganze Jahrgang?“, fragte mich der Lehrer. Er erzählte, dass Marie im Abiturjahr auch seinen Philosophie-Kurs besucht hatte. Er fragte sich auch: Hätte ich das wissen müssen? Ich glaube, er konnte es nur ahnen.

Marie war engagiert und immer zur Stelle, wenn sie gebraucht wurde. Oft sah man sie mit hochrotem Kopf durch die Gegend hetzen, meistens trug sie Bandshirts. Auf ihrem MP3-Player liefen längst nicht mehr nur die Onkelz, die sich zumindest öffentlich von der rechten Szene abgewandt hatten. Härteres hämmerte sie sich während des Schulweges und beim Lernen in die Ohren. Sie fuhr auf entsprechende Festivals – ich kann nur vermuten, dass sie sich hier das erste Mal als Frau wahrgenommen fühlte. In dieser Szene war sie wer. Keine kleine Streberin, sondern die Kameradin, mit der man gut ein paar Bier kippen konnte und unter deren schwarzen Shirts mit den Bandlogos eine ansehnliche Figur steckte. Zuhause erkannte noch niemand die Zeichen. Ihr Freundeskreis hielt es nur für den nächsten Spleen. Ein paar Jahre vorher war Marie noch glühende Verehrerin diverser Boygroups gewesen, jetzt tapezierte sie ihre Wände eben mit anderen Bands. Wann die Deutschlandflaggen dazukamen, kann niemand mehr so genau sagen.

Geht es in Geschichte um den Holocaust, lacht sie leise

Wer nicht in der Szene aktiv ist, kann mit den wenigsten Bandnamen etwas anfangen. Viele Gigs sind geheim, die Musik ist häufig indiziert. Die Rechten selbst kommen vor allem durch gut versteckte Foren im Internet und Mund-zu-Mund-Propaganda dazu. Stundenlang chattete Marie mit „Gleichgesinnten“, diskutierte, lies sich neue Musik schicken. Als sie mit einer Freundin Bilder von einem Stadtfest, bei dem sie beide mitgeholfen hatten, anschaute, löschte sie schnell das Bild, auf dem ein schwarzes Kind zu sehen war. Die Freundin fand das komisch. Marie aber sagte, das habe auf ihrem Computer eben nichts zu suchen. Wer sie kritisierte, mit dem redete sie nicht mehr. Sie bewegte sich in einer Parallelwelt, von der zuhause, in der Schule und im Freundeskreis niemand etwas mitbekam.

Erst im Geschichtskurs in der Oberstufe bemerkten die ersten Mitschüler etwas. Ging es um den Zweiten Weltkrieg, sprach die Lehrerin über die Judenvernichtung, fing Marie spöttisch an zu lachen. Leise natürlich. Nazis wissen mittlerweile, wie man sich verhalten muss, um nicht aufzufallen. „Die ist doch ein bisschen rechts, oder?“, fragte eine Mitschülerin mal verunsichert in der Pause. Zu dem Zeitpunkt muss Marie schon tief im braunen Sumpf gesteckt haben. Aber woran erkannte man das denn?

Wer das Wort „Nazi“ hört, denkt an Glatzköpfe, an Bomberjacken und Springerstiefel. An proletenhaftes Auftreten. Nicht an ein kleines, blondes Mädchen, das vor Enttäuschung heult, wenn die Klausurnote nicht so gut ausfällt wie erwartet. Diskussionen im Geschichtsunterricht erreichten wohl öfters einen kritischen Punkt. Vielleicht hätte die Lehrerin es merken können, wenn sie richtig zugehört hätte. Wenn Unterricht wenigstens in der Oberstufe aus echten Analysen und nicht Abarbeiten von Stoffmengen bestehen würde. Lehrer haben nicht nur die Aufgabe, mit ihren Schülern die Probleme der Vergangenheit zu behandeln. Sie müssen sie vor einem nationalistischen Menschenbild auch aktiv warnen. Wieso wird im Unterricht nicht thematisiert, wie die rechte Szene heute funktioniert? In wie vielen Schulen ist der NSU-Prozess wirklich besprochen worden, sei es im Geschichts-, im Religionsunterricht oder in Gemeinschaftskunde? Statt etwas zu bemerken, schlug die Lehrerin Marie für den Geschichtspreis vor.

Die Jugendlichen wissen genau, was sie tun

An den Schulen versagen (Klassen-)Lehrer und Mitschüler, wenn es darum geht, eine problematische Entwicklung eines Schülers zu erkennen und frühzeitig zu verhindern. Das zeigt sich nicht nur immer wieder bei Amokläufen. Ähnlich wie Marie entwickelte sich auch Kai (Name geändert), der nur einige Kilometer weiter zur Schule ging. Er wohnte sehr ländlich, die Zahl der möglichen Aktivitäten neben Fußball spielen war begrenzt und in der Dorfjugend galt es durchaus als nicht unüblich, über „die Türken“ zu schimpfen und ein paar rechte Parolen zu verbreiten. Bei Kai ging das aber weiter, er las viel, besuchte wie Marie rechte Konzerte und äußerte sich nur unter einem Decknamen in den rechten Foren. Nach außen hin aber war er ein glattgebügelter Kerl, oft trug er ein Hemd, die langen Haare zu einem strengen Zopf gebunden.

„Kai ist ein Nazi“, sagte einer seiner besten Freunde über ihn. Aber es war schwer, ihn deswegen anzugreifen: Kai lies ab und zu mal einen Spruch raus, mehr tat er in ihrer Gegenwart aber nicht. Und rhetorisch war er ihnen sowieso überlegen. Lehrer, die anfingen, ihn zu durchschauen, mied er. Machen konnten sie nichts – es gab ja keine offensichtlichen Beweise, er hatte keine Hakenkreuze irgendwohin geschmiert, drangsalierte öffentlich keine Ausländer und die langen Haare waren von einer Glatze weit entfernt. Nach dem Wehrdienst, den er begeistert absolviert hatte, trat Kai vor zwei Jahren in die rechte Burschenschaft Allemannia in Heidelberg ein. Auch Kai ist kein Mitläufer. Er weiß, was er tut, und verbreitet seine rechten Ideologien geschickt. Nach seinem Studium wird er das im Staatsdienst tun – als Lehrer für evangelische Religion und Geschichte. Aufhalten wird ihn vermutlich niemand. Rechtsextreme wie Marie und Kai fallen in ihrem sozialen Umfeld kaum auf, sind darum jedoch umso gefährlicher: gebildet und geschult, ideologisch absolut gefestigt. So lange niemand auffällige Schüler und Studenten öffentlich mit ihren Aktivitäten konfrontiert, kommen sie damit problemlos durch.

Als das Outing über sie im Internet erschien, war Marie am Boden zerstört. Ihre Eltern hätten es nun auch mitbekommen und sie wisse noch nicht, ob sie ihr Studium wie geplant beenden könne, erzählte sie. Ich fragte sie, ob sie sich nicht vorstellen könne, ihre politischen Aktivitäten zu unterlassen. Und ob sie sich überhaupt noch trauen würde, aus der Szene auszusteigen. „Weißt du“, sagte sie. „Wenn ich der Ansicht wäre, dass das, was ich denke, falsch ist, dann würde ich natürlich aussteigen.“


Kommentare

roseAm 27. Januar 2015

schrecklich! .

wie im Artikel geschreiben, dürfen die Lehrer nicht so eingreifen, so lange kein klarer Beweis auffällt....deswegen auch dürfen wir nicht auf sie den ersten Stein werfen.