TONIC ist umgezogen! Hier gehts zur neuen Seite.
Für *Tauben

Doofe, doofe Liebe

15. Mai 2014
Von Moritz Eckert

Moritz ist Autor bei TONIC

Texte von Moritz
autor@tonic-magazin.de

Moritz Eckert

Das Haus der Kulturen der Welt widmet den "Silly Love Songs" einen eigenen Konzert- und Diskursabend. Vier Acts machen sich auf die Suche nach Neuem in den Liebesliedern von den Fünfzigern bis in die Gegenwart – und fördern erstaunlich Hörbares zu Tage.

Weder doof noch taub: Friedrich Liechtenstein.

Weder doof noch taub: Friedrich Liechtenstein.

Eigentlich gilt das Musikgeschäft als eine der abwechslungs- und veränderungsreichsten Branchen der Welt. In mancher Hinsicht ist es hingegen verhältnismäßig konservativ, beispielsweise die Themenwahl für Texte: Untersuchungen gehen davon aus, dass ungefähr 60 Prozent aller Songs in den Charts von Liebe handeln – gefühlt könnte man da nochmal 39 Prozent draufschlagen, auch auf die Songs außerhalb des Mainstreams. Oft merkt man diesen Liedern dann auch an, dass sie weniger den Kopf, sondern Herz und Bauch ansprechen sollen.

Dass das Festival für doofe Musik am Berliner Haus der Kulturen der Welt (HKW) den "Silly Love Songs" einen eigenen Abend einräumt, dürfte deshalb keinen erstaunen.

Doofe Musik, das wiederholen die Verantwortlichen im Laufe des Festivals mantraartig, ist hier nicht mit "schlechter" Musik gleichzusetzen. Vielmehr soll es um "Lieder zum Betäuben, Träumen und Vergessen" gehen, so verrät der Untertitel des Festival-Themas. Der Begriff "doof", so lassen es die Kuratoren Detlef Diedrichsen und Holger Schulze im Vorwort zum Programmflyer wissen, ist ursprünglich gar nicht so negativ besetzt. Das aus dem Niederländischen stammende Wort bedeutet zunächst ganz simpel: taub.

Untersucht werden soll die betäubende Musik, dafür verwandelt sich das Haus der Kulturen der Welt am zweiten Mai-Wochenende in eine Forschungsstation zum Thema "Doofe Musik". Mit Podiumsdiskussionen, Filmvorführungen (Die Roy Black Story mit einem betonhaft frisierten Christoph Waltz in der Titelrolle) und natürlich Konzerten will man dieser Doofheit auf die Spur kommen.

Am vorletzten Festivalabend also die "Silly Love Songs". Im rappelvollen Auditorium betritt Lifafa die Bühne, eigentlich Frontmann der Peter Cat Recording Co. Heute ist er allein da und füllt den Raum mit leichten Beats im jazzigen Gewand, unterstützt durch seine außerordentlich gute Singstimme. Selbst das absolut totgespielte When I Fall in Love gewinnt als Loop wieder an Reiz.

Justus Köhncke nimmt mit dem Chor der Kulturen die Bühne in Beschlag und frühstückt von Stimmen im Wind über die silly love songs von Paul McCartney bis hin zu dem schmerzhaft grell leuchtenden Stern, der deinen Namen trägt alles ab, was zum Schmachtfetzen-Repertoire so dazugehört. Erstaunlich: Selbst eine Howard Carpendale-Nummer kann mit etwas Chor-Gesang wieder wie neu und frisch klingen.

Der nächste Künstler ist für einige Besucher wahrscheinlich der einzige Anlass für den Konzertbesuch. Er betritt die Bühne nicht einfach nur, nein, majestätisch schreitet er in Anzug und Kitsch-Mantel zum Mikrofon. War Friedrich Liechtenstein vor einigen Jahren noch ein nur in tiefsten Szene-Kreisen bekanntes Performance-Unikat, ist er im Jahr 2014, EDEKA sei Dank, deutschlandweit, ja, berühmt. Auf der Bühne im HKW spart er sich das mittlerweile mehr als geflügelte "Supergeil" für die Zeit zwischen den Nummern auf. Stattdessen brummt er Uralt-Hits wie Teach me Tonight, Rainy Days and Mondays und Close to you mit so tiefer Stimme in das Mikrofon, dass der Boden spürbar vibriert. Old-School ist das, sehr kitschig und sieht beim sonnenbebrillten Liechtenstein auch noch richtig cool aus.

Das elfköpfige Adriano Celentano Gebäckorchester spielt dann nicht nur die Songs ihres Namensgebers, sondern grundsätzlich alle italienischen Schnulzen, die von den Fünfzigern bis in die Siebziger ihren Weg in die deutschen Wohnzimmer gefunden haben. Durch die Arrangements (von Gitarre über Cello bis hin zu Metalltröte und Quietscheschwein) gewinnen die Songs unglaublich an Geschwindigkeit: Amada Mia, Amore Mio, Parole Parole und sogar Felicita, der immer wieder exhumierte Godfather aller Italo-Hits, werden tanzbar.

Zum Glück hat sich an diesem Abend keiner der Künstler das Ziel gesteckt, aus den Songs Bildungsmusik zu machen. Allen Interpretationen ist gemeinsam, dass sie die betäubende, also die doofe Wirkung der Songs nicht komplett über Bord werfen. Vielmehr bringen sie diese in eine bestimmte Richtung, sei es als Loop einer prägnanten Song-Stelle, sei es durch das "Mitklatschbar-Machen" von Italo-Hits oder der rührselige Vortrag von Carpenter-Songs im schönsten Bass. Noch nie klang doof so gut.

Die TONIC Playlist der Silly Love Songs können wir nach Belieben erweitern. Schlagt uns gerne über die Kommentarfunktion unten möglichst doofe Titel vor.


Kommentare

Noch keine Kommentare vorhanden.