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Für *Stadtgeflüster

Schwarz zu Blau, Paris ist laut

19. April 2014
Von Clara Woopen

Clara fröstelt in der Pariser Großstadtanonymität, in der jeder nur eins zu kennen scheint: seinen eigenen Kram. Nur durch einen bizarren Zufall kommt sie ins Gespräch mit dem Jungen, der seit Stunden vor ihr in der Schlange vorm Theater steht. Der kurze Ausbruch aus der gewohnten Reserviertheit hat Folgen.

Paris ist laut, dreckig und stinkt. Die Leute sind sowieso schon unzufrieden und griesgrämig, aber jetzt regnet es auch noch. Ich stelle mich in die Schlange vor der Comédie française, um kostenlos Don Juan zu sehen. Die Plätze ganz hinten und ganz oben dürfen am ersten Montag des Monats diejenigen unter 26 Jahren kostenlos besetzen, die sich am längsten die Beine in den Bauch gestanden haben. Wie so oft in Paris stehe ich vor einem Ort, der von vornherein als Prachtbau geplant wurde – um zu beeindrucken. Natürlich hat Molière hier gearbeitet und ist sogar während einer Vorstellung gestorben. Ein paar Tage zuvor zeigte mir ein Franzose sein Büro in der Rue de Rivoli schräg gegenüber. Fast beiläufig, aber dann doch zu enthusiastisch, als dass er seinen Stolz verstecken könnte. Es wurde wohl ein Mal mehr ein größeres Maß an Bewunderung von mir erwartet, als ich es an den Tag legte. Auch jetzt bin ich nicht geblendet vom Glanz des wichtigen, großen Theaterhauses.

Kulturprogramm für Arme

Vor und hinter mir stehen stumme Studenten, anonym und frierend. Ich versuche, eine deutsche Freundin anzurufen, um mich von der Kälte abzulenken. Niemand geht ran. Eine ältere Frau läuft fortwährend die Schlange auf und ab. Mein Vordermann nimmt sein Abendessen zu sich, eine Banane. Er schaut nebenbei auf sein Handy und verschluckt sich fast vor Lachen an einem Bissen. Als sich zwei Mädchen fragend zu ihm umdrehen, presst er die Lippen zusammen, kann aber ein weiteres Glucksen nicht unterdrücken. Auch die ältere Frau schaut wieder verstohlen zu ihm herüber. Einmal hatte es schon so ausgesehen, als würde sie ihn ansprechen wollen: Sie verharrte kurz, drehte sich aber im letzten Moment weg.

Wenn ich in der Uni neben ihm gesessen hätte, hätte ich ihn, meinen Vordermann, womöglich angesprochen. Hier vergrabe ich meine Hände noch tiefer in meinen Manteltaschen. Wie lange werde ich wohl noch warten müssen und damit den Preis zahlen, sich ein Leben in Paris leisten zu können? Das letzte Mal hat es dann doch nur für Kultur der wirklich Armen gereicht, nachdem die letzten kostenlosen Karten an die Gruppe vor uns gingen: das Straßenorchester direkt vor dem Theater, tänzerisch begleitet von einem Obdachlosen.

Ça va?

Die ältere Frau kommt jetzt zielstrebig auf meinen Vordermann zu. Sie fragt ihn ohne weiteres Zögern, ob er ihr die Bananenschale zur Pflege ihres Rosengartens überlassen würde. Um uns herum nur Verkehrslärm, Müll und rennende Passanten. Die Bananenschale für ihre Rosen. Er schaut sie fragend an und reicht ihr langsam die Bananenschale, die Situation überfordert ihn. Es gibt jemanden in Paris, der sich ein eigenes Stück Grün leisten kann und dann auch noch die Zeit dafür, sich darum zu kümmern? In diesem hektischen Bananenchor klingt das geradezu absurd. Eine Sekunde später verschwindet die mysteriöse Dame in der Menge und hat mit einem einzigen Satz die Kälte zerrissen. Noch immer sichtlich verwirrt grinsen der Bananenmann und ich uns an.

Er studiert seit einigen Monaten in Paris, heißt Farin und steigt gut gelaunt in meine Analysen dieser Stadt mit ein, mit der so viele eine Hassliebesbeziehung führen. „Stimmt, vorhin habe ich zwei totschick gekleidete Frauen gesehen, die sich im Kampf um einen Sitzplatz geschubst haben!“ – „Oh là, auf der Straße sehe ich auch viel respektloses Verhalten und Gewalt. Und auf der anderen Seite immer dieses ewige Rumknutschen zur Begrüßung.“ „Ja!“, lacht er und schüttelt den Kopf, „das überfordert mich auch noch. Und wieso fragen die Leute eigentlich immer 'ça va?' ohne es wissen zu wollen?“

Rückkehr aus der iPod-Welt

Wir beide sind aufgetaut aus der Gewohnheit, in der Öffentlichkeit anonym und reserviert zu bleiben. Etliche Fremde in der Schlange hinter uns blieben zwei Stunden lang still, wippten in unterschiedlichen Takten zu der jeweiligen Musik auf ihren Ohren. Alle steigen wir ständig in diese iPod-Welt hinab, um Zeit zu überbrücken, nehmen dabei doch meist weder die Musik noch unsere Umwelt noch uns selbst wahr. Wieso eigentlich?

Täglich laufen wir an so vielen Menschen vorbei, die alle ihre eigene Geschichte mit sich tragen. Wir passieren zukünftige Nobelpreisträgerinnen, Obdachlose, Opernsänger und Rentnerinnen, gut und schlecht gelaunte Menschen, aufregende und traurige Geschichten. Vielleicht lernen wir eines Tages den Jungen kennen, der gerade vor uns in die Metro gestiegen ist oder sitzen neben jemandem, der unser Leben verändern wird. Wir sind so sehr mit uns selbst beschäftigt, in der Öffentlichkeit rennen wir von A nach B. So viele Geschichten bleiben dabei verborgen, Perspektiven im Dunkeln, Ideen im Kopf. Wie oft haben wir unsere Freunde früher schon getroffen, ohne sie zu kennen? Sind wir gerade an jemandem vorbeigelaufen, dem wir hätten helfen können?

Meine Verabredung kommt schließlich an und bemerkt den herzlichen Umgang zwischen Farin und mir. Sie begrüßt ihn mit Kuss rechts links, als ob er selbstverständlich dazugehören würde. Sie küsst einen völlig Fremden. Normalerweise hätte sie ihn nicht beachtet.

Farin und ich hätten einiges verpasst, wenn wir unser gemeinsames Erlebnis still hätten vergehen lassen. Auch unser Hintermann streckte bald interessiert den Kopf zu uns, kommentierte unsere Unterhaltung mit einem schüchternen Lächeln, und half uns mit Vokabeln aus. Beide treffe ich seitdem regelmäßig.


Kommentare

PhilippAm 27. April 2014

Sehr sehr gut geschrieben! Spricht mir direkt aus der Seele. Gerade diese "iPod-Welt" bzw. wohl mittlerweile eher dieses Abtauchen im Smartphone verhindert genau solche Geschichten. Die Leute schauen lieber aufs Handy, während Zeit überbrückt werden muss, als für ihr unbekanntes Gegenüber mindestens ein wenig Interesse zu zeigen. Sehr schade - und doch stirbt die Hoffnung zuletzt, dass dann, wie z.B. in der Warteschlange, der Auftauprozess stattfindet, Fremde ihre Distanzhaltung ablegen und dies möglicherweise, wie der Artikel auch so schön sagt, ihr Leben verändern wird.