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Für *Stammtischparolen

Geht es hier wirklich um die Wurst?

30. April 2014
Von Imre Balzer

Mit Slogans wie „Unsere Freiheit wird an der Mensaschlange verteidigt“ zog die Fleischliste jüngst ins Studierendenparlament der Uni Hamburg ein. Die Medien stürzten sich auf ihre flotten Sprüche. Doch dann tat die Fleischliste, womit niemand gerechnet hatte. Ihre Aktion wirft ein schiefes Licht auf die deutsche Debatten- und Medienlandschaft.

Die Parolen waren ausgelutscht, die Slogans rückschrittlich und ganz schön platt. Aber sie genügten. Mit Losungen wie „Fleisch-Freitag statt Fleischfrei-Tag“ und „Unsere Freiheit wird an der Mensaschlange verteidigt“ zog die „Fleischliste“ in diesem Frühjahr ins Studierendenparlament an der Uni Hamburg ein. Angetreten, um sich dem vermeintlichen vegetarisch-veganen Zeitgeist entgegenzustellen und tapfer für mehr Fleisch in der Mensa zu kämpfen, berief sich die Liste auf die schweigende Mehrheit der Studierenden, die sie hinter sich zu versammeln reklamierte. Fast 200 Stimmen konnte die Liste auf diese Weise gewinnen; genug, um mit einem Sitz ins neue StuPa einzuziehen. Für alle, die der Fleischliste ihre Stimme gaben, gibt es jetzt allerdings schlechte Neuigkeiten: Noch ehe die Gruppe ihre politische Mission im Parlament aufnahm, gab sie ihr wahres Gesicht zu erkennen: als Guerilla-Aktion des „Hedonistischen Instituts für angewandte Populismusforschung“.

„Das war alles totaler Quatsch“

„Wir haben uns viel mit der deutschen Debattenkultur beschäftigt. Bei der Frage, was man gegen den sich immer stärker durchsetzenden Wahn unternehmen kann, haben wir lange ziemlich blöd aus der Wäsche geschaut“, beschreibt Jesko Gibs, selbsterklärter Privatdozent des „Hedonistischen Instituts“, den Hintergrund der Aktion. „Also konzipierten wir eine Camouflage-Identität: Die Fleischliste. Wir gaben uns als Hochschulgruppe aus und behaupteten, dass an der Hamburger Universität demnächst Fleisch verboten würde. Das war alles totaler Quatsch, wie ein kurzer Blick auf die Speisepläne hätte beweisen können.“ Die Gruppe gründete eine Facebook-Seite und verschickten eine Pressemitteilung, auf die die Hamburger Morgenpost (Mopo) prompt ansprang. Beweise für angebliche Hass-Mails fälschte die Gruppe einfach – nach eigenen Angaben ziemlich offensichtlich. Gemerkt hat es bei der Mopo niemand.

Die Fleischliste spielte im Wahlkampf mit all jenen rhetorischen Instrumenten, die von zahlreichen Rechtspopulisten so gerne gebraucht werden. Inspirieren ließ die Gruppe auch vom Ring Christlich-Demokratischer Studenten (RCDS), der im Jahr 2012 potentielle Wähler mithilfe von Gratis-Bifis und Flyer gegen vegetarische Gerichte zu ködern versuchte.

Es zählt nur noch der Knalleffekt

Vor allem der Kampf gegen das politisch korrekte „Gutmenschentum“ hat in Deutschland gerade wieder Konjunktur. Thilo Sarrazin (alle Jahre wieder), Matthias Matussek („Ich bin homophob und das ist auch gut so“), die „Alternative für Deutschland“ oder Akif Pirincci (dazu weiter unten mehr) bedienen sich dabei der immer gleichen Mittel: Stammtischparolen werden mit Argumenten unterfüttert, die vor allem die diffusen Ängste ihrer Zielgruppe bedienen, vorgetragen mit der „Man wird das ja wohl noch sagen dürfen“-Attitüde. „Das Verwechseln der eigenen Projektion mit der Wirklichkeit ist mittlerweile leider wiederkehrender Bestandteil gesellschaftlicher Debatten. Viele Menschen scheinen sich bedroht zu fühlen, wenn andere Menschen nicht so sind wie sie“, sagt Jesko.

Bei der Verbreitung kruder Thesen leisten auch die großen Medien allzu oft ihren Beitrag: Erst kürzlich erlebten die Zuschauer des Mittagsmagazins im ZDF, wie der frühere Krimiautor Akif Pirinçci ungestört gegen Lesben, Schwule, Linke, Muslime und Einwanderer hetzte, ausführlich nachzulesen in seinem neuen Buch. In der Sendung des ZDF werden seine Behauptungen als herrlich unkorrekt und erfrischend kontrovers gefeiert, ohne dass irgendeine inhaltliche Auseinandersetzung folgen würde. Genau wie bei der Mopo im Fall der Fleischliste zählte für die Redakteure offenbar nur der verbale Knalleffekt. Was für Dummheiten da vor ihren laufenden Kameras behauptet wurden, war weniger wichtig.

Keine Zeit für vernünftige Recherchen

Besonders gegen diesen Mechanismus der Berichterstattung, gegen die Anfälligkeit der Medien für einfachen Populismus, richtete sich die Aktion des „Hedonistischen Instituts“. In einem Medienbetrieb, in dem immer weniger Zeit für gründliche Recherche bleibt, lassen sich mit Erregungsmomenten eben gut Auflage und Quote steigern. Differenzierte Gegenargumente stören die Fernsehzuschauer da nur in ihrer vorgefertigten Meinung. Über die Hamburger Hedonisten-Gruppe, die mit dem Projekt vor allem den Kampagnenjournalismus der Hamburger Morgenpost im Zuge der Roten-Flora-Proteste anprangern wollte, berichteten neben der Mopo auch mehrere Regionalmedien sowie SPIEGEL Online – anscheinend ohne viel zu recherchieren.

„Die Chiffren und Codes, die in Diskursen verwendet werden, zu entstellen, zu entlarven, lächerlich zu machen, kann eine gute Möglichkeit sein, um Menschen den Spiegel vorzuhalten. Und dazu anmahnen, sich seine Meinung vielleicht etwas differenzierter zu bilden“, sagt Jesko. Angst vor der Gründung einer realen „Fleischliste“ hat er jedenfalls nicht. „Das Thema dürfte für die politische Agenda verbrannt sein. Es gibt ja auch keine Partei, die Programmpunkte von DIE PARTEI übernimmt.“

In Zukunft: richtiges Theater

Was mit dem gewonnenen StuPa-Sitz nun anzufangen ist, hat die Gruppe um Jesko noch nicht entschieden. Fundamentalopposition zu üben sei eine Möglichkeit. Oder vielleicht doch lieber eine Koalition mit der „Spaßliste RCDS“? Doch eigentlich hat das Institut andere Pläne: „Wir arbeiten gerade an einer Theaterperformance, die unter dem Titel „Zahnarzt & Söhne: Der kleine Söribert auf großer Reise“ im Herbst auf Kampnagel aufgeführt werden soll.“ In das Stück sollen auch die Erfahrungen mit der Fleischliste einfließen. Vielleicht verirrt sich auch der ein oder andere Wähler der Liste dorthin und gerät über seine Wahlentscheidung ins Grübeln.


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