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Für *Tataren

Weil wir hierher gehören

2. März 2014
Von Juliane Goetzke

Juliane aus Lüneburg ist Redakteurin bei TONIC

Texte von Juliane
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Juliane Goetzke

Während die Menschen auf den Maiden um ihre Stellung zu Europa, zu Russland und zur eigenen Nation kämpfen, rutschen die Tataren auf der Halbinsel Krim in eine schwierige Position. Juliane besuchte die Halbinsel im September 2013 und schaut zurück.

Für TONIC Nr. 2 porträtierte Juliane die Rückkehr der dort ansässigen Tataren und deren Kampf um ihr kulturelles Erbe und für politische Selbstbestimmung. Im Lichte der jetzigen Ereignisse auf der Krim und den Maiden veröffentlichen wir den Beitrag hier aktualisiert.

Alle Augen schauen auf den Maiden und verfolgen die brisante Lage in Kiew. Auf der Krim 800 Kilometer weiter südlich spielen sich ernste Machtkämpfe um die Zugehörigkeit der Halbinsel im Schwarzen Meer ab. Die Krimtataren wehren sich gegen die Abspaltungsversuche von der Ukraine und befinden sich in einer schwierigen Situation: Russische Bewohner der Krim kämpfen für einen Anschluss der autonomen Teilrepublik an Russland. Nationalistische Ukrainer wollen die Krimtataren für ihren Kampf gegen die russischen Kräfte auf der Krim einspannen.

In den letzten Tagen ist die Situation auf der Krim eskaliert. Die ukrainische Regierung entschied sich im November dagegen, die Verhandlungen zu einem Assoziierungsabkommen mit der Europäischen Union weiterzuführen. Damit rief sie monatelange pro-europäische Demonstrationen hervor. Auf der Krim hat die Frage, ob die Halbinsel zur Ukraine oder zu Russland gehört, eine lange politische Geschichte. Dabei stehen die Krimtataren mit ihrer pro-ukrainischen, europäischen Haltung recht allein da. Nach dem Sturz der Regierung Janukowitsch vor einer Woche ist die Anzahl russischer Soldaten auf der Krim stark gestiegen, der pro-russische Politiker Sergej Aksjonow hat die Regierung der autonomen Teilrepubik übernommen und das geplante Referendum über die Abspaltung der Krim um zwei Monate vorgezogen. Es soll nun am 30. März stattfinden und darüber entscheiden, ob die Krim zu Russland oder der Ukraine gehören soll.

Die derzeitige ukrainische Übergangsregierung verurteilte die Machtübernahme von Aksjonow auf der Krim und sendete Vertreter der neuen Kiewer Zentralregierung auf die Krim. Vor wenigen Stunden stimmte Russland sogar einem Militäreinsatz auf der Halbinsel zu.

Der Machtwechsel in Kiew sei aus Perspektive der Krimtataren positiv zu werten, meint Dr. Mieste Hotopp-Riecke, Direktor des Magdeburger Instituts für Caucasica-, Tatarica- und Turkestan-Studien. “Unter der Regierung Janukowitsch hatten islamophobe und antitatarische Aktionen und Meinungsäußerungen selbst aus Ministerkreisen zugenommen. Es gab Grabschändungen, Anschläge auf Gebäude der krimtatarischen Selbstverwaltung und staatliche Spaltungsversuche, um den gut organisierten krimtatarischen Nationalrat Medschlis zu schwächen.“

Die Rückkehr der Tataren

September 2013. Der Bus gibt ein letztes Schnaufen von sich, wir rollen den steilen Hang, den wir uns die letzten zehn Minuten hinaufgequält haben, wieder ein Stück rückwärts runter, bis der Busfahrer die Handbremse zieht. Die Straße ist knapp drei Meter breit, überall hat sie Risse, gibt es Schlaglöcher und Steinbrocken. Der Bus hängt in einer der vielen engen Kurven fest. „Alle aussteigen!“, ruft jemand, die letzten Meter müssen wir zu Fuß zurücklegen.

Die Straßen in den Siedlungen der Krimtataren sähen alle so aus, einige seien sogar ganz ohne feste Fahrbahn, erklärt mir Temur Kurshutov. Er engagiert sich für die Rechte der Krimtataren und zeigt ausländischen Gästen gerne die Lebensumstände in den krimtatarischen Siedlungen, um auf die Missstände dort aufmerksam zu machen: Ein Drittel dieser Siedlungen wird bis heute nicht mit fließendem Wasser versorgt, weniger als zehn Prozent haben einen Gasanschluss oder solide Straßen. Diese Straße hier, meint Temur, sei schon ganz gut.

Er hofft heute, dass sich die Zentralregierung in Kiew so schnell wie möglich um die Eskalationen kümmert und sie schnell überwindet. Auf der Krim habe man schließlich auch in der Vergangenheit mit über 100 Nationalitäten friedlich zusammengelebt.

Die Krim ist vor allem in Ländern der ehemaligen Sowjetunion als Urlaubs- und Badeort bekannt. Hier leben etwa 265.000 Krimtataren, ein muslimisches Turkvolk. Sie kehren nach und nach aus den ehemaligen zentralasiatischen Sowjetrepubliken zurück, in die sie nach dem Zweiten Weltkrieg von Stalin zwangsumgesiedelt wurden. Heute gibt es etwa 300 krimtatarische Siedlungen, die hart erkämpft werden mussten. Temur und seine Familie haben jahrelang ein Stück Land besetzt, um ein Haus darauf bauen zu können. „Die Behörden auf der Krim arbeiten mit Tricks, um den Krimtataren nicht zu geben, was ihnen zusteht“, meint Temur.

Eine Toilette aus Grabsteinen

Wir erreichen Bachtschisaray, die ehemalige Tatarenhauptstadt der Krim, heute kultureller Stolz der Krimtataren. Im Zuge der Deportation verschwand die tatarische Kultur von der Krim, Einrichtungen wurden geschlossen, die Gebäude abgerissen oder umfunktioniert. Mit den Grabsteinen von krimtatarischen Friedhöfen wurden Häuser gebaut. Neben einer alten Moschee hat man sogar eine Toilette mit Material vom anliegenden Friedhof errichtet.

Sommerpavillion des KHAN-Palastes

Sommerpavillion des KHAN-Palastes

Der alte Khan-Palast ist als Museum geöffnet, es gibt krimtatarische Restaurants und Hotels. In den letzten Jahren hat es viele Krimtataren hierher gezogen, weil sie hier die Mehrheit der Stadtbevölkerung bilden und sich weniger Anfeindungen ausgesetzt fühlen. Denn diese, so erzählt unser Begleiter Temur, gäbe es auf der Krim häufig. „Die Krim ist russisch.“ An vielen Häuserwänden in Simferopol, der Hauptstadt der Halbinsel, finden sich russischnationale Graffitis. „Viele Moscheen, Denkmäler und Friedhöfe werden immer wieder verwüstet.“ Auch das Gebäude des Medschlis, dem krimtatarischen Nationalrat, sei in den letzten Jahren mehrfach mit Molotowcocktails angegriffen worden. „Wirklich aufklären wollen die Sicherheitsbehörden diese Taten aber nicht“, beklagt Temur. Sie seien nicht daran interessiert, die Situation der Krimtataren zu verbessern.

Selbstverwaltet von einem Papiertiger

Die Krimtataren versuchen, sich so gut wie möglich selbst zu helfen: Im Medschlis, einem inoffiziellen Parlament, sollen die größten Probleme in den Siedlungen angegangen werden. Als wir uns auf den Weg zu diesem krimtatarischen Selbstverwaltungsorgan machen, sind die Straßen in Simferopol verstopft von Autos und Menschen. „All diese Leute haben vom Medschlis noch nie etwas gehört“, sagt Temur und zeigt nach draußen. Ja, der Medschlis versuche etwas für die Krimtataren zu tun, meint er. Vom Erfolg scheint mein Begleiter allerdings nicht sehr überzeugt zu sein, schließlich sei das Parlament noch immer nicht einmal offiziell anerkannt und könne kaum politische Forderungen durchsetzen.

Ende Februar 2014 hat der Medschlis gemeinsam mit anderen Organisationen, die die Zugehörigkeit der Krim zur Ukraine unterstützen, einen Krisenstab gegründet, um den pro-russischen Kräften mit geeinter Verhandlungsmacht entgegen treten zu können.

Auch der Magdeburger Tataren-Wissenschaftler Hotopp-Riecke betont die Zugehörigkeit der Krim zur Ukraine. Das geplante Unabhängigkeits-Referendum am 30. März hält er für illegitim. „Völkerrechtlich ist die Krim ein unveräußerlicher Teil der Ukraine.“ Ein Blick in die Geschichte zeige, dass die Krim bis vor der russischen Eroberung vor über 350 Jahren tatarisch war.

Mustafa Dschemilev ist Präsident des Nationalrats und Abgeordneter der Hohen Rada in Kiew.

Mustafa Dschemilev ist Präsident des Nationalrats und Abgeordneter der Hohen Rada in Kiew.

Der Präsident des Nationalrats, Mustafa Dschemilev, wird wegen seines gewaltlosen Kampfes für die Rückkehr der Krimtataren als Held verehrt. Für diesen Kampf war er immer wieder im Gefängnis, insgesamt 15 Jahre lang. Doch bis heute hat er nichts von seiner Energie verloren. Als ich ihn im Gebäude des Nationalrates treffe, erklärt er mir mit fester Stimme, welche Missstände beseitigt werden müssen, um den Krimtataren wieder zu einem angemessen Leben auf der Krim zu verhelfen. „Im Moment machen wir 13 Prozent der Bevölkerung aus. In den Behörden der Krim sind aber nur drei Prozent der Beschäftigten Krimtataren, und selbst die werden systematisch ausgegrenzt. Die prorussischen Kräfte in der Ukraine wollen uns nicht hier haben. Aber das hier ist unsere Heimat und wir hören nicht auf, für unsere Rechte zu kämpfen.“

Was ist ein Volk ohne Sprache?

Dabei geht es nicht nur um das Leben der Krimtataren im Hier und Jetzt, sondern auch um das Überleben der eigenen Kultur. „Ich möchte, dass meine Kinder in der Schule Krimtatarisch lernen können. Was ist schon ein Volk ohne Sprache?“, meint Temur. Er wünscht sich, dass Krimtatarisch, eine dem Türkischen ähnliche Sprache, als offizielle Amtssprache anerkannt wird. Bis dahin sei es aber noch ein langer Weg. Nur jedes zehnte Kind könne eine Schule besuchen, auf der in seiner Muttersprache gelehrt wird. Es gebe kaum krimtatarische Schulbücher und keine Bemühungen von staatlicher Seite, dies zu ändern. Zwar existiert ein Gesetz zur Förderung von muttersprachlichem Unterricht, doch meistens würde der Staat sich nur um die Gebäude und Lehrer kümmern, Schulmöbel und Bücher müssten auf anderen Wegen beschafft werden.

Wie gravierend die Probleme der Krimtataren sind, belegen die Dokumente in der Ismail-Gasprinski-Bibliothek. Dort stehen die Regale in zwei Räumen dicht an dicht nebeneinander, an den Wänden hängen Portraits bekannter krimtatarischer Schriftsteller. Seit der Deportation hatten die Krimtataren keine eigene Bibliothek mehr. „Dieser Ort ist für uns unvorstellbar wichtig. Ohne diese Bücher gäbe es keine Geschichte unseres Volkes, alles würde vergessen werden“, sagt Nadyije Tahirova, eine Mitarbeiterin der Bibliothek.

Hier werden seit 20 Jahren alle Bücher und Zeitungen in krimtatarischer Sprache oder fremdsprachige Bücher über Krimtataren gesammelt. Weniger als ein Prozent aller Bücher auf der Krim sind krimtatarisch. Viele Nichtregierungsorganisationen finanzieren die Publikation von krimtatarischen Kinder- und Schulbüchern. „Wir freuen uns über diese Unterstützung, aber es ist eigentlich Aufgabe der Behörden, sich darum zu kümmern“, sagt Nadyije und fügt hinzu: „Die krimtatarische Kultur passt nicht in diese Räume. Sie kann nicht eingesperrt und unterdrückt werden. Wir gehören doch hierher!“


Kommentare

SimonAm 3. März 2014

Großartiger Text! Vielen Dank für die Einblicke und Hintergrundinfos zu dem Konflikt! Hoffen wir, dass es zu keiner Eskalation kommt.

IvanfiAm 16. März 2014

Es gehört auch keine akademische Bildung dazu, als gesund, logisch denkender Normalbürger den ROTEN FADEN ZU SEHEN, den diese, verbrecherische Politik des Westens (EU/NATO/USA) seit 1999 PERMANENT kennzeichnet.

Die, seit Jahren betriebene Destabilisierung mit anschließender Komplettbeherrschung (inkl kommender Verelendung…) der Ukraine durch die EU/USA

ist ein WICHTIGER BAUSTEIN dabei.

Nach dem die ukrainischen NATIONAL-FASCHISTEN (Majdan) die Macht in der Ukraine übernommen haben,

sollte als nächster Schritt, in STRENGEM KONSEQUENTEN USA/NATO-AUFTRAG

der KRIM-Pachtvertrag mit Russland gekündigt werden,

um Russland strategisch und mental zu SCHWÄCHEN!

Damit will der Westen auch als weiterer Baustein, Russland noch dichter und noch aggressiver an den Leib rücken.

Um Russland endgültig aufs Kreuz zu legen, (nach vielen Jahrzehnten wieder einmal in den Fußstapfen von Hitler und Napoleon, die jedoch gescheitert bsind) um Russland ENDGÜLTIG zu destabilisieren, zu zerlegen, zu zerstören!

Dass dies Russland nicht hinnimmt, ist verständlich und begrüßenswert!

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Welcher schäbiger, vom Westen geförderte UNGEIST in der, von der UPA dominierten West-Ukraine herrtscht (ca. 15 Millionen „Polen“, die sich Ukrainer nennen), zeigt das folgende Beispiel:

Ich zitiere aus dem DLF-Beitrag vom 31.1.2014 (Bericht von Martin Sander)

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Ein Demonstrant in Lemberg sagt:

“Ich möchte nicht, dass meine Kinder in 20 Jahren Russisch sprechen und nicht wissen, was das ist: Die Ukraine.

Mit den Polen wollen wir gut zusammenleben.

Wir gehören ja zum gemeinsamen Volk der Slawen.

Die Russen rechne ich nicht dazu.

Das sind keine Slawen. Das sind Mongolo-Tataren.”

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