TONIC ist umgezogen! Hier gehts zur neuen Seite.
Für *Talkmaster

„Wann waren denn bitte alle Türen offen?“

6. März 2014
Von Marcus Ertle

Katrin Bauerfeind, Allzweck-Moderatorin mit Hang zur Popkultur, veröffentlicht heute ein Buch über das schöne Scheitern. Mit uns spricht sie über ihre verpassten Chancen, soziale Ungerechtigkeit und was Politiker sagen, wenn die Kamera leider aus ist. Und was uns scheißegal sein kann.

Katrin war beim Interview nicht in Fotografierlaune. Darum prangt hier ein aalglattes Agentur-Bild.

Katrin war beim Interview nicht in Fotografierlaune. Darum prangt hier ein aalglattes Agentur-Bild.

Wieso heißt es eigentlich so oft, dass die Frage, wen man am liebsten interviewen würde, unoriginell ist?

Ne, unoriginell ist die Frage nicht, aber sie ist schwer. Die eigentliche Kunst besteht darin, dass man von jedem Interviewgast am Ende sagen kann: Den wollte ich schon immer mal interviewen. Das klappt nicht immer. Oft sind Menschen, von denen man glaubt, dass sie geil sind, gar nicht so geil.

Wen würden Sie gerne mal interviewen?

(überlegt) Sensationell fände ich ein Interview mit Angela Merkel.

Die würde doch nur ihre Politikerfloskeln loslassen.

Das wäre eine Herausforderung. Am besten wäre ein Abend an irgendeinem Tresen dieser Republik mit viel Bier oder Wein. Dann könnte es klappen.

Was ist spannend an Angela Merkel?

Wie sie wohl ist, wenn sie zwei Wein getrunken hat.

Also Angela Merkel besoffen machen.

(lacht) Vielleicht nicht ganz so drastisch. Mich würde einfach interessieren wie sie ist, wenn sie mal loslässt. Vielleicht geht das aber auch erst, wenn sie nicht mehr im Amt ist.

Wo wäre Ihre Schmerzgrenze bei einem Interview, was darf man nicht fragen?

Ich bin immer dafür, dass man das fragt, was einen interessiert. Ich habe für mich ein paar Regeln, aber es ist dem Interviewten überlassen, ob er antwortet.

Kann auch passieren, dass der Interviewte zum Interviewer sagt: Sie haben einen Scheiß-Namen. So wie Wolfgang Schäuble zu Ihnen.

Das hat er klugerweise kurz vor dem Interview off-kamera gesagt. Und dann sagte er, dass es in dem Ort, aus dem er kommt, einen Elektroladen gibt, und mein Name würde ihn an diesen Laden erinnern.

Ein Kindheitstrauma?

Nein, die hießen Doof und als sie Jubiläum hatten, stand über ihrer Eingangstür: Achtzig Jahre Doof. Daran würde ihn mein Name erinnern.

Doof und Bauerfeind, nicht ganz identisch.

Das wird für immer Wolfgang Schäubles Geheimnis bleiben, was er da für Assoziationsketten hatte. Es war auf jeden Fall ein ungewöhnlicher Einstieg in ein Gespräch.

Oh, ja, geil! Aber warum sagt ihr das immer erst, wenn die Kamera aus ist?

Sie hatten gegenüber einem anderen Politiker auch mal einen ungewöhnlichen Einstieg. Nachdem der damalige Verteidigungsminister Peter Struck einen Schlaganfall erlitten hatte, hieß es, dass es ein Schwächeanfall war. Sie haben ihn dann gefragt, ob man damit rechnen müsse, dass er gestorben sei, wenn es dann einmal heißt, er hätte die Grippe.

Es wirkte so, als ob beide mir erstmal klar machen wollten: Ich habe hier die Hosen an! Struck war wütend auf mich, weil ich zehn Minuten zu spät zum Interview gekommen bin. Allerdings weil mein Flieger Verspätung hatte. Meine Verspätung hat ihn so wütend gemacht, dass er die Interviewzeit gekürzt hat: Jetzt rede ich nur noch eine Viertelstunde mit Ihnen! Und das hat mich wiederum so sauer gemacht, das ich dachte: Gut, dann kommt jetzt mal meine Einstiegsfrage! Nach dem Interview - er hat mir doch eine halbe Stunde gegeben - hat er zugegeben, dass er überlegt hat aufzustehen und zu gehen, weil die Frage eine Frechheit gewesen wäre.

Die Frage war natürlich provokativ gestellt, aber worauf ich hinaus wollte, war: Wie viel Schwäche darf man als Politiker zeigen? Und er sagte, dass man als Politiker Schwächen verschweigt, weil man nicht schwach sein darf. Wo du dir als Interviewer dann immer denkst: Oh, ja, geil! Aber warum sagt ihr das immer erst, wenn die Kamera aus ist?

Sitzen Sie manchmal in Jogginganzug vor dem Fernseher auf dem Sofa, sehen sich selbst top gestylt bei einer Show und denken sich: Leute, wenn ihr mich jetzt sehen könntet.

Ich hatte einmal in Schottland so ein Erlebnis, da hat mich jemand in einer Jugendherberge erkannt. Das war einer dieser versifften Campingurlaube, wo man immer nur in Lümmelklamotten und Wanderschuhen steckt. Ich hatte Kaffeeflecken auf dem Pulli, ´ne Fettmatte auf dem Kopf und war völlig ungeschminkt. Der Mann an der Rezeption nimmt unsere Daten auf, erzählt seine ganze Lebensgeschichte, kam aus Freiburg, ist ausgewandert laberlaber und fragte am Ende: Und wie isch es jetzt, wenn man nicht erkannt wird in Schottland? Ich stehe in Schottland in diesem Pitlochry, dem Rentnerdomizil, dem Baden-Baden von Schottland - und fühle mich total privat. Wenn mich jemand erkennt, obwohl ich überzeugt bin, dass mich niemand kennt, dann empfinde ich das als totalen Eingriff in meine Privatsphäre. Aber wenn ich zum Kiosk muss, spring ich nicht aus dem Jogging und zieh mir ein Kleid über. Wobei ich ehrlich gesagt gar nicht so oft Jogginghosen trage.

Je mehr man hört und sieht, desto mehr ist einem egal.

Leben wir in einer gerechten Gesellschaft?

In Bezug auf was?

Chancengleichheit, Soziales, Bildung, Einkommen.

Wenn ich mir die Talkshows anschaue offensichtlich nicht. Es geht immer um die Schere zwischen Arm und Reich, ob die Reichen ärmer werden müssen.

Müssen sie?

Ich glaube, man kann das nicht so einfach sagen. Ich will das auch nicht entscheiden. Es gibt immer Ungerechtigkeit.

Und man wird es nie ändern können.

(überlegt) Ja, wahrscheinlich ist das so. Ich höre aber dann auch wieder, dass es Deutschland ja eigentlich gut geht und wir froh sein sollten.

Man fühlt sich wie ein kritisches Kindergartenkind, das das Kindergartenfest scheiße findet, sich aber nicht laut zu schreien traut, aus Angst die Stimmung zu versauen.

Man darf doch ruhig mal sagen: Das ist mir scheißegal.

Das muss man sogar. Je größer die Informationsflut wird, desto wichtiger ist es auch mal zu sagen: Ach, ja, das ist auch passiert? Ist mir total wurscht!

Je mehr man hört und sieht, desto mehr ist einem egal.

Was denn zum Beispiel?

Die Umweltverschmutzung, die Bevölkerungsexplosion, die Klimaerwärmung, die schlimmen Arbeitsbedingungen in Asien.

Das ist einem nicht egal, das hat glaube ich eher mit Verdrängung zu tun. Wir wissen zwar, dass es die Probleme gibt, aber wir sind nicht damit konfrontiert. Die Polkappen schmelzen weit, weit weg.

Man sieht dann immer schockierende Bilder im Fernsehen, aber es ist eben nur Fernsehen. Man weiß schon: Ach, ich sollt' sicher nicht so eine Riesenkarre fahren, sicher sollte ich mich mal informieren wo meine Klamotten herkommen und wer das wann genäht hat. Aber in unserer Welt geht es, trotz dieser Dinge, jeden Tag ganz normal weiter. Für uns verändert sich doch merklich nichts.

Die Eltern sagen einem immer: Dir steht die Welt offen, du hast die Wahl. Dann gehst du studieren, immer mit dem Satz: Du kannst alles machen!

Welchen Beruf hätten Sie, wenn es mit den Medien nicht geklappt hätte?

Keinen.

Auch keine Schande.

Da wo ich herkomme schon, da ist es sehr konservativ. (überlegt) Ich wollte schon so vieles machen, ich wollte in einem Blumenladen arbeiten, ich wollte Landschaftsgärtnerin werden, Kommunikationsdesignerin, Architektin, Lehrerin, Stewardess. Ich wollte ein eigenes Hotel haben. Manchmal finde ich es schade, dass das nicht mehr geht. Ich hab auch schon ein paar Träume begraben.

Die Möglichkeiten schwinden.

Das ist krass. Das war meine einzige Sorge an meinem dreißigsten Geburtstag. Die Eltern sagen einem immer: Dir steht die Welt offen, du hast die Wahl. Dann gehst du studieren, immer mit dem Satz: Du kannst alles machen! Und dann bist du fertig, fängst an zu arbeiten und dann denkst du: Wann waren denn bitte alle Türen offen? Das war dann wohl ein ganz kurzer Moment.

Und man kann immer nur durch eine Tür gehen.

Und weiß nicht, was dahinter ist.

Und die anderen Türen gehen automatisch zu.

Das hat mich ernüchtert. Ich hab nie ein Auslandssemester gemacht, war immer heimatverbunden und fand es hier schön. Aber ich dachte auch, dass ich ja noch kann, wenn ich will. Aber mit dem dreißigsten habe ich kapiert: Wenn ich jetzt wollte, könnte ich schon, aber dann wäre ich dreißig und die Anderen Anfang zwanzig und ich wäre eben die, die denkt sie könnte mitfeiern. Dabei würde ich nur etwas nachholen. Schon wieder eine Tür zu.

Man fühlt sich fast ein wenig von der Welt beschissen.

Jahrelang habe ich gehört: Ach, du bist ja noch sooo jung, du hast ja noch ewig Zeit. Von wegen! Dann kommen plötzlich Monate vor dem Dreißigsten die Fragen, ob man Angst vor dem Alter hat, ob man die biologische Uhr schon ticken hört. Als wäre ich eine Wundertüte, die mit dreißig aufgemacht wird. Ich saß dann bei meiner Geburtstagsparty später allein im Garten und hab in mich gelauscht, ob jetzt irgendwas mit mir passiert, ob ich mich plötzlich total erwachsen fühle und so etwas denke wie: Wow, jetzt verstehe ich alles! Es war aber nicht so. Ich war dann ein bisschen enttäuscht. Am Ende hatte es gar nichts mit mir selbst zu tun, nur das Umfeld hat mich wahnsinnig gemacht.

Ihr letzter Scheißegal-Moment?

Letzte Woche, als ich um zehn ins Bett wollte und es war dann doch zwei und ich dachte mir: Komm, auch schon scheißegal.

Welche Interviewfrage stellen Sie nicht mehr?

Keine Fragen nach bestem, schlechtesten, schönstem, schwierigsten. Das sind ganz schwierige Fragen, da fällt einem eh nichts ein. Niemand geht ja so durch die Welt, dass er das im Kopf hat. Man sitzt dann da und denkt: Warte, warte, warte, warte, schönste schönste... Und oft widerspricht man sich.


Kommentare

Noch keine Kommentare vorhanden.