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Für *Monotheisten

Neukölln: Ein No-Go für Juden?

30. März 2014
Von Philipp Fritz

Armin Langer ist Jude und lebt in Berlin-Neukölln. Mit seiner Salaam Schalom Initiative versucht er, den Dialog zwischen Juden und Muslimen zu verbessern und zu zeigen: Neukölln ist für Juden keine No-go-Area.

Armin Langer im Café Engels, Neuköllner Schillerkiez

Armin Langer im Café Engels, Neuköllner Schillerkiez

„Herhören“, ruft Armin Langer, 23 Jahre alt und Rabbinerstudent am Berliner Abraham Geiger Kolleg. „Es kann losgehen, wer hat etwas zu sagen?“ Er wedelt mit seinem Notizblock durch die Luft. In einer Altbauwohnung trifft sich an diesem Donnerstagabend die Salaam Schalom Initiative. Ein Dutzend junger Juden und Muslime will hier daran arbeiten, den jüdisch-muslimischen Dialog zu verbessern – vor allem in Berlin-Neukölln.

Der Antisemitismus-Beauftragte der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Rabbi Daniel Alter, erklärte im August 2013 gegenüber der Berliner Morgenpost Teile der Bezirke Wedding und Neukölln zu "No-go-Areas" für erkennbare Juden. Grund sei der hohe Anteil an arabisch- und türkischstämmigen Anwohnern. Alter selbst und seine damals sechsjährige Tochter waren ein Jahr zuvor, im August 2012, im bürgerlichen Berlin-Friedenau am hellichten Tag Opfer einer Attacke geworden: Alter trug sein Gebetkäppchen und wurde von vier jungen Männern gefragt, ob er Jude sei. Als er bejahte, beleidigten und bedrohten sie ihn und seine Tochter. Und schlugen schließlich auf ihn ein. Die Täter brachen Alter das Jochbein und suchten das Weite; bis heute sind sie nicht gefasst. Die vier Jugendlichen waren laut Alter "vermutlich arabischstämmig", darum schien ihre Tat von islamischem Antisemitismus begründet. Auch international machte der Fall Schlagzeilen.

Der aus Ungarn stammende Langer reagiert mit seiner Initiative auf Alters Aussage.

Videos für ein vorurteilsfreies Neukölln

Es ist Freitagmittag. Armin Langer sitzt vor dem Café Engels in Neukölln und schlürft einen Minztee. „Ich möchte mich gar nicht gegen Rabbiner Alter stellen“, sagt er. „Aber dass Neukölln eine No-go-Area für Juden ist, das ist eine unglückliche Formulierung.“ Langer weiß, dass Antisemitismus unter arabisch- und türkischstämmigen Jugendlichen verbreitet ist; „du Jude“ gilt auf Schulhöfen häufig als Beleidigung. „Ja, es gibt Antisemitismus“, sagt Langer, „aber es gibt auch Hass und Feindschaft gegenüber Muslimen und anderen Gruppen. So ist das eben.“ Am Café Engels ziehen Passanten vorbei, die Türkisch und Englisch, Polnisch und Italienisch sprechen. Langer fühlt sich bestätigt. „Neukölln ist bunt und so mag ich es“, betont er. „Menschen bauen Vorurteile nur ab, wenn sie anderen Menschen begegnen. Wenn jeder in seinem Kiez bleibt, dann verändert sich auch nichts.“ Langer sagt, Neukölln sei nicht besser und nicht schlechter als andere Berliner Bezirke. Er ist ein überzeugter Neuköllner, ein Lokalpatriot, der zeigt, dass sich in Neukölln auch Juden zuhause fühlen.

Im Dezember stellte Langer kurze Clips bei YouTube hoch. Es ist der Beginn der Salaam Schalom Initiative. In den Videos erzählen Neuköllner Juden, wie gerne sie hier leben. Sie vergleichen den Bezirk mit der multiethnischen Josefstadt in Budapest oder mit dem orientalischen Gewusel in Israel.

Die Jüdischen Gemeinde zu Berlin ist hingegen nicht ausnahmslos begeistert von den Aktionen des jungen Rabbinerstudenten aus Ungarn. Kürzlich sagte Daniel Alter gegenüber der Jüdischen Allgemeinen, dass er sich freuen würde, wenn die Salaam Schalom Initiative recht hätte mit dem, was sie tut. Aber er glaube weiterhin, Neukölln sei gefährlich für Juden, die sich als solche zu erkennen geben würden. Dass seine Initiative von einigen als naiv angesehen wird, macht dem Aktivisten Langer nichts aus.

Gründung der satirischen Knoblauchfront

In seiner Heimat Ungarn ist der Rabbinerstudent eines der Gründungsmitglieder der Knoblauchfront, einem ungarischen Ableger der Front Deutscher Äpfel. Wie auch seine deutschen Apfelfront-Kollegen zieht Langer gelegentlich in schwarzem Mantel mit schwarz-weiß-roter Binde durch die Straßen. Er persifliert damit diejenigen, die ganz rechts außen stehen. Dass er jüdisch ist und dazu auch noch offen schwul, ist einigen Menschen in Ungarn ein Dorn im Auge: „Ich habe mir auch schon blöde Sprüche anhören müssen“, sagt der 23-Jährige, „aber ich glaube an das Gute im Menschen.“ Im April dieses Jahres tritt Langer für eine neue ungarische Linkspartei zu den Parlamentswahlen an. In seinem Wahlbezirk muss er sich unter anderem gegen eine Jobbik-Kandidatin durchsetzen – die rechtsextreme und antisemitische Partei ist derzeit mit elf Prozent der Wählerstimmen im Budapester Parlament vertreten.

Langer lässt seinen Minztee stehen, legt eine Zwei-Euro-Münze neben das Glas und steht auf. Er muss zum Friseurtermin. Sein „Coiffeur“, wie er sagt, stammt aus dem Libanon. „Gerade von Menschen aus dem Libanon könnte man erwarten, dass sie Vorurteile gegenüber Israel oder Juden im Allgemeinen haben“, sagt Langer. „Immerhin sind viele von ihnen vor Krieg in der Region geflohen. Mein Coiffeur zumindest hat keine Probleme mit uns.“ Armin Langer wird bereits erwartet. „Hallo mein Freund.“ Langers Coiffeur hat gerne jüdische Kundschaft, er sei schon immer wunderbar mit Juden ausgekommen, sagt er, im Libanon und auch in Berlin. Langer muss schmunzeln, etwas wohlwollend, etwas ungläubig. Aber zufrieden.

Neue Clips mit muslimischen Neuköllnern

Viele arabisch- und türkischstämmige Jugendliche in Neukölln haben noch nie einen Juden gesehen, und viele Juden haben noch nie eine Moschee besucht. Die Anfrage der Sehitlik-Moschee am Tempelhofer Feld kommt Langer da gerade recht. Das Vorstandsmitglied Ender Çetin wurde über die Clips auf YouTube auf die Salaam Schalom Initiative aufmerksam; sie ist nun in die Moschee eingeladen, um sich dort den Gemeindemitgliedern vorzustellen. Langer möchte mehr Muslime für die Gruppe gewinnen und neue Clips produzieren, in denen muslimische Neuköllner zu Wort kommen.

Es ist 18.30 Uhr. Armin Langer wartet vor der Sehitlik-Moschee am Columbiadamm auf die anderen Mitglieder von Salaam Schalom. Es ist nasskalt, Autos rasen vorbei. „Ich bin aufgeregt“, sagt Langer. „Ich kann gar nicht sagen, wer davon weiß, dass wir hier sind oder wie viele Leute da sind.“ Langsam trudeln die anderen ein. Sieben Mitglieder von Salaam Schalom haben sich vor der Moschee eingefunden, alle wirken etwas verloren. Man hört Gebete aus der Moschee, niemand traut sich, die Tür aufzumachen. Dann kommt das Vorstandsmitglied Ender Çetin um die Ecke: „Hallo Armin, ja es dauert heute etwas länger, aber ihr könnt gleich reingehen. Am besten, ihr stellt euch nach dem Ende des Koranunterrichts vor.“ Der Moscheeraum ist gut gefüllt. Links sitzen die Männer, rechts fast alle Frauen, in der Mitte, direkt an der Trennwand, die Mitglieder von Salaam Schalom. Kaum jemand scheint darüber informiert worden zu sein, dass es heute Besuch gibt. Vorne wird zu Koransuren referiert. Dann, nach ungefähr zwei Stunden, stellt Ender Çetin die „jüdischen Neuköllner“ vor.

„Wir nennen die Sonnenallee selbst Gazastreifen“

Es gebe da einen Rabbiner, der habe gesagt, Neukölln sei eine No-go-Area für Juden. Ender Çetin zeigt sich betroffen. Er kennt Rabbiner Alter aus der interreligiösen Arbeit. Er mag ihn, aber dass er von No-go-Areas gesprochen hat, gefällt ihm nicht: „Unsere Freunde hier haben eine etwas andere Meinung. Klar, es gibt Probleme, wir nennen ja selbst die Sonnenallee manchmal 'Gazastreifen'.“ Alle lachen auf. Ender Çetin wird wieder ernst. „Aber das ist wichtig. Am besten, wir lassen Armin selbst erzählen.“ Langer kommt nach vorne. Kaum jemand wusste, dass heute einige Juden anwesend sein werden, doch die Leute hören aufmerksam zu. „Vielen Dank für die Gastfreundschaft, es ist schön, hier zu sein.“ Langer erzählt von Salaam Schalom, seinen Clips auf YouTube, davon, dass viele Juden in Neukölln leben und dass er möchte, dass Juden und Muslime aufeinander zugehen. Er möchte Gemeindemitglieder für eine neue Reihe von Clips gewinnen und hofft, dass man sich auch in der Sehitlik-Moschee für Salaam Schalom begeistern werde.

Nach zehn Minuten ist die Vorstellung vorbei. Die meisten Gemeindemitglieder verlassen schnell den Moscheeraum. Aber einige bleiben und kommen auf Armin und seine Mitstreiter zu. Sie wollen mitmachen, sich engagieren, einander kennenlernen. Langer ist glücklich. „Zwar sind nicht alle geblieben“, sagt er, „aber das ist doch ein guter Anfang, dass wir uns hier kennenlernen können.“ Für Armin Langer beginnt die Arbeit mit Salaam Schalom jetzt erst richtig.

Der Beitrag ist erstmals in der Lokalzeitung Neukoellner.net erschienen.


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