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Für *Protagonisten

„Es ist wichtig, wie die sind.“

23. März 2014
Von Saskia Fuchs

Jan Soldat, 30, ist ein Regisseur, dem es um den Menschen geht. Er bringt sich unvoreingenommen in interessante Situationen und Lagen - von denen wir uns sonst nur mit einem getrockneten Moralpinsel blasse Bilder in den Kopf malen.

Klaus Johannes Wolf als und in „Der Unfertige“.

Klaus Johannes Wolf als und in „Der Unfertige“.

„Es ist wichtig, wie die sind“, sagt Jan Soldat und alles ist klar. Denn das Simple, Unbedarfte ergibt bei ihm am meisten Sinn. Seine rund 40 Dokumentarfilme vereint ein Thema: Sex.
Doch im Grunde geht es darum nur wenig. Vielmehr um die „Sexualität und den Körper“, fernab von Schmutzigem und Unanständigem, so vermeintlich ungewöhnlich das Gezeigte auch sein mag.
„Sich nackt zeigen ist mit einem Tabu behaftet“, sagt Jan.
Serien wie Sex and the City brechen zwar das Schweigen und der Geschlechtsakt wird zum allgegenwärtigen Thema: Eine von Samanthas Eroberungen kettet sich im Kleiderschrank an und sagt, als I´m Too Sexy von Right Said Fred läuft: „Schlag mich!“ Alles ist perfekt inszeniert. Der Mann sieht gut aus in seinen Ketten, Samantha mutet bezaubernd an in ihrem roten Kleid - und der Kleiderschrank ist mit Zedernholz vertäfelt. Das Zuschauerauge labt sich am Genuss der Ästhetik, die uns immer als das Natürlichste verkauft wird.
Anders als in Serien, in denen Unterhaltungen und Handlungen künstlich aufeinander abgestimmt sind, sieht man in Jan Soldats neustem Film Der Unfertige den Mut zur rohen Echtheit:

Der 60-jährige Klaus Johannes Wolf alias Gollum bezeichnet sich selbst als Sklaven.
Er fesselt sich in SM-Ketten und sitzt auf seinem Bett. Man spürt sein Mitteilungs- und sein inneres Sicherheitsbedürfnis, wenn man ihn unmittelbar vor sich sieht, den Blick ehrlich und direkt in Jans Objektiv gewandt. Klaus zeigt Bilder seiner Familie und erzählt von ihr. Er nimmt einen mit in seinen Alltag, unverstellt und ehrlich.
„Meine Filme sind Plattformen, dass meine Protagonisten sich zeigen, wie sie sich gerne zeigen würden, oder was sie schon immer mal sagen wollten“, sagt Jan. „Dann liegt es in meiner Verantwortung, dass es ausgewogen bleibt und nicht propagandamäßig wird.“

Mosaikstücke allein erklären nichts

Die Familiengeschichte von Klaus ist stark gefärbt: angefangen bei einem Opa, der die nackten Enkelkinder mit einem Gartenschlauch abduscht, über den früh verstorbenen Vater, ehemals bei der SS, hin zu einer dominanten Mutter. Seine Vergangenheit ließe leichte Schlüsse auf Klaus' sexuelle Orientierung und Vorlieben zu. Aber genau dem will Soldat entgegenwirken: „Der Film gibt Mosaikstücke vor.“ Die alleine seien aber zu wenig, um den Protagonisten zu erklären. „Man ist dazu geneigt auf ein Trauma zu reduzieren“, sagt Jan. Aber ein Mensch habe viel mehr Facetten.
Jan legt großen Wert darauf, den Mensch Klaus zu zeigen, mit allem, was er ist. Und möchte ihm durch die Art, wie er den Film präsentiert, einen Schutzraum geben - in ihm ist es dem 60-jährigen möglich, zu sein und zu zeigen, wer er ist. Denn es geht nicht darum Schlagzeilen zu machen, sondern einzig um ihn, den Unfertigen.

Jan produziert den größten Teil seiner Filme allein: „Viele Leute sind so voreingenommen, die haben so eine Psychologisierung, die sie dann mit ins Gespräch zu mir bringen.“ Und das würde ihn behindern; er will sich vorurteilslos auf seine Protagonisten einlassen. Für seinen Film Zucht und Ordnung (2012) plante er, ohne Vorgespräch einfach drauf los zu filmen, ohne das ältere Pärchen Manfred und Jürgen zu kennen.
„Was sehe ich als Jan?“, ist sein Credo. Und somit schwingt immer eine Unbekümmertheit mit, wenn die beiden Männern während ihres SM-Spiels anmerken, dass sie eben Pinkeln gehen müssen. Der Regisseur legt keinen Wert auf Kategorisierung, denn „es geht nicht um das Warum.“

Bei Jan steckt erhebliche Intuition dahinter, besonders bei seinen Kameraeinstellungen. Sie entstehen aus einem „bewussten Gedanken, der aber nicht im Vorhinein geplant ist. Da was draufzudrücken, wäre mein Wille als Konzept, und das hätte nicht gepasst.“ Die Einstellungen sind bei all seinen Filmen auf die Bedürfnisse der Protagonisten abgestimmt: „Menschen und Räume geben etwas vor.“
Bei Zucht und Ordnung ist das Bild wesentlich mehr in Bewegung als im Unfertigen, und es erfährt auch nicht die Begrenzung wie bei Klaus. Es zeigt Manfred und Jürgen, die munter in der Wohnung auf und ab laufen. Beide sitzen entspannt auf ihrer Couch und reden gemütlich über ihr Leben, während rechts und links ihre Möbelstücke ins Bild ragen. Jan versucht diese Lockerheit einzufangen.

Die Filme brauchen einen geschützten Raum, nicht das Internet

Bei Der Unfertige gibt Klaus sich selbst durch seine Ketten Grenzen, und Jan fängt sie durch eine klare Bildgestaltung ein. Da sind leise, intime Einstellungen auf das Bett, die Küche, die Badewanne. Keine Schnörkel, klare Linien.
Als ich den Film das erste Mal sehe, schreie ich innerlich auf, als Klaus von dem Grab seines Vaters erzählt, auf dem Blumen so hoch gestapelt waren, wie der Schrank in seinem Zimmer hoch ist - aber die Kamera folgt nicht Klaus' Fingerzeig, seiner Deutungsgeste, sondern bleibt starr auf ihn gerichtet. Jan will „die Kamerapositionen wechseln, wenn es sich natürlich anfühlt.“
Er fordert den Zuschauer auf, sich selbst Bilder zu machen, zu reflektieren: „So ist man mehr beim Protagonisten und letztlich auch mehr bei sich selbst.“ Wir bekommen also die Möglichkeit den Moralpinsel auszuwaschen und eine Skizze zu machen, bevor wir uns Bilder in den Kopf malen, die wir so schnell nicht mehr rausbekommen.

Nichtsdestotrotz sind die gezeigten Szenen fernab von leichter Kost. Jan Soldat entschied sich mit seinen Protagonisten, die Filme nicht online zugänglich zu machen, damit sie nicht Opfer von einer Kontextverschiebung werden: Durch die Unmittelbarkeit der dargestellten Sexszenen rühren sich Gefühle in einem, die schwer zuzuordnen sind. Es sei wichtig, meint Jan, „das Werk im Ganzen zu sehen, in einem geschütztem Raum, der ein wertiges Auseinandersetzen möglich macht.“


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