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Für *Wandelwesen

Die ewige Schnitzeljagd

15. Februar 2014
Von Fabian Stark

Der Band 'Nachtleben Berlin' zeichnet das Berliner Feierwesen seit 1974 nach. Schon ein bisschen Blättern macht urste Lust auf exzessiven Ausgang, sofort. Doch was lehrt uns das Buch darüber, wie wir das heute Nacht am besten anstellen?

Romy Haag kopfüber im Nachtleben.

Romy Haag kopfüber im Nachtleben.

'Nachtleben Berlin' liegt seit über einem Monat in meinem Zimmer, mal auf dem Schreibtisch, mal auf dem Plattenspieler [sic], mal auf dem Sofa, mal betriebsam aufgeschlagen, mal zugeklappt wie zu den Akten gelegt. Ich hätte eine konventionelle Rezension schreiben können: tolles Buch, umwerfende Bilder, bündelt viele Stimmen. Doch bei TONIC muss es immer mehr sein, der "besondere Dreh", und so stellte ich die Frage: Welchen Rat gibt uns das Buch für heute, wenn wir jungen hippen Leute heute in die Nacht starten? Was wollen wir da draußen?

'Nachtleben Berlin 1974 bis heute', das scheint Ort und Zeit zu vereinen, in denen alles stattgefunden hat, was im Hinblick Feierkultur relevant ist. Ausgenommen vielleicht das New Yorker Studio 54 und die Münchner Läden, in denen Freddie Mercury und R.W. Fassbinder abhingen. Doch dann schlage ich das Buch auf und stürze in einen quirlenden Fluss von Memoiren und Interviewprotokollen. Zwar chronologisch aufgezogen an Etablissements und Charakteren, aber dennoch der pure, wüsteste Anekdoten-Wahnsinn - wie soll man da hedonistische Weisheiten rauslesen? Ich versacke auf Iggy Pops Geburtstagsparty, Rafael Horzons Ideen-Vulkan der 90er oder beim doch sehr un-überraschenden Porträt des Berghains.

Phantom und Wandler David Bowie verlängerte den Tag.

Am Anfang war David Bowie. Die Berliner Tage zählen erst 24 Stunden, seitdem er Mitte der 70er die geteilte Stadt betrat – oder genauer: das Travestie-Bar-Cabaret Chez Romy Haag in Schöneberg. Bowie schlief mit Chefin Romy Haag und tauchte in den folgenden Jahren wie ein Phantom an all den Orten auf, die inzwischen fast alle geschlossen sind und die Berliner Clubs dennoch bis heute prägen: der Dschungel, das Exil, die Paris Bar - wo Bowie unter dem Namen "Mrs. Jones" stets die sibirische Ecke reservierte. Der Ruf Berlins als Insel des Westens ohne Sperrstunde machte die Stadt zur Legende. Doch heute, 40 Jahre später scheint es, als würden auf Speed und Koks durchfeierte Nächte in Watergate und Kater oft nur noch tumb dem Klischee der nie schlafenden Stadt huldigen. Wasted German Youth, das Erbe ist halt groß.

"Bitte nicht nach Hause schicken", lautet das Eingangszitat des Buchs; es stammt vom Künstler Martin Kippenberger, der 1978 Geschäftsführer des Punk-Clubs SO 36 wurde. Die Berliner Partys schienen immer dann gut zu sein, wo man zu seinem inneren Kind zurückkehren konnte. David Bowie soll die meiste Zeit im Romy Haag in der Garderobe verbracht haben: ein Spiel mit den Identitäten. Nicht, dass man versuchte, jemand anderes zu sein. Vielmehr erlaubte die Stadt, die man eh nicht zügeln konnte, das Innere nach außen zu kehren. Nicht umsonst heißt es immer, jetzt sei 'Schluss mit Kindergeburtstag', wenn ein bedeutender Berliner Club schließt, wie die Bar 25 im Jahr 2010. Man erfand sich selbst neu und machte mit der gleichen Bewegung seine Umwelt zur Live-Utopie.

Eine nimmer endende Suche nach den utopischen Schlupflöchern.

Es wäre gelogen zu sagen, dass es diese Orte nicht mehr gäbe. Oder dass Touris und Kommerz die potenziell aufregenden Schlupflöcher verstopfen. Das Loophole in der Boddinstraße feiert täglich einen anderen Karneval; und gutes Ausgehen ist ohnehin eine Schnitzeljagd, wie Christiane Rösinger in Bezug auf die (halb)illegalen Mitte-Läden der 90er feststellt. Verdümmlichtes, lustloses Rumgehopse, das muss nie sein.

Wie ich nun sehe, hat sich das Trödeln mit dieser Kritik gelohnt: die NEON titelt seit Montag mit ihren "Party-Tipps: Die besten DJ-Tricks, Drinks und Snack-Rezepte". Man muss keine üble Feiersau sein um zu wissen, dass 'Kniffe, Getränke und Knabbereien' zwar das Lob der Gäste sichern, aber allein keine erlebnisreiche Nacht machen. Nein, es geht darum, Räume für Neues zu öffnen, um uns herum und in unseren Herzen. Ja, das klingt wie ein Mantra und gehört auf einen Yogi-Teebeutel, nicht auf TONIC. Doch besser kann ich die Botschaft von 'Nachtleben Berlin' nicht entschlüssen.
Vielleicht wisst ihr mehr.

Nachtleben Berlin - 1974 bis heute, von Wolfgang Farkas, Stefanie Seidl, Heiko Zwirner (Hrsg.), erschienen im Oktober 2013 beim Metrolit Verlag. Macht 36 Euronen.


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