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Für *Gewissensbisse

Das Dilemma mit dem leeren Teller

19. Februar 2014
Von Jakob Hinze

Jakob aus Hamburg ist Autor bei TONIC

Texte von Jakob
autor@tonic-magazin.de

Jakob Hinze

Am Hamburger Hauptbahnhof wird Jakob von einem scheinbaren Hinz-und-Kunzt-Verkäufer übertölpelt: Ohne es zu wollen, spendet er ein paar Euro, statt eine Zeitung zu kaufen. Wieder einmal stellt sich ihm die Gewissensfrage: Sollte man Geld geben, wenn man einem Bettler begegnet?

Das Titelthema interessiert nicht, aber ich mag die Idee.

Das Titelthema interessiert nicht, aber ich mag die Idee.

Die Transaktion beginnt vielversprechend. „‘ne Hinz & Kunzt?“ Ich stehe am Gleis. Das Kleingeld in meiner Jackentasche habe ich für den Kauf einer Tageszeitung aufbewahrt, aber dieses Vorhaben verwerfe ich gerne. Das Exemplar, das mein Geschäftspartner mir hinhält, ist nicht mehr taufrisch, und das Titelthema („Mehr leben! Auch mit 89 Jahren hat Schauspieler Hannes Stelzer noch viel vor“) interessiert mich kein bisschen. Doch ich bin ein Freund der Idee hinter dem Straßenmagazin. Der Kauf dieser Hinz & Kunzt ist löblicher als der von profanen Tagesnachrichten, sage ich mir. „Gerne. Was kostet die?“ – „Eins neunzig. Aber mit ‘ner kleinen Spende...“ – „Klar. Das sind zwei fünfzig, das passt so.“ – „Danke.“

Doch da nimmt unser Geschäft eine unerwartete Wende. Er dreht sich um und will gehen. Mit der Zeitung.

„Was ist jetzt mit dem Heft?“, frage ich. „Ja nee, das ist ja mein letztes. Deswegen frag ich ja nach der Spende.“ Ich bin überrascht, mehrere Reaktionen schießen mir durch den Kopf, ich entscheide mich im Bruchteil einer Sekunde für die konfliktärmste. „Ach so! Ja, gerne...“ Ende der Transaktion. Hinz-&-Kunzt-Verkäufer: eins. Ich: null.

Almosen fürs gute Gewissen

Mal gewinnt man, mal wird man von einem Clevereren überflügelt, könnte ich mich nun beruhigen. Doch meiner Verwirrung folgt nicht allein der Ärger des unterlegenen Geschäftsmanns. Man braucht nicht viel Fantasie, um dahinterzukommen, dass dieser Mann mit derselben Zeitung wahrscheinlich seit Tagen seine Runden zieht, ich also auf einen billigen Trick hereingefallen bin. Meine Ausgabe war jetzt nicht mehr und nicht weniger als eine Spende an einen Obdachlosen. Für sich betrachtet kein Problem, im Gegenteil. Der Haken ist ein anderer: Hätte der Kerl sich einfach mit einem Teller auf den Bürgersteig gesetzt, wartend, dass man ihm etwas gäbe, ich wäre vorübergegangen. Der Teller wäre leer geblieben.

In der Großstadt ist die Begegnung mit Obdachlosen ein buchstäblich all-tägliches Ereignis und ihr Ende niemals frei von Scham: Gehe ich bemüht wegguckend vorüber, nagt dabei jedes Mal ein Schuldgefühl an mir, kaltherzig zu sein; werfe ich einen Euro aufs Porzellan, so weiß ich nur zu gut, dass er niemandem wirklich helfen wird, auch den Bettlern nicht. Denn obwohl das Kleingeld für einen Augenblick nützen mag, verändert es doch nichts Entscheidendes an ihrer Lage, an ihrer Abhängigkeit von Almosen. Der einzige Profiteur könnte mein gutes Gewissen sein, das allerdings nicht zu so viel Selbstbetrug fähig ist, um meine Handlung nicht als gönnerhaften Schwindel zu entlarven, der eher heuchlerisch ist als mildtätig. Denn Mildtätigkeit, die an der Abhängigkeit des Anderen nichts ändern wird, verdient diesen Namen nicht.

Nicht spenden. Tauschen.

Jetzt wird das Dilemma wiederkehren, bei meiner unvermeidlichen nächsten Begegnung mit einem leeren Teller: Wenn ich keine Münzen darauf werfe – dann wohl nur, weil die Person dahinter nicht so dreist ist, den Trick mit der Zeitung vorzuschieben, sondern ihre Gegenleistung ehrlich verweigert? Auf der anderen Seite erscheint es mir noch unsäglicher, eine neue Maxime zu erheben und Kleingeld ohne Austausch zu verteilen. Nein, auf den Tausch bestehe ich. Nicht, weil ich so scharf bin auf eine Hinz & Kunzt, von der ich bestenfalls ein Drittel gelesen hätte; nicht, weil ich an den Markt glaube wie andere Leute an Gott – und bei Expansion meiner Inkonsequenz Marktversagen fürchte; und nicht, weil ich selbst dem frechen „Verkäufer“ die zwei fünfzig nicht gönne, die er zweifellos besser brauchen kann als ich.

Sondern weil er auf mich nicht angewiesen ist. Alles wäre anders gewesen, hätte ich im Austausch für das Geld die abgegrabbelte Hinz & Kunzt erhalten. Nicht als scheinheiliger Gönner hätte ich dagestanden, der einer armen Seele Gnade im Wert eines belegten Brötchens schenkt. Eine Hand hätte die andere gewaschen und jeder hätte seine Selbstständigkeit bewahrt. Steckt er sie einfach so ein, meine zwei fünfzig, macht er sich dankend abhängig von meinen wechselhaften Gönnerlaunen; gibt er mir aber das Heft, ist er nicht stärker abhängig von mir als ich von ihm – wir beide haben, was der Andere will. Und unter diesem Umstand begegne ich meinem Gegenüber anders: Statt mich zu seinem Teller herunterbücken zu müssen, sähen wir uns auf Augenhöhe. Und hätten wir uns nicht geeinigt, wären wir unserer Wege gezogen und woanders auf unsere Kosten gekommen.

Am Hamburger Hauptbahnhof ertönt eine Durchsage nach der anderen. Mein Zug hat Verspätung. Die Kälte kriecht unter meine Jacke, beschäftigungslos trete ich auf der Stelle. Ich warte. Die Hinz & Kunzt hätte ich jetzt wirklich gut brauchen können.


Kommentare

GustavAm 20. Februar 2014

Kommt ja noch hinzu, dass er in der Regel nicht der einzige ist, der um eine Spende bittet. Da setzt nämlich mein schlechtes Gewissen ein: Nicht zu fragen, ob ich überhaupt spenden soll, sondern wem und wie vielen? Kann ich ihr etwas geben, während ich ihn sitzen lasse? Soll ich den Euro durch die fünf Menschen teilen, die mich am Hamburger Hbf gleichzeitig darum bitten? Und bin ich es überhaupt, der (Stichwort: Ursachenbekämpfung) spenden soll, oder sollte nicht lieber derjenige spenden, der gerade mit dem Taxi durch halb Hamburg gefahren ist? Aber interessiert das den Bedürftigen? Wie man's macht, macht man's falsch. Jetzt würde mich mal die Perspektive des Hinz-und-Kunzt-Verkäufers interessieren.