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Für *Sachbearbeiter

Nur keine Kratzer

11. Dezember 2013
Von Fabian Stark

In seiner Reportage 'Wolfskinder' porträtiert Fabian Weiß junge Menschen in Deutschland, Schweden und Polen, die abseits ihres Elternhauses leben. Heime und Pflegefamilien sollen sie auf einen „richtigen“ Pfad bringen und ein selbstorganisiertes Leben vorbereiten.

Fabian Weiß recherchierte und kontaktierte über sechs Wochen Einrichtungen der Jugendhilfe in Deutschland und Europa; anschließend war er zwei Monate mit der Kamera unterwegs. Aus seinen Eindrücken und Aufnahmen schuf Fabian ein Buch, aus dem unser Medienpartner Emerge ab heute weitere Bilder zeigt. Wir fragten Fabian, was er in dieser Zeit erlebte.

Berichte über Heime, junge Straftäter und verhaltensauffällige Kinder sind oft schwere Sozialreportagen, die den Leser in tiefer Betroffenheit zurücklassen. Auf deinen Fotos hingegen lachen viele Kinder und spielen in der Natur.

Meine Mutter hat früher im Bereich der Jugendhilfe gearbeitet, daher weiß ich, dass die Medienbilder in vielen Fällen nicht ganz stimmen. Von dieser Welt hört man nur, wenn ein Jugendlicher was ausgefressen hat. Mir aber war es wichtig zu zeigen, dass dort normale Menschen ihren Alltag leben.

Natürlich haben die Kinder und Jugendliche oft Probleme im Umgang mit anderen Menschen - aber in vielen Fällen verläuft ein schmaler Grat zwischen Einweisung und einem Leben bei den leiblichen Eltern. Die verwehren den Jugendämtern oft den Einblick und die Sacharbeiter sehen schwer, was in den Familien tatsächlich los ist. Dennoch müssen sie entscheiden, wohin die Leute kommen: Ein Jugendlicher, den ich traf, hatte zu viel gezockt, er ist mit den Hausaufgaben nicht mehr hinterher gekommen, die Nachhilfe schlug fehl und nachdem die Eltern nicht mehr weiter wussten, kam er ins Jugendheim und damit in die Förderschule. Als ich ihn traf, war er 14 Jahre alt. Das ist oft eine Spirale, aus der man nur schwer wieder rauskommt.

In deiner Strecke wirfst du erstmal vieles in einen großen Topf: Du porträtierst Kinder in Heimen und Pflegefamilien, straffällige Jugendliche, Verhaltensauffällige, Streetwork. Was verbindet sie?

Das Leben außerhalb der Familie. Alle sind früh von ihren Eltern fortgerissen und müssen sehen, wie sie mal auf sich allein gestellt zurecht kommen. Mich hat jeweils die persönliche Geschichte interessiert: Was wollen die, was sind ihre Wünsche und Sorgen? Das Ziel der Jugendhilfe ist meistens nicht, die Kinder zu ihren Familien zurückzubringen. Deshalb sträuben sich viele Eltern gegen das Jugendamt, das ihnen die Kinder wegnehmen möchte. Sie haben auch wenig Einfluss darauf, wo ihre Kinder landen - ich will ihnen zeigen, dass es viele Möglichkeiten gibt, nicht nur Heime und Arrest. Meine Arbeit soll eine Landkarte der Jugendhilfe bieten, durch die betroffenen Eltern Orientierung und Hoffnung schöpfen können.

Auf einem deiner Bilder sieht man einen Tisch, der Socken an seinen Beinen hat. Was hat es damit auf sich?

Die Socken sind dazu da, dass es keine Kratzer auf dem Boden gibt. Das ist nicht nur einfach witzig, sondern für mich ein Symbol: Viele Maßnahmen haben das Ziel, dass die Jugendlichen mit der Gesellschaft konform, also 'normal' werden. Doch die Jugendlichen sind ja nicht blöd. Ich habe oft erlebt, wie sie innerhalb der Einrichtungen eine gespaltene Persönlichkeit entwickeln: Gegenüber den Betreuern erfüllen sie die Erwartungen, einer strich gar 'Party machen' nachträglich von seiner Hobbyliste. Als ich mit ihnen sprach, merkten sie mit der Zeit, dass sie zu mir ehrlich sein konnten.

In einem Begleittext zu deiner Arbeit beschreibst du deine Vermutung, dass man immer mehr von jungen Leuten erwarte, sodass dem viele nicht mehr gerecht werden können und aus dem gesellschaftlichen Raster fallen.

Ich habe schon den Eindruck, dass heute vieles schneller gehen muss, und durch den Wettbewerb um Leistung viele soziale Werte verkümmern.

Auf einem anderen Foto sieht man fünf Jungs, die einer Sanduhr beim Rieseln zusehen - was geht da vor?

Sie warten ab, bis ihre Schweigeminute vorbei ist. Das ist eine Erziehungsmaßnahme. Was sie falsch gemacht haben, weiß ich nicht mehr, nur dass es trivial war. Vielleicht haben sie eine Tür zugeknallt oder am Tisch gelacht.

Du zeigst auch ein Wunschbuch, in dem Carlos seinen Betreuer bittet, wieder am Frühstück teilnehmen zu dürfen. Er verspricht, nicht mehr zu schlingen.

Ja, wer sich dort bei Tisch nicht richtig benahm, musste für eine Woche oder länger in seinem eigenen Zimmer essen. Von den antiquierten Bestrafungsmethoden war ich teils schockiert: Die Leute sollten sich schlicht konform verhalten - so, dass man es 'normal' nennen würde. Viele Einrichtungen arbeiten mit Ampel-Systemen oder vergeben Karten: eine gelbe bekommt man hier schon, wenn man beim Essen lacht.

Hast du auch Erfolge gesehen?

Im Großen bewegt sich leider meist wenig. Es sind vor allem die kleinen Erfolge, die zählen. Man kann sein Leben nicht auf einmal umkrempeln. Es geht immer um die akute Jetzt-Situation, den Alltag.

In Schweden habe ich einen Jugendlichen getroffen, der fand das Leben in der Natur super. Er konnte angeln gehen und schätzte es selbst, dass er schwer an Alkohol kam. Ein anderer lernte reiten. Ihm gefiel das Landleben, aber er wollte es nicht zugeben. Doch er zeigte mir seine neue Umgebung mit Begeisterung und Stolz, so habe ich es gemerkt.

Fabian Weiß, geboren 1986, studierte in Wien, Aarhus und London Foto-Journalismus und lebt in Estland. Er fotografiert unter anderem für GEO, die ZEIT und das Le Monde Magazin; seine Arbeit 'Wolfskinder' erhielt in den letzten Monaten viele Preise, etwa den BFF Förderpreis und den deutschen Fotobuchpreis. Unser Medienpartner emerge verkauft das Buch 'Wolfskinder' und zeigt die gesamte Bildstrecke.


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