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Für *Schuldner

Das Recht der Wüste

21. Dezember 2013
Von Marina Klimchuk

Sie verschwinden auf Sinai, in der Grenzregion zwischen Ägypten und Israel: Tausende afrikanische Flüchtlinge geraten dort in die Fänge von Menschenhändlern. Mebrahtom und Kolbrom haben die Gefangenschaft überlebt, doch Folter und Erpressung haben Spuren hinterlassen. In Israel erwartet sie der nächste Kampf: um Unterstützung im Kampf gegen die Traumata.

Armut auf den Straßen Süd Tel-Avivs

Armut auf den Straßen Süd Tel-Avivs

Mit gesenktem Kopf hält Mebrahtom eine geblümte Plastiktüte in der Hand, rupft hektisch ein Stück nach dem anderen ab, wirft es auf den Boden und starrt mich mit leerem Blick an. Sein Englisch ist gebrochen, er gestikuliert wild beim Sprechen. Dem unstrukturierten Gestammel kann ich wenig entnehmen, und doch verstehe ich fast alles. Er sagt einige Begriffe, die hier so oft fallen in Verbindung mit Sinai: Verbrennungen mit Zigarettenstummeln, Vergewaltigung, Elektroschocker, gefesselt und aufgehängt an Eisenketten, mit verbundenen Augen. Dann fragt er, ob ich seine Narben sehen will. Noch bevor ich antworten kann, reißt er sein T-Shirt hoch und zeigt mir die riesigen Brandnarben auf seinem Rücken. „37.500 Dollar Lösegeld haben meine Eltern in Eritrea gezahlt. Alles, was sie hatten, haben sie verkauft, dazu noch Tausende Dollar Schulden gemacht. Jetzt muss ich die Schulden zurückzahlen.“

Nachdem er zehn Monate lang in den Folterkammern von Sinai gefangen war, ist Mebrahtom nun seit zwei Jahren in Israel. Gearbeitet hat er bisher nicht. Stattdessen denkt er an die Schulden, Tag und Nacht, auf nichts anderes kann er sich konzentrieren. Ein typischer Fall von Posttraumatic Stress Disorder. „Wir versuchen, diesen Menschen bei dem zu helfen, was sie durchmachen. Wir 'schwimmen' mit ihnen in diesem unendlichen Ozean, der droht, sie zu ertränken. Aber es gelingt uns nicht immer, und oft nur für einige Augenblicke“, erzählt Bracha Shapiro, eine Sozialarbeiterin der ASSAF, einer Hilfsorganisation für Flüchtlinge in Tel Aviv.

Brandnarben eines Folteropfers

Brandnarben eines Folteropfers

Etwa 60.000 Flüchtlinge leben zurzeit in Israel, die meisten von ihnen stammen aus Eritrea oder dem Sudan. Seit 2009 wurden Schätzungen von NGOs zufolge 7.000 Menschen in Sinai von Mitgliedern des Beduinenstammes Rashida gequält und gefoltert. Der Rashida-Stamm ist im Grenzgebiet zwischen Sudan und Eritrea sowie in Südägypten ansässig und kooperiert mit dem sudanesischen Militär und lokalen Sicherheitskräften, die die Flüchtlinge in die Falle locken oder überfallen.

Seit dem Camp-David-Abkommen mit Israel 1982 ist das ägyptische Militär auf Sinai kaum präsent. Seither hat sich Sinai zu einer gesetzeslosen Zone entwickelt, in der Beduinenstämme vielerorts das Kommando an sich gerissen haben. Eine hohe Arbeitslosigkeit und die isolierte soziale Lage der Beduinen in der ägyptischen Gesellschaft bieten einen Nährboden, der den Handel mit Waren, Waffen und Drogen nach Gaza seit Jahrzehnten florieren lässt. Besonders profitabel ist jedoch der Menschenhandel: Im Durchschnitt werden pro Kopf 30.000 Dollar Lösegeld gezahlt.

Mebrahtom ist ihnen ins Netz gegangen und hat überlebt. Die Todeszahlen sind unbekannt: Flüchtlinge, deren Familien das horrende Lösegeld nicht auftreiben konnten, die von ihren Peinigern zu Tode gequält oder nach ihrer Freilassung von ägyptischen Grenzsoldaten erschossen wurden beim Versuch, die Grenze zu Israel zu überqueren. Der ehemalige ägyptische Außenminister Hossam Zaki behauptet zwar, es werde nur auf diejenigen geschossen, die sich nicht an Sicherheitsvorkehrungen halten; dies sei notwendig, um den Waffen- und Drogenschmuggel unter Kontrolle zu bekommen. Doch zahlreiche Augenzeugen berichten von häufigem willkürlichem Feuer.

Der Grenzübergang zwischen Israel und Ägypten

Der Grenzübergang zwischen Israel und Ägypten

Einige haben es nach ihrer Freilassung aus Sinai nach Israel geschafft, die „einzige Demokratie im Nahen Osten“. Andere fristen ihr Dasein in ägyptischen Gefängnissen oder wurden zurück in ihre Heimat abgeschoben. 95 Prozent von ihnen sind Eritreer: Männer, Frauen, einige Kinder. Manche Jugendliche sind gerade einmal 18 oder 19. Sie alle versuchten, vor der Militärdiktatur des Präsidenten Isaias Afewerki in Eritrea zu fliehen. Fast immer zunächst nach Äthiopien oder in den Sudan, wo sie in Flüchtlingslagern nahe Khartoum oder Kassala unterkommen. Von dort aus wollen die meisten nach Europa – nur wenige zieht es nach Israel. Dass Flüchtlinge dort nicht erwünscht sind, hat sich mittlerweile herumgesprochen. Dennoch ist Israel für viele die unfreiwillige Endstation ihrer Reise.

„Dies ist keine Arbeitserlaubnis“

Die Menschen werden meistens direkt aus den Flüchtlingslagern, bisweilen auch aus Grenzgebieten, entführt und weiterverkauft. Meistens sind es mehrere Dutzend Geiseln, die in Lastwagen versammelt nach Sinai abtransportiert werden. Viele sterben bereits unterwegs an Wassermangel oder Erstickung. So hat Mebrahtom seinen Freund verloren, mit dem zusammen er bei der Arbeit gekidnappt wurde. Später war er mit etwa 50 anderen im Foltercamp untergebracht, einzelne von ihnen hat er in Tel Aviv wiedergetroffen. Gelegentlich fallen sich in den Räumen von ASSAF zwei Eritreer um den Hals und weinen zusammen aus Freude, sich zum ersten Mal außerhalb Sinais wiederzusehen.

Fast könnte man sagen, Mebrahtom habe noch Glück gehabt. Zumindest theoretisch hat er ein Visum und könnte arbeiten, wäre es um seinen seelischen Zustand besser bestellt. Zwar steht auf seinem kleinen, zerfetzten Stückchen Papier in hebräischer Schrift: „Dies ist keine Arbeitserlaubnis“, doch der Oberste Gerichtshof in Israel hat per Gesetz beschlossen und öffentlich erklärt, dass Flüchtlinge wie Mebrahtom trotzdem legal arbeiten dürfen. Die Logik dahinter? Abschreckung, damit nicht noch mehr Afrikaner nach Israel kommen. Und gleichzeitig die Unmöglichkeit, Tausenden Arbeit und jegliche Sozialleistungen zu versagen.

Conditonal Release – ein eritreischer Flüchtling mit israelischen Dokumenten

Conditonal Release – ein eritreischer Flüchtling mit israelischen Dokumenten

Erholen im Gefängnis

Für andere ist die Situation komplizierter: „Mistanenim“ („Eindringlinge“, wie Flüchtlinge in den israelischen Medien genannt werden), die nach der Verabschiedung des sogenannten „Anti-Infiltrations-Gesetzes“ im Juni 2012 die Grenze zu Israel überquert haben und damit illegal israelisches Territorium betreten, können laut Gesetz bis zu drei Jahre inhaftiert werden. Haft, das bedeutet Abgeschiedenheit von jeglicher Zivilisation, ohne Kontakt zur Außenwelt. Betroffen waren von diesem Gesetz auch diejenigen, die als Geiseln in Sinai gehalten wurden. Nur eine Handvoll, die schlimmsten Fälle von Folter und Vergewaltigung, wurde nach monatelangem Gefängnisaufenthalt im Frühling 2013 entlassen.

Als das Anti-Infiltrations-Gesetz im September dieses Jahres vom Obersten Gericht in Israel für ungültig erklärt wurde, sollten etwa 1750 Menschen aus dem Gefängnis freikommen. Doch nur etwa 700 von ihnen sind nun tatsächlich frei. Kobrom war einer der ersten, die im September entlassen wurden. Seitdem lebt er teils bei Freunden, teils im Park. Vor kurzem wurde er im Schlaf ausgeraubt und hat nicht einmal mehr ein Handy, mit dem er seine Anwältin anrufen und ihr davon erzählen könnte. Geblieben ist ihm eine Decke für den israelischen Winter. Über die acht Monate, die er in Sinai festgehalten wurde, will er kaum sprechen. Mehr als ein Jahr lang war er nach seiner Freilassung im israelischen Gefängnis, so wie es das Anti-Infiltrations-Gesetz vorsieht. Nach den Qualen in Sinai hat er an den Gefängnisaufenthalt beinahe schöne Erinnerungen: „Die Israelis waren gut zu mir, ich habe Essen und Pflege bekommen“.

Gegen den rechtlichen Kodex

Doch die neu gewonnene „Freiheit“ der Flüchtlinge missfällt der israelischen Regierung: Am 10. Dezember 2013 wurde im Israelischen Parlament eilends ein neues Gesetz verabschiedet, das die Haft auf ein Jahr verkürzt und danach den Aufenthalt in speziellen Lagern vorschreibt, in denen die „Eindringlinge“ die Nächte verbringen und zusätzlich dreimal täglich abgezählt werden, um ihre Anwesenheit zu überprüfen. Dies soll verhindern, dass sie sich zu weit entfernen und sogar Arbeit suchen, denn dies sei der Grund, warum diese Menschen nach Israel kämen.

Ebenso wie die bisherige Gefängnisanlage befindet sich das neue Lager Holot mitten in der Wüste, nahe der ägyptischen Grenze. Das Gesetz ermöglicht es, willkürlich Flüchtlinge aus ganz Israel aufzugreifen und zwangsweise dort unterzubringen. Das Lager bietet Platz für etwa 3.000 Menschen. NGOs und Menschenrechtsaktivisten schreien auf. „Weder das Anti-Infiltrations-Gesetz noch die neuen Regelungen entsprechen Israels rechtlichem Kodex“, sagt Reut Michaeli, eine Anwältin von Hotline für Migrant Workers. „Wenn unsere Organisationen gegen solche Gesetze gerichtlich nicht mehr vorgehen, verlieren wir damit ein hohes Gut der Demokratie“, erklärt sie im Interview mit Blogportal +972mag.

Viele psychisch und physisch besonders angeschlagene Flüchtlinge und etwa 200 Opfer von Folter und Menschenhandel, die Sinai überlebt haben, wurden seit der Ungültigkeitserklärung des Anti-Infiltrationsgesetzes wie in Kobroms Fall tatsächlich freigelassen. Doch die wenigsten von ihnen erkennt der Staat offiziell als Opfer von Menschenhandel an. Viele haben kein Visum und keine Aussicht, ohne Dokumente einen Job zu finden.

Flüchtlinge demonstrieren für ihre Rechte

Flüchtlinge demonstrieren für ihre Rechte

Versklavung durch Verschuldung

Etwa vier Jahre, nachdem der Menschenhandel auf dem Sinai begonnen hat, horcht die Weltöffentlichkeit langsam auf: Am 4. Dezember 2013 wurde im Europäischen Parlament in Brüssel „The Human Trafficking Cycle: Sinai and Beyond“ vorgestellt, eine der wenigen Veröffentlichungen zu dem Thema. Allein die wachsende Aufmerksamkeit wird den Menschenhandel nicht unterbinden; doch zumindest lässt sie die freigelassenen Opfer auf verstärkte Unterstützung hoffen. „Es steht fest, dass sich solche Traumata nicht heilen lassen“, berichtet Shapiro von ihren Erfahrungen in der Therapiearbeit mit Sinai-Opfern. „Das einzige, was wir tun können, ist den Schmerz ein bisschen zu lindern. Doch weil diese Menschen in Israel keine angemessene Betreuung erhalten, verschlechtert sich ihr Zustand. Für viele wurde die physische Gefangenschaft nur abgelöst durch eine Versklavung durch Schulden an ihre Familien.“

Trotz aller Widrigkeiten tut Kobrom alles, um sein neues Leben in Tel Aviv zu organisieren. „Bitte handelt, ich brauche ein Visum, nur so kann ich einen Job finden und ein Zimmer mieten,“ fleht er mich an. Ich bin machtlos und das erkläre ich ihm auch. Dabei hätte er rechtlichen Anspruch auf psychologische Behandlung und eine Bleibe in der vom Staat finanzierten Zufluchtsstätte, die speziell für Opfer von Menschenhandel und Prostitution eingerichtet wurde. Theoretisch. Praktisch ist der Ort heillos überfüllt, Dutzende Männer und Frauen warten monatelang, viele werden niemals in richtige Behandlung kommen. Es ist eine traurige Realität, die viele vor allem eritreische Flüchtlinge in Israel erfahren. Seit Kobrom aus dem Gefängnis entlassen wurde, hat er ein einziges Mal mit seiner Familie in Eritrea telefoniert. Als er mir davon erzählt, lächelt er zum ersten Mal.

Marina Klimchuk hat in München Soziologie und Politik studiert und beendet nun ihren Master in Migration Studies in Tel Aviv. Im Rahmen ihres Praktikums für ASSAF unterstützt sie Flüchtlinge im Alltag und hat in den vergangenen Monaten die Arbeit mit Folteropfern intensiviert. Ein aktuelles Therapiekonzept von ASSAF besteht darin, Flüchtlinge ihre persönliche Geschichte als Zeitzeugen berichten zu lassen, um ihre Traumata dadurch zu lindern.

Mehr zu ASSAF und Spenden: http://assaf.org.il/en/


Kommentare

o-oAm 18. März 2014

Sehr bewegender Artikel! vielen Dank