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Für *Leichtmatrosen

Verwöhnhölle in Marineblau

26. November 2013
Von Fabian Stark

Beklemmendes Vergnügungs-Karussell oder schneller Weg zum persönlichen Glück? Der Fotograf William Minke buchte eine Kreuzfahrt und nahm die Bilder für euch mit. Das zweite Kind der Zusammenarbeit zwischen dem jungen Foto-Magazin emerge und TONIC.

„Ich habe erfahren, wie Sonnenmilch riecht, wenn sie auf 21.000 Pfund heißes Menschenfleisch verteilt wird. Ich bin in drei Ländern mit «Mään» angeredet worden. Ich habe 500 amerikanischen Leistungsträgern beim Ententanz zugeschaut.
[...]
Ich habe jede Menge weißer Ozeanriesen gesehen. Ich habe Schwärme winziger Fische mit fluoreszierenden Flossen gesehen. Ich habe einen dreizehnjährigen Jungen gesehen, der ein Toupet trug. (Die Fluorenz-Fische hielten sich an jeder Anlegestelle bevorzugt zwischen unserer Schiffswand und dem Beton der Kaimauer auf.) [...] Ich kenne inzwischen den Unterschied zwischen einfachem Bingo und Prize-O und weiß, was ein Bingo Multi-Bonus ist. Ich habe Camcorder gesehen, für die man eigentlich einen Kamerawagen gebraucht hätte; ich habe Gepäckstücke, Sonnenbrillen und Kneifer in schreienden Neonfarben gesehen, und ich habe festgestellt, dass es über zwanzig verschiedene Marken von Badelatschen gibt. Ich habe Steeldrums gehört und Meeresschneckenbeignets gegessen und war Zeuge, wie eine Frau in Silberlamee einen gläsernen Aufzug von innen flächendeckend vollgekotzt hat. Ich habe im Zweiviertel-Takt von Siebzigerjahre-Disco-Musik den Arm gen Saaldecke gereckt, was ich seinerzeit (1977) ums Verrecken nicht getan hätte.
Ich habe erfahren, dass jenseits von Ultra-ultra-Ultra-marinblau noch eine Steigerung möglich ist.“
aus David Foster Wallace: Schrecklich amüsant - aber in Zukunft ohne mich

In seiner sehr witzigen, traurigen und teils erschaudernden Lang-Reportage "Schrecklich amüsant" erzählte David Foster Wallace 1997 vom Leben und Treiben auf einem US-amerikanischen Kreuzfahrtsschiff. Schon im Reise-Katalog sei ihm die überirdische Verwendung des Worts 'verwöhnen' aufgefallen - an Bord fühlte er vorwiegend Verzweiflung.

Deutschland ist hinter den USA und Großbritannien der drittgrößte Markt für Kreuzfahrten. Längst sind nicht mehr die angesteuerten Küstenstädte deren Hauptattraktion, sondern das Leben an Bord: Bingo, Essen, Pool, Animation und Shoppingmall im Endlos-Karussell.

Der Fotograf William Minke hat sich für 'End of Crisis' solch einer Reise angeschlossen, als einer von 3000 Menschen auf der Suche nach ihrem persönlichen Glück. William meint, sie schaffen es wirklich, für einen Moment ihre Krise zu brechen.

'End of Crisis' ist die zweite Serie unseres Medienpartners und fotografischen Pendants Emerge Mag, die wir hier auf TONIC ankündigen - nach Vitus Solashankas Reportage über die russische Region Sotschi, wo die Olympischen Winterspiele 2014 stattfinden werden. Bis unsere Partnerschaft weitere schöne Früchte trägt wünschen wir euch: Viel Vergnügen!


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