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Für *Spaßbremsen

Warum DIE PARTEI wählbar ist

9. September 2013
Von Fabian Stark

Pointen sollte man nicht erklären, doch für die Satire-Partei Die PARTEI tut TONIC-Autor Fabian es trotzdem. Denn er ist der Meinung: Die machen weder Klamauk noch Demagogie – weil Satire im Zweifel ernster ist als die Politik.

Martin Sonneborn, mit der Presse unter einer Decke

Martin Sonneborn, mit der Presse unter einer Decke

„Die endgültige Teilung Deutschlands – das ist unser Auftrag.“ Peter Altmaier soll gefrackt und Pub Crawls verboten werden, das einstufige Gymnasium wird einen früheren Eintritt ins Arbeitsleben ermöglichen, Managergehälter will Die PARTEI auf das 25.000-fache eines Arbeiterlohns begrenzen, weil: „Kein deutscher Manager ist mehr als 25.000-mal wertvoller als ein beliebiger Arbeiter.“ Sie bedient sich bei den etablierten Parteien, staucht deren Slogans und proklamiert: „Inhalte überwinden!“ Und wenn die PARTEI die Macht erringt, bekommt jeder Wähler unter anderem einen Werkzeugkoffer „JUMBO“ und zwei Pfund Gehacktes. Denn: „Das Bier entscheidet.“ So ein Quatsch?

Es ist mühsam und absolut nicht unterhaltsam, Pointen zu erklären. Das bringt bestenfalls ein steifes Nicken hervor, schlimmstenfalls löst es eine Diskussion über subtilen und hochnäsigen Humor, Korrektheit oder zwischenmenschliche Beziehungen aus, an deren Ende man meist merkt, dass man grundsätzlich aneinander vorbeiredet und sich konsequenterweise Lebewohl sagen sollte. Man sollte es besser lassen und schweigen.

Doch für die Partei Die PARTEI* erkläre ich die Pointe trotzdem.

Meinen die das ernst?

Die einen verstehen sie halb, die anderen gar nicht: Entweder frohlockt das deutsche Wahlvolk über eine Satire-Partei mit einem lustigen Martin Sonneborn an der Spitze, der ein wenig die deutschen Berufspolitiker karikiert und dem SPIEGEL ONLINE-Publikum ab und an ein Schmunzeln ins Gesicht zaubert. Die PARTEI als eine lustige Truppe, auf die sich Sensationsjournalisten gerne stürzen, um ihre drögen Politikspalten mit Kalauern aufzuheitern und das Ganze mit pikierter Empörung oder glucksender Albernheit zu garnieren. Der Leser macht Klick, sagt Ha Ha, teilt auf Fatze und alle sind zufrieden.

Oder die TV-Total-Intellektuellen der Nation fragen „Meinen die das ernst?“ – Der gleiche gedankliche Move, durch den das Quadrathirn des SPIEGEL-Journalisten Matthias Matussek neulich das Konzept von Kurt Krömers frecher Schnauze nicht blickte und tatsächlich klagte: Eben Matusseks Totalverblendung dessen, in welchen kommunikativen Rahmen er sich bewegt.

Und da sagt dann ein Freund von mir ernsthaft: „Nein, die PARTEI würde ich nicht wählen, die wollen ja die Mauer wieder aufbauen. Das finde ich falsch.“

Satire ist kein Klamauk

Die erste Position macht Die PARTEI zur reinen Spaßpartei, die zweite behandelt ihr Programm wie ein sozialdemokratisches Grundsatzpapier, also in Ansätzen ernst zu nehmen – und zwar so unsubtil, wie es da schwarz auf weiß geschrieben steht. Beide Standpunkte belegen den engen Rahmen, in dem sich unser politisches Denken bewegt. Aus beiden folgt: Die PARTEI ist unwählbar.

Doch sie ist es nicht.

Eben jener Freund von oben fragte dann auch, ob die PARTEI-Genossen Realpolitik machen würden, wenn sie denn in den Parlamenten landen, also „ernsthaft“ regieren oder ihre Quatsch-Forderungen wahr machen würden. Dabei hat er eins nicht verstanden: Satire selbst ist kein Klamauk, sondern im Kern sehr, sehr wahr und ernst – viel mehr als die verklausulierte echte Politik. Eben weil sie das Eigentliche trifft.

Würden Martin Sonneborn, Heinz Strunk und Mark Benecke in den Bundestag einziehen, wäre das nicht nur witzig und würde die arrivierten Berufspolitiker aufmischen. Es würde – und das schreibe ich hier in vollkommenem Ernst – einen wertvollen Beitrag für unsere Demokratie leisten.

Nicht, weil die Spaßvögel dann auch Kärtchen heben können, Gesetze beeinflussen, demagogische Reden halten. Sondern weil in ihrer Gegenwart 600 Abgeordnete nicht mehr so handeln und debattieren könnten, wie sie es sonst tun: als eitle Staatsmanager, die ausschließlich mit sich selbst oder dem Wohl ihrer Partei beschäftigt sind, deren Reden man lesen kann, bevor sie gehalten werden. Aber nicht als gewählte Volksvertreter, die das Parlament noch ohne Zynismus als Diskursraum sehen.

Die Politik braucht Clowns

Gute Satire hingegen überspitzt, irritiert und trifft ins Mark; ihr kann man nicht ausweichen, es gibt keine diplomatischen Antworten, keine Ausfluchten, keine Worthülsen mehr. Wenn Die PARTEI im Parlament sitzt, dann müssen sich die Etablierten demaskieren, bevor es die Satiriker tun. Die satirische Entlarvung des Politikbetriebs ist ein Dienst, welchen die PARTEI-Genossen für die Bundesrepublik leisten würden, und wenn die Wähler sie dazu demokratisch legitimieren können, dann bitte.

Die PARTEI ist nicht immer originell, und viele Mitglieder eifern äußerst unlustig ihrem Vorsitzenden Martin Sonneborn nach. Doch sie würden die Scripted Reality der Bundestagsdebatten sprengen und dafür das politische Kleinhirn der Bundesrepublik aufpumpen. In ihrer misslichen Lage kann Verunsicherung der Politik nur helfen. Sie braucht Clowns. Denn Satire ist weder Spaß noch wortwörtlich zu nehmen, sondern schwierige, harte Arbeit. Wie guter Journalismus offenbart sie Missstände, klärt auf. Sie muss und kann nur ernster sein als das echte Leben. Und genau so wenig albern ist es, für Die PARTEI sein Kreuzchen zu machen.

*Partei für Arbeit, Rechtsstaat, Tierschutz, Elitenförderung und basisdemokratische Initiative, gegründet 2004 von Redakteuren des Satire-Magazins Titanic.


Kommentare

DavidAm 19. September 2013

... und wenn Satire, so wie sie DIE PARTEI anwendet, einfach wäre, müsste dann nicht bei jedem, der ihr das vorwirft, auch der Groschen fallen: Mensch, wenn das so einfach ist, sich über die aufgeblasenen Hanswürste im Parlament lustig zu machen, ihnen die Absurdität vieler ihrer Forderungen etc. vor Augen zu führen, so erkennt man doch genau daran, wie schlicht die "Politik" ist, die sie bislang postulierten!

Aus irgendeinem Grund kommt es aber soweit nicht. Ich vermute mal, das liegt ganz einfach daran, dass zu viele Menschen der Meinung sind, unsere "Volks"vertreter seien unantastbar. Nicht nur der Immunität wegen, die ihnen verliehen wird, sondern auch hinsichtlich Widerspruchs in jeglicher hinsicht – die sind ja schließlich studiert, haben einen Doktor, machen das ja schon jahrelang (ja leider, eben!!), die müssen doch wissen, wovon sie reden, wenn sie sagen, dass es so ganz und gar nicht ginge, andersrum aber schon, auch wenns zum Leidwesen des gemeinen Pöbels ist.