TONIC ist umgezogen! Hier gehts zur neuen Seite.
Für *Virtuosen

„Musik ist eine Frage des Lebenstempos“

4. Juli 2013
Von Moritz Eckert

Moritz ist Autor bei TONIC

Texte von Moritz
[email protected]

Moritz Eckert

Du hast vorhin von einer Hemmschwelle gesprochen, die vor einer Oper überwunden werden muss und vor einem Rock-Konzert nicht. Was genau macht diese Hemmschwelle aus?

Joel: Wenn man vor einem Opernhaus steht, denkt man häufig: Oh, äh, nein. Es herrscht einfach eine angespannte Atmosphäre. Viele haben Angst, dass sie sich schlecht benehmen könnten. Dabei kann man heute in jedem Outfit in die Oper gehen. Ich erwische mich aber selbst auch dabei: Letztens war ich unterwegs, wollte abends in die Oper und dachte: Oh nein, du hast kein Kleid an. Dabei ist das Quatsch.

Heesen: Dabei ist es so einfach, diese Hemmschwelle abzubauen. In vielen Konzerthäusern finden mittlerweile Konzerte mit elektronischer Musik statt. Dadurch wird dieser Ort auf eine gewisse Weise entmystifiziert.

Marie-Helen, ist Paul Potts ein guter Opernsänger?

Joel (lacht): Eigentlich ist es ja egal, ob er das ist oder nicht. Er hat sehr positive Auswirkungen auf unser Opernhaus gehabt. Wenn Paul Potts Nessun Dorma singt, kommen die Leute dann in Turandot, um diese Arie auch einmal live zu hören.

Thomas Quasthoff hat im Interview mit der Wirtschaftswoche gesagt, dass er von Andrea Bocellis Musik Pickel bekommen würde, Kurt Masur untersagte es einem Orchestermusiker angeblich, in einer Jazzband zu spielen. Sind Vertretern der Klassik arrogant?

Joel: Ich kenne in der Oper einige, die stolz darauf sind, noch nie ein Musical gehört zu haben. Dabei sollte man doch möglichst viel Verschiedenes kennenlernen wollen. Das verstehe ich auch unter musikalischer Bildung. Es ist nicht so wichtig, das Geburtsjahr Mozarts zu kennen. Musikalische Bildung hat nichts mit Jahreszahlen zu tun, sondern damit, zuzuhören und sich ein Urteil zu bilden.

Jacob: Die wenigsten Musiker sind so engstirnig. Ich habe letztens in einer Plattensammlung alte Aufnahmen von André Rieu gefunden – der hat sich früher sehr intensiv mit der Alten Musik beschäftigt, bevor er beschlossen hat, von allen gemocht zu werden.

Andreas Jacob. "Lehrer sind keine blühenden Identifikationsfiguren."

Andreas Jacob. "Lehrer sind keine blühenden Identifikationsfiguren."

Max und Kai, habt ihr das Gefühl, manchmal von Seiten der Klassiker belächelt zu werden?

Heesen: Die "Klassiker" und wir laufen uns gar nicht erst über den Weg, es gibt keine Berührungspunkte zwischen uns. Also können wir uns auch nicht von ihnen belächelt fühlen.

Shanghai: Aber bei beiden geht's um Leidenschaft und Business, also sind wir gar nicht so verschieden.

Joel: Habt ihr nicht eigentlich auch das Problem, dass euch das Publikum abwandert? Eure Hörer werden doch auch älter…

Shanghai: Wir freuen uns über ältere Gäste, bei Crossover-Sachen sind häufig welche da. Bei uns sind die Uhrzeiten das größere Problem. Wenn um zwei Uhr nachts dann der Act auf der Bühne steht, sind die meisten Leute schon im Bett.

Heesen: Um noch einmal zur Frage zurück zu kommen: Belächelt fühle ich mich gar nicht. Wenn ich tatsächlich mal mit Leuten aus dem Klassik-Bereich zusammenarbeite, fühle ich mich absolut auf Augenhöhe. Klar, das sind Menschen, die sich das ausgesucht haben und an einer Zusammenarbeit interessiert sind. Aber trotzdem ist der Respekt da. Sonderlich viele Streitfelder gibt es auch nicht. Wenn sowohl Opern, Konzerthäuser als auch Clubs um dieselben Subventionstöpfe kämpfen würden, sähe das sicher anders aus.

Joel: Wenn es ums Geld geht, sind wir es, die sich oft angegriffen fühlen. Bei uns stehen nun einmal diese riesigen Summen im Raum. Es steckt allerdings auch ein Riesenapparat dahinter und wir haben einen Bildungsauftrag zu erfüllen. Mit diesem Geld versuchen wir, so viele Leute wie möglich zu erreichen.

Shanghai: Aber einen kulturellen Auftrag haben wir auch. Insofern sollte man uns von politischer Seite mehr entgegenkommen. Auch in Sachen Vergnügungssteuer und GEMA. Auf der anderen Seite ist es besser, wenn man machen kann, was man will, und niemandem in dem Maße Rechenschaft schuldig ist.

Joel: Wir reden hier übrigens die ganze Zeit über die Unterschiede zwischen Musikgenres. Ich halte das für eher unwichtig. Man sollte eher zwischen guter und schlechter Musik unterscheiden.

Was ist für dich schlechte Musik?

Joel: Stücke mit schlechtem dramaturgischem Aufbau, Formlosigkeit und dergleichen. Es gibt gewiss auch schlechte Opernmusik.

Heesen: Man kann immer gutes von schlechtem Handwerk unterscheiden. Die interessantere Frage ist, ob der Trash nicht auch seine Daseinsberechtigung hat.


«Seite  1  2

Weiterlesen

Texte, die dich auch interessieren könnten.

Kommentare

Noch keine Kommentare vorhanden.