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„Musik ist eine Frage des Lebenstempos“

4. Juli 2013
Von Moritz Eckert

Moritz ist Autor bei TONIC

Texte von Moritz
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Moritz Eckert

In Deutschland gibt es über achtzig Opernhäuser. Über achtzig ist auch der gefühlte Altersdurchschnitt ihrer Besucher. Hat die Jugend ein Problem mit der Klassik oder die Klassik ein Problem mit der Jugend? Und wie ist es um die Beziehung zwischen "Klassikern" und Popmusikern bestellt? TONIC bat eine Opernsängerin, einen DJ, einen Musikprofessor und einen Club-Besitzer an einen Tisch.

Marie-Helen Joel (50) ist Sängerin am Aalto-Musiktheater Essen. Seit 2011 leitet sie hier außerdem die Theaterpädagogik.

Andreas Jacob (45) ist Professor für Musikwissenschaft an der Folkwang-Uni Essen, zuvor lehrte er in Münster und Potsdam.

Kay Shanghai (34) ist Betreiber des Hotel Shanghai, einem Club in der Essener Innenstadt.

Max Heesen (29), in der Musikszene bekannt als Langenberg und brett.pitch, ist Resident-DJ im Hotel Shanghai und studiert Musikwissenschaft an der Humboldt-Uni Berlin.

Marie-Helen Joel, werden die Opernhäuser bald leer sein, weil ihr Publikum dann tot ist?

Joel: Das glaube ich nicht. Das alte Publikum haben wir und das junge Publikum haben wir auch. Die Lücke klafft eher in der Gruppe der 40- bis 65-Jährigen.

Habt ihr selbst in eurer Jugend viel Klassik gehört?

Shanghai: Nein, aber Musicals! Wenn ich heute Klassik höre, suche ich mir bestimmte Sachen aus, die mich auf irgendeine Art berühren und interessieren.

Max Heesen (links) und Kay Shanghai (rechts). "Wir haben auch einen kulturellen Auftrag."

Max Heesen (links) und Kay Shanghai (rechts). "Wir haben auch einen kulturellen Auftrag."

Joel: Ich habe mit fünf Jahren Klavierunterricht bekommen, später dann Geige gelernt. Ab und an war ich auch in der Oper. In der Pubertät wäre ich freiwillig allerdings nie dahin gegangen. Erst als ich merkte, was meine eigene Stimme hergibt, hat mich die Oper wieder interessiert.

Heesen: Als Kind habe ich gern Klavier gespielt. In der Pubertät wurde es immer weniger, irgendwann hörte ich ganz auf. Gehört wurde bei uns zuhause Klassik und Jazz. In der Schule gar nicht; da haben sie dich höchstens gezwungen Les Miserables anzugucken.

Ist der Musikunterricht in der Schule ein geeigneter Weg, um Jugendliche für die Klassik zu begeistern?

Jacob: Der Musikunterricht ist nicht zu unterschätzen, weil er eine hervorragende Möglichkeit bietet, den Schülern die große Vielfalt von Musik zu zeigen.

Ich spreche jetzt mal aus eigener Erfahrung: Wenn ich bei mir in der 7. Klasse im Musikunterricht saß, sah ich da eine Lehrerin, die eine Videokassette in den Recorder schob, wir schauten dann die Aufnahme von einem klassischen Konzert und die Lehrerin sagte: Das ist jetzt Kunst, das ist was Tolles! Tritt durch diesen Druck möglicherweise eine Abwehrhaltung auf?

Jacob: Bestimmt. Gerade während der Pubertät orientieren sich Jugendliche an Vorbildern. Dass der Lehrer dann für den 15-Jährigen nicht die blühende Identifikationsfigur darstellt – das kennen wir alle.

Marie-Helen, du hast erzählt, du würdest im Opernhaus auch vielen jungen Menschen begegnen.

Joel: Neben meinen solistischen Aufgaben habe ich um die hundert Veranstaltungen für junges Publikum, da sitzen dann am Vormittag um die 240 Kinder. Die Nachfrage ist da. Auch bei Projekten, die nicht während der Unterrichtszeit stattfinden. Wenn wir mit einer Veranstaltung gezielt Kinder und Jugendliche ansprechen, kommen sie auch – sogar freiwillig.

Marie-Helen Joel. "Es ist nicht so wichtig, das Geburtsjahr Mozarts zu kennen."

Marie-Helen Joel. "Es ist nicht so wichtig, das Geburtsjahr Mozarts zu kennen."

Jacob: Aber das sind ja andere Formate. Bei einer Konzertpublikumsstudie hat man einfach mal bei allen Veranstaltungsformaten durchgezählt, wie alt welches Publikum ist. Und dabei kam dann heraus, dass der durchschnittliche Opernhörer über 70 Jahre alt ist.

Joel: Natürlich ist für junge Leute die Hemmschwelle, eine Oper zu besuchen, viel größer als bei einem Rock-Konzert. Aber grundsätzlich finde ich nicht, dass wir unterbesetzt sind mit jungem Publikum. Es gibt Klassiker wie die Zauberflöte, wo auch viele ganz Junge da sind. Außerdem gibt es einfach diese Phasen in der Entwicklung, während der diese Art von Musik einfach nicht ins Lebenstempo passt. Wenn zum Beispiel bei einem Konzert die zweiten Sätze kamen, war das für mich früher manchmal zu langweilig. Heute ist das für mich ein Ruhepunkt, den ich – anders als mit 18 Jahren – auch genießen kann.

Also findet man den Zugang zur Klassik eher im höheren Alter?

Joel: Ich würde das gar nicht am Alter festmachen. Jeder Mensch hat unterschiedliche Lebensphasen. Ich entscheide nicht einmal für den Rest meiner Tage, welche Musik ich hören möchte, sondern schaue, welche Musik in den jeweiligen Lebensabschnitt passt.

Macht schlechte Musik Pickel?
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