TONIC ist umgezogen! Hier gehts zur neuen Seite.
Für *Türken

Ich bin euer Diener, nicht euer Meister

5. Juni 2013
Von Claudia Flach

Aus vielen Ländern kommt Unterstützung, Fotos von Menschengruppen mit Plakaten wie "Her yer Taksim, her her direniş" – überall ist Taksim, überall ist Widerstand. Das ist einer der türkischen Twittertrends und Motto der Demonstranten. Die Stimmung auf Twitter ist aufgebracht, Rücktrittsforderungen an Erdoğan werden laut. Die türkischen Fernsehsender berichten über das, was sich da seit Tagen abspielt, nur am Rande. Aus Angst vor Repressionen, zumal die türkische Medienlandschaft auf sehr wenige Großkonzerne geschrumpft ist, zeigen sie lieber Pinguin-Dokus und Kochsendungen.

Wie alles begann: Die Polizei geht mit Wasserwerfern und Tränengas gegen friedliche Demonstranten vor.

Wie alles begann: Die Polizei geht mit Wasserwerfern und Tränengas gegen friedliche Demonstranten vor.

Wer keinen Zugang zum Internet hat, der muss sich auf Gerüchte verlassen oder mit Bekannten vor Ort telefonieren. Um den Druck auf Erdoğan zu erhöhen, bitten die Demonstranten via Twitter die internationalen Medien um Berichterstattung. Denn solange die Menschen nicht informiert sind, hat Erdoğan nachher mit seiner Darstellung der Dinge umso bessere Karten. Dass es in kritischen Situationen keine Berichterstattung gibt, dafür hat Erdoğan gesorgt: In fast keinem anderen Land der Welt sitzen so viele Journalisten im Gefängnis. Und den Zeitungen und Fernsehsendern, die es noch gibt, wird Korruption vorgeworfen. Trotzdem ist das Fernsehen das wichtigste Informationsmedium in der Türkei.

Rücktrittsforderungen – ausgerechnet aus Syrien

Syrien empfiehlt Erdoğan derweil zurückzutreten, weil er sein Volk terrorisiere. Oder wörtlich: "If Erdoğan is unable to pursue non-violent means, he should resign." Welche Ironie. Mein türkischer Mitbewohner hat passend dazu einen meiner Tweets geteilt: "Thanks for making us feel like home, Tayyip" schrieben syrische Flüchtlinge auf ein Pappschild.

Das ist übertrieben, ohne Frage. Assad tötet seine eigene Bevölkerung. Aber noch am Donnnerstag sagte Erdoğan: "I am not a king. I am a prime minister elected by my nation’s votes. I am your servant, not your master.” Entweder hat Erdoğan eine andere Vorstellung vom Dasein als Diener des Volkes oder ein äußert schwaches Gedächtnis.

Erdoğan ist sich seines Thrones sicher. Erstens wurde er tatsächlich 2002 demokratisch gewählt; zweitens hat er in seiner Amtszeit das Land durchaus nach vorn gebracht. Und drittens gibt es keinen ernsthaften politischen Kontrahenten. Das, was die Menschen jetzt auf die Straße gebracht hat, ist seine Selbstherrlichkeit, sein rücksichtsloses Durchdrücken eigener Projekte: Die dritte Bosporus-Brücke, der dritte Flughafen, auch einen zweiten Bosporus will er graben lassen, vom Schwarzen Meer zum Mittelmeer. Dabei steht die Stadt schon jetzt vor allem verkehrstechnisch vor einem Kollaps, und noch dazu rechnen Experten bis 2030 mit einem schweren Erdbeben (was Erdoğan nicht davon abgehalten hat, die Stadt ins Rennen um die Olympischen Spiele 2020 zu schicken).

Zwei Dinge können Erdoğan also jetzt auf die Füße fallen: die ungebremste Gewalt der Polizei, und dass der Protest von keiner politischen Gruppe vereinnahmt wurde, er also niemandem die Schuld zuschieben kann.

Der mächtigste Staatsmann seit Atatürk

Kein Mann, so schreiben die westlichen Medien einhellig, war in der Türkei je so mächtig wie er. Abgesehen von Staatsgründer Mustafa Kemal natürlich, der später den Ehrennamen Atatürk erhielt: Vater der Türken. In Istanbul begegnet man seinem Gesicht wortwörtlich alle paar Meter. Atatürk ist Nationalheld. Und Erdoğan verspottet ihn als Säufer. Wie überhaupt jeder, der Alkohol trinkt, für ihn ein Alkoholiker ist. Erdoğan ermöglicht stattdessen, dass Kinder noch früher zur Koranschule gehen können und lässt ganze Stadtviertel plattwalzen, wenn es seiner Idee von Stadtplanung entgegen kommt – zumal, wenn dabei Platz wird für eine Großmoschee. Die Türken werfen ihm Islamisierung ihres säkularen Landes vor – und das scheint berechtigt, erst vor kurzem wurde ein Pärchen in Ankara zurechtgewiesen, weil es sich in der Öffentlichkeit geküsst hatte. Die Reaktion der Menschen in Ankara: Ein Kuss-Flashmob.

Auf der Einkaufsstraße Istiklal gleich neben dem Taksim-Platz in Istanbul sind viele Läden demoliert worden, jetzt gibt es Fotos von Menschen mit Müllsäcken, die die Gaskartuschen aufsammeln und ihre Stadt nicht dem Chaos überlassen wollen. Weil sie keine Extremisten sind, wie Erdoğan sagt, weil sich sogar die drei sonst höchst rivalisierenden Fußballklubs dem Protest angeschlossen haben. Immer wieder lese ich Tweets, dass der Protest gewaltfrei bleiben soll, dass man auf sich und die anderen Acht geben soll.

Kein "türkischer Frühling"

Die Demonstranten beweisen trotz der Umstände Humor. Aus Erdoğans Rede, man solle "mindestens drei Kinder" haben, machten die Demonstranten "mindestens drei Bier". Aus dem Parteilogo der Regierungspartei AKP, das normalerweise eine leuchtende Glühbirne zeigt, machten sie eine Gasmaske, aus der türkischen Flagge, dem Halbmond und dem Stern, einen gekrümmten Schlagstock und eine Dose Pfefferspray. In ein Schaufenster sind zwei Tränengaskanister eingeschlagen und steckengeblieben. Jemand hat sie mit Edding zu Augen eines Smileys umfunktioniert.

Aus Schäden werden Smileys

Aus Schäden werden Smileys

An der Börse dürfte hingegen den meisten das Lachen vergangen sein: Die türkischen Kurse sind abgestützt. Erste Meldungen trudeln ein, dass Touristen aus Europa ihre Hotelbuchungen stornieren. Aber eigentlich gibt es dafür keinen Grund. Die Auseinandersetzungen in Istanbul sind zwar heftig, beschränken sich aber im Wesentlichen auf zwei, drei Stadtteile, die man als Tourist gut meiden kann, und der Großteil der Touristenattraktionen ist anderswo. Schnell kam das Schlagwort "türkischer Frühling" auf, aber in dieses Muster lässt sich Istanbul nicht pressen, das hier wird keine Revolution. Zwar hat mein Mitbewohner Timuçin gesagt, seinetwegen könne Erdoğan lieber heute als morgen die Treppe runterfallen. Praktikumsbetreuerin Merve gab ihm noch fünf Jahre Lebenszeit. Kollegin Johanna hingegen meinte, Unkraut vergeht nicht. Ich fürchte, sie hat Recht.

Aber eins haben die letzten Tage gezeigt: wie viel man mit Solidarität erreichen kann.

Die Bilder dieses Artikels stammen vom amerikanischen Blogger Aaron Stein.


«Seite  1  2

Weiterlesen

Texte, die dich auch interessieren könnten.

Kommentare

Noch keine Kommentare vorhanden.