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Für *Aktionisten

„Ich war eine von ihnen“

27. Mai 2013
Von Vinzenz Greiner

Der Bürgerkrieg in Syrien ist weit weg. Scheinbar. Doch auch in Deutschland gefährdet dieser Krieg Existenzen: Amsah Al Hafez, die seit Jahren in München lebt, engagierte sich gegen das Regime in ihrer Heimat. Damit schaffte sie sich in Syrien mächtige Feinde. Die Folge war ein rasanter sozialer Abstieg.

Wachsmalkreidene Deutschlandfarben zieren das Treppenhaus. Dunkel ist es, in den Ecken hängen Spinnenweben. Träge steigt Amsah Al Hafez (Name geändert) die schmutzigen Stufen nach oben. Sie zeigt auf einen Zettel, der sie auf Russisch, Farsi und Arabisch darum bittet, Bettwanzen sofort der Hausverwaltung zu melden. Das habe ihr Angst gemacht, als sie hier ankam, im Augsburger Asylheim in der Schülestraße. Die 35-Jährige ist eine Ausnahme in der Sammelunterkunft: Sie ist ein Flüchtling, ohne je geflohen zu sein.

München, fünf Jahre zuvor: Amsah hat gerade ihre Promotion in Nachhaltigem Ressourcenmanagement begonnen, die ihr der Lehrstuhl für Waldbau angeboten hat. Die Syrerin fühlt sich in dieser Stadt zuhause. Sie hat hier Verwandte und viele deutsche Freunde. Amsah ist glücklich.

Heute deutet sie müde lächelnd auf "ihr Reich" – einen alten Sessel in der Ecke des bunt eingerichteten Wohnzimmers, in dem ihre sieben Mitbewohnerinnen schnattern. Ein Laptop, Kopfhörer und eine Marlboro-Schachtel liegen auf dem Tischchen vor ihrem Thron, auf dem sie fast den ganzen Tag verbringt. Ihr Leben bestehe nur noch aus Facebook, Skype und E-Mail, gesteht Amsah. Die einzigen Mittel, um mit Syrien in Verbindung zu bleiben. Von ihrer Familie in Damaskus hat sie zuletzt vor einem Monat etwas gehört. "Ich weiß nicht, ob sie noch am Leben sind", sagt sie in akzentfreiem Deutsch und mit gebrochenem Blick.

"Warum ist Gott nicht da, wenn die Syrer sterben?"

Bereits 2006 ließ sie die Heimat hinter sich. Als diplomierte Umweltingenieurin hatte sie ein Vollstipendium vom Assad-Regime für ein Studium an der TU München bekommen; wegen "sehr guter Noten", wie sie stolz erklärt. Dann kam das Promotionsangebot. Eine schulbuchhafte Integrationsgeschichte.

Dann kam das Jahr 2011, das die syrische Geschichte zerschnitt und auch für Amsah eine Zäsur bedeutet. Viele ihrer Freunde seien tot, erzählt sie mit bebender Stimme. "Warum ist Gott nicht da, wenn die Syrer sterben?", fragt sie. Ihr Kopftuch hat sie vor über einem Jahr abgelegt.

Ihren Mut, anders als ihren Glauben, verlor Asmah nicht. Sie demonstrierte in München gegen Baschar al-Assad und seine Politik der blutigen Einschüchterung. Sie teilte Nachrichten und Videos über Soziale Netzwerke und organisierte von Deutschland aus Aktionen zivilen Ungehorsams in Syrien – zum Beispiel in der Nichtregierungsorganisation "Freedom Days". Einmal versetzten Mitglieder ihrer Gruppe einen Brunnen in Damaskus mit Chemikalien, die das Wasser rot verfärbten. Ein Mahnmal für all das Blut der zahllosen unschuldigen Opfer des Regimes.

Die letzte Chance: Asyl

Amsahs Engagement blieb Assads Herrschaftsapparat nicht verborgen. Freunde deuteten ihr an, sie werde als System-Gegnerin betrachtet: Ihr Name sei mehrmals dort aufgetaucht, wo er besser nicht stehen sollte…

Mitte 2011 bekam sie plötzlich kein syrisches Geld mehr auf ihr Konto. Auch die folgenden Monate nicht. Laut der Flüchtlingshilfsorganisation Pro Asyl eine gängige Praxis. Amsah ist sich sicher: Das Syrien Aassads will keine Feindin mehr finanzieren.

Syrische Studenten in Deutschland sind auf Stipendien angewiesen, denn sie bekommen keine Arbeitserlaubnis. Amsah umschließt ihre beiden Arme und reibt an ihnen – so habe sie den Winter ohne teures Heizöl überstanden. Finanziell am Ende, ergriff Amsah schließlich ihre "letzte Chance": Am 17. Juli 2012 beantragte sie Asyl bei der Außenstelle des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) in München. Ende September, einige Tage nach einer Videoanhörung, bekam sie ein Zugticket nach Augsburg. Das klobige Flüchtlingsheim in der Schülestraße musste sie selber finden.

Wenn der Geist verdurstet

In dem Haus mit etwa 160 Flüchtlingen fühlt sie sich müde und isoliert. Lange schon war sie nicht mehr "wach", sie verdurstet intellektuell. Die knapp 60 Kilometer zwischen Augsburg und München trennen für Amsah zwei Welten – eine, in der sie integriert war, forschte und Freunde hatte. Und eine andere, in der sie niemanden und nichts zu tun hat, entmündigt wird. "München ist meine Heimat, ich war eine von ihnen. Hier darf ich nicht mal entscheiden, was ich essen möchte." Will sie einmal aus der Stadt fahren, braucht sie eine Erlaubnis.

Natascha Macht, Diplompädagogin in der Unterkunft, sieht die Entmündigung kritisch. "Das Leben in der Unterkunft ist wie Stillstand", so Macht. Gerade für studierte Asylbewerber sei es hier schwierig, da sie "zum Nichtstun verdammt" seien. Dennoch könne man für Fälle wir Amsah keine Ausnahme machen.

Amsah hätte München nie verlassen müssen

Dabei hätte sie München gar nicht zu verlassen brauchen. Laut BAMF werden bei der Verteilung von Flüchtlingen "persönliche und familiäre Bindungen" berücksichtigt. Die hatte Amsah in München: Cousins, Studienfreunde, das Team vom Lehrstuhl. Diese hätte man laut Werner Staritz, Beauftragter des Freistaats Bayern für die Aufnahme von Flüchtlingen, beim Asylantrag angeben können. Staritz sieht in Amsahs Akte, unter "Kontakte": nichts. Die BAMF-Stelle in München hatte Amsah nämlich nur nach Verwandten ersten Grades gefragt.

Nachfragen schiebt die Behörde den Riegel vor. "Wir sind dazu angehalten, keine Auskünfte zu erteilen", sagt ein Mitarbeiter. "Presse ist ein heißes Eisen." So lässt sich auch nicht erfahren, weshalb der zweite Anhörungstermin verschoben wurde. Amsah wartete weiter. "Ich kann nicht mehr", seufzt sie. Zwei Monate nach der Anhörung schrieb sie einen Brief. Keine Antwort. "Ich habe überlegt, in den Hungerstreik zu gehen", sagt sie. Sozialarbeiter rieten ihr davon ab.

Einige Wochen später kommt die Wendung. Amsah strahlt über das ganze Gesicht: Lange hat sie auf einen Anhörungstermin gewartet, lange hing die Entscheidung über ihren Fall in der Schwebe. Jetzt endlich kann sie aufatmen: Ihr Asylantrag wurde genehmigt.

Nun darf sich Amsah mit ganz alltäglichen Problemen herumschlagen. Der Wohnungsmarkt in München sei schrecklich, sagt sie.


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