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Für *Den Schildkrötenmann

Berthold braucht mehr Platz

12. April 2013
Von Jakob Stadler

Die Mitarbeiter der Reptilienauffangstation in München sind gefragte Experten auf ihrem Gebiet. Nur wenige wissen so viel über Exoten wie sie. Aber die Reptil-Pioniere haben ein Problem. Ihre Station ist viel zu klein. Zwischen Behördenstress und Finanzproblemen ist kein Platz für heimatlose Schildkröten und Alligatoren.

Berthold wiegt einen Zentner und ist gerade unter die Ü50-Jährigen gegangen. Er hat nicht besonders viel Bewegungsfreiheit, aber nachdem er jahrelang in einer Badewanne gelebt hat, muss ihm sein Reich größer vorkommen als es ist. Mittlerweile hat es ihn in ein Kellerzimmer in München verschlagen. Der ganze Boden ist von einem riesigen Becken bedeckt, ein Gitter teilt es in zwei Hälften. Doch auch auf seiner Seite ist Berthold nicht alleine. Er wohnt hier zusammen mit einem Kaimanen-Paar, das einmal bei einem Privatzoo gearbeitet hat, direkter Nachbar ist Fred, ein gut zwei Meter langer Mississippi-Alligator.

Berthold ist eine Geierschildkröte. Träge liegt er im Wasser, viel mehr kann er in seinem Becken sowieso nicht machen. Er wohnt seit etwa eineinhalb Jahren in der Reptilienauffangstation in München. Es ist ein leises Plätschern zu hören, als sein gigantischer Panzer die dunkle Wasseroberfläche durchbricht. Die Luft ist ungewöhnlich feucht und trägt den Geruch eines leicht modrigen Tümpels. Berthold ist hier gelandet, weil sich niemand um ihn kümmern konnte und wollte. Sein ehemaliger Besitzer versorgte ihn schlecht. Irgendwann begann seine Badewanne zu stinken. Die Nachbarn wandten sich an die Behörden, Berthold kam über einige Umwege nach München. Seine Wohnverhältnisse haben sich zwar erheblich verbessert, doch genug Platz hat er trotzdem nicht. Denn Platz ist ein Luxusgut in der Auffangstation.

Unsere Tierpfleger müssen eins besonders gut können: mit Lasten auf Leitern steigen.

Dieses Problem ist auch Markus Baur bewusst, er ist der Leiter der Station. Er selbst hat hinter seinem Schreibtisch nur einen guten Meter, dann stößt er an ein Terrarium. Seine Untermieter im Büro: Schlangen, Schildkröten, Leguane. Woanders wäre kein Platz mehr. Im Regal neben dem Schreibtisch liegt neben einigen Büchern und Unterlagen ein Schildkrötenpanzer. Baur ist Fachtierarzt für Reptilien, wegen der Arbeit in seiner Station sind er und die anderen Mitarbeiter mittlerweile anerkannte Experten, wenn es um Reptilienhaltung geht. Wenn er redet, kratzt er sich gelegentlich nachdenklich am Bart, immer dann, wenn er ein Problem anspricht.

Das kleine TONIC-Reptilienlexikon

Wird mindestens einen Meter lang: die Boa Constrictor.

Wird mindestens einen Meter lang: die Boa Constrictor.

Bild: Reptilienstation München

Seine Station gibt einfach nicht mehr her, irgendwie müssen die über 500 Tiere untergebracht werden, die nach Todesfällen der Besitzer, Zollbeschlagnahmungen oder als Fundtiere abgegeben werden. "Aber was will man machen?", sagt er. Wenn die Feuerwehr eine Wasserschildkröte aus dem Münchner Fischbrunnen rettet, könne er diese schließlich nicht ablehnen.

Die Terrarien stapeln sich, an manchen Stellen reichen sie bereits bis zur Decke. "Unsere Tierpfleger müssen eines besonders gut können", erklärt Baur: "mit Lasten auf Leitern steigen".

Das Haus in dem Berthold und seine Mitbewohner leben gehört der Ludwigs Maximilians Universität. Die ist schon seit langem nicht gerade glücklich über die Wohnung der Tiere. Denn das ganze Gebäude soll in Zukunft anders genutzt werden – alle Reptilien müssen raus. Es gibt nur keinen Ort, wo sie hinkönnten.

Dank eines Vertrags aus dem Jahr 2007, unter anderem mit dem bayerischen Wissenschaftsministerium, kann der Auffangstation nicht einfach gekündigt werden – das Ministerium ist sogar verpflichtet, einen Neubau zu bezahlen. Für diesen Neubau gibt es schon seit 2007 ein Konzept, ein Gebäude in Oberschleißheim. Die Platzprobleme würde das aber in keiner Weise lösen. Der Neubau wäre mit nur 370 m² noch kleiner als die Station in Schwabing. Baur geht davon aus, dass etwa 1500 m² nötig wären, um den Tieren genug Platz zu bieten.

Eigentlich sollten die Tiere bei ihm auch nur für kurze Zeit untergebracht werden, bis sie einen neuen Besitzer gefunden haben. Bei vielen gilt jedoch das Attribut: unvermittelbar. Besonders Riesenschlangen wie Anakondas sind Ladenhüter. Und die Riesenschildkröte Eugenia ist sogar schon seit 18 Jahren hier. Länger als einige Mitarbeiter. Großtiere werden zwar häufig an Zoos vermittelt, aber die suchen nur besonders schöne und ausgefallene Exemplare. Eugenia und ihre Mitbewohner sind dafür einfach zu gewöhnlich.

Für den Zoo sind die Tiere nicht aufregend genug

Letzten Monat wurde berichtet, dass der Circus Krone ein Gelände an der Isar kaufen möchte, um dort den eigenen Zoo hinzuverlegen. Ein Teil des Geländes soll dann der Reptilienstation zur Verfügung gestellt werden. Aber Baur ist skeptisch. Die Stallungen auf dem Gelände sind denkmalgeschützt und können deshalb nicht abgerissen werden. "Die Frage ist, wie viel kann der Circus Krone da noch draufbauen?"

Markus Strobl, Marketingleiter des Circus Krone, sieht kein Problem: "Die alten Stallungen sind ideal für unsere Pferde", erklärt er. Außerdem sei das Gelände mit 41 Hektar groß genug, um noch einiges darauf zu bauen. Wie das Projekt weitergeführt wird, liegt im Moment bei der Stadt, einen Zeitplan gibt es noch nicht.

Markus Baur wäre es jedenfalls sehr recht, wenn ein Teil seiner Tiere in einem öffentlichen Zoo besucht werden könnte. Denn neben Platz fehlt es der Station auch an Geld. Das Land Bayern unterstützt sie zwar mit etwa 250 000 Euro im Jahr, das ist aber nur die Hälfte der Jahresausgaben. Den Rest muss der Verein selbst erwirtschaften, durch Aufnahmegebühren, Spenden und das Expertenwissen der Mitarbeiter: So bieten Baur und seine Kollegen zum Beispiel Schulungen zum richtigen Umgang mit Schlangen an, unter anderem für Polizei, Feuerwehr und Bundeswehr.

Prävention wäre die Reptilien-Rettung
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