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Für *Polygamisten

Wir wollen keine Telefone sein

1. März 2013
Von Lisa Bendiek

Die Absprachen zwischen Esther, Notker, John und mir beinhalten, dass wir alle mit anderen Menschen schlafen, uns verlieben und neue Dauerbeziehungen eingehen dürfen. Eine generelle Berichtspflicht haben wir nicht vereinbart, trotzdem sprechen wir oft miteinander über die Menschen, die uns gerade faszinieren. Ich freue mich für Esther, wenn sie eine Nacht mit einer anderen verbringt. Notker hört neugierig zu, wenn ich ihm von John erzähle. Unter Polyamorie-Fans gibt es für dieses Gefühl ein eigenes Wort: Resonanzfreude. Notker ist mittlerweile der Ansicht, die Vorliebe für Poly-Beziehungen sei eine sexuelle Orientierung wie Heterosexualität. Der Unterschied ist nur, dass Polyamorie nicht der gesellschaftlichen Norm entspricht. Wer polyamor lebt, ist gezwungen, sich immer wieder als "unnormal" zu outen oder den eigenen Lebensstil zu verleugnen. Damit geht es polyamoren Menschen genauso wie allen, die nicht heterosexuell sind.

Esther wird manchmal gefragt, ob sie einen Freund hat. Meistens antwortet sie ehrlich und sagt, sie führe eine offene Beziehung mit einer Frau. So packt sie zwei Abweichungen von der Norm in einen Satz. Nicht immer läuft das glatt: "Eine polyamore Lesbe wie ich ist vielen komplett fremd. Und Frauen, die mit vielen Frauen schlafen, begegnen einem sonst nur in Pornos. Manche Männer denken dann an nichts anderes mehr als an dieses absurde Porno- Frauenbild."

"Du bist doch nicht monogam. Heißt das, du schläfst mit jedem?"

Auch ich habe einen Anbaggerversuch erlebt, der in diese Kerbe schlug. Nach einigen Bier in der Kneipe lehnte sich ein Bekannter zu mir herüber und raunte: "Hey, du bist doch nicht monogam. Heißt das eigentlich, du schläfst mit jedem?"

Immer wieder verwechseln Menschen Polyamorie mit Promiskuität. Nicht, dass an letzterer – also Sex mit vielen verschiedenen Menschen – etwas auszusetzen wäre, aber sie hat mit Polyamorie so viel zu tun wie Swinger-Clubs mit Monogamie. Polyamorie schließt Promiskuität nicht aus, aber auch nicht immer ein. Und keins von beiden Konzepten verpflichtet uns dazu, mit einem dahergelaufenen Idioten – wie dem oben zitierten – ins Bett zu hüpfen.

Ich finde es absurd, einem anderen Menschen ein Recht auf meinen Körper einzuräumen. Und Notker kann sich nicht vorstellen, sein Beziehungsdenken einer monogamen "Traumfrau" zuliebe aufzugeben. "Dann müsste ich ja dich für sie verlassen!", sagt er entsetzt. "Außerdem muss man sich die Frage umgekehrt stellen. Wenn ich mit dieser Frau keine Beziehung anfange, liegt das ja nicht nur daran, dass ich Polyamorie will. Sondern auch daran, dass ihr eine monogame Beziehung wichtiger ist als eine Beziehung mit mir."

Am nächsten Morgen weckt mich eine riesige Tasse Sojamilchkaffee unter meiner Nase. Wie immer ist Esther aufgestanden, als ich noch im Halbschlaf lag, um ihre Lieblingsdroge zuzubereiten. Sie zieht die Vorhänge zurück, das Morgenlicht flutet ins Zimmer. Zwischen zwei Schlücken stelle ich eine bedeutungsvolle Frage: "Glaubst du, Polyamorie ist eine Möglichkeit, die Welt besser zu machen?"

Spirituelle Vervollkommnung und Kapitalismuskritik

Esther nimmt mir die Tasse aus der Hand, klaut mir einen Schluck Kaffee und denkt nach. "Monogamie", sagt sie dann, "ist einer der vielen Wege, wie Menschen sich selbst und andere versklaven, ohne es zu merken. Wenn Monogamie nicht mehr alternativlos wäre, wenn auch andere Beziehungsformen als normal gelten würden, wären viele Menschen freier."

Ich klaue mir die Kaffeetasse zurück. "Freier schon, das glaube ich auch", sage ich. "Aber meinst du, das macht sie glücklicher?""Kommt drauf an", sagt Esther. "Je nachdem, wie sie mit der Freiheit umgehen." In der Poly-Community gibt es viele, die ihr Beziehungskonzept als Weg der Erlösung präsentieren. Als Strategie, die langjährige Ehe zu retten und sich trotzdem endlich wieder verlieben zu können, oder als Möglichkeit, spirituelle Vervollkommnung zu erlangen. Wieder andere nutzen Polyamorie, um ihre Kritik an kapitalistischen Besitzverhältnissen und Institutionen wie der monogamen Hetero-Ehe in die Tat umzusetzen.

"Ich bin nicht polyamor, weil ich die Welt besser machen will", sagt John. "Ich bin polyamor, weil mir das eben besser gefällt." Er denkt noch eine Weile nach und fügt hinzu: "Trotzdem würde ich sagen, dass Polyamorie politisch ist. Weil es allein dadurch, dass man es macht, Normen in Frage stellt. Es ist wie eine Demonstration, nur umgekehrt." Demonstrieren geht John aus politischen Gründen, Spaß ist dabei ein angenehmer Nebeneffekt. Polyamorie hingegen betreibt er aus persönlichen Bedürfnissen heraus, aber auch damit erzwingt er gesellschaftlichen Wandel.

Die Revolution, sofern man an sie glaubt, findet sicher nicht nur im eigenen Bett statt, auch nicht nur im Kopf oder im Herzen. Glückliche Liebe mit vielen hilft nicht gegen Klimawandel, Welthunger, Rassismus und Sexismus. Aber ganz ohne den Blick auf die persönlichen Beziehungen kommt meine Utopie auch nicht aus.

Esther bringt mich zum Mainzer Bahnhof. Wie immer bin ich wehmütig, als wir uns verabschieden. Ich weiß, dass ich sie bald wieder stark vermissen werde. Andererseits freue ich mich auf die nächsten Tage bei John in Göttingen. Esther nimmt mich in den Arm, gibt mir einen Kuss auf die Nase und sagt: "Grüß John von mir."


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Kommentare

finomenaAm 7. März 2013

Zuersteinmal schwinkt in diesem Artikel sehr viel Naivität mit. Er ist gespickt mit leeren Worthülsen wie "Freiheit" und "Utopie". Einfach mit mehreren Menschen intim zu sein, wird als total revolutionär gespriesen und als sei es mal eine ganz neue Idee, die noch keineR ausprobiert hätte.

Teilweise waren Textstellen so klischeehaft, dass ich unsicher war, ob das eine Parodie auf linke Zusammenhange, oder ein ernstgemeinter Beitrag sein soll (Veganerinnen sitzen am Lagerfeuer vor einem besetzen Haus...)

Dabei beinhaltet das Konstrukt in vielen Punkten mehr Einschränkungen und Zwänge als das freie ausleben einer Utopie. Hier wird „Halt“ mit „Zwang“ verwechselt.

Heute-hier-morgen-da, sich nicht-festlegen-wollen und immer gerade dahinspringen, wo die Sonne scheint. Vielleicht scheint bei euch (in dem Alter) noch immer die Sonne. Meint ihr ernsthaft, das sei ein Konzept für die Zeit nach dem StudentInnenleben?

Was ist, wenn man dem totalen Selbstoptimierungszwang nicht (mehr) gewachsen ist? Denn dagegen will man ja eigentilch gerade revoltieren und treibt es aber gleichzeitig gerade mit der permanenten Anforderung die coolste Alternative von den ganzen darliegenden Alternativen zu sein, gerade auf die Spitze. Um das Beispiel von "Notker" aufzunehmen, kann es dann doch mal passieren, dass man dann ganz schnell draußen ist.

Also fällt der oder die, die nicht ständig erreichbar sind (um mal in der Telefonmethaphorik zu bleiben) schnell raus aus allem und fällt ins Nichts.

Hattet ihr noch nie das Befürnis z.b. in einer Krisensituation mit einem bestimmten Menschen zu sprechen? Wie soll das gehen, wenn die Person gerade in der Weltgeschichte bei und in anderen Geschichten herumtollt? Wie sollte eine Gesellschaft möglich sein, wenn alle Beziehungen so unverbindlich wären?

Nur, weil hier mal ein paar Leute Sex mit ein paar anderen Leuten hatten, ist das weder was neues, noch in irgendeiner weise groß verändernd oder relevant. Das eigene Sexverhalten von weißen (Vermutung), jungen, previligierten (allein schon durch StudentInnenstatus) in einem Satz mit „Klimawandel, Welthunger, Rassismus und Sexismus“ zu nennen ist nachsichtig gesehen naiv, oder schlicht und einfach peinlich und anmaßend.

Es ist ähnlich revolutionär, wie IKEA-Lampen bunt zu bemalen.

Lange, intensive Beziehungen (nicht nur wie hier beschrieben auf das sexuelle beschränkt) zu führen beinhaltet für mich Halt zu bekommen und auch zu geben (dieser Punkt der Gegenseitigkeit kam auch meiner Meinung nach nicht wirklich auf. Es ging halt eigentlich nur um das egoistische oder vielleicht eher egozentrische Bedürfnis mal mit anderen Sex zu haben und das als cool und „politisch“ darzustellen).

In Phasen, die länger als 2, 3 Jahre sind und mehrere Lebensabschnitte beinhalten, kann es gut tun, zu Wissen, dass man Säulen hat, auf den man bauen kann. Ich sage ja nicht, dass sich alle Menschen monogam für den Rest ihres Lebens in Zweiersekten zusammentun sollten.

Aber den einen Partner ganz im passenden Zuge der Wegwerfgesellschaft zu entsorgen sobald es nicht die beste und schillernste Alternative ist und sich einen oder mehrere neue zuzulegen, ist für mich nicht revolutionär.

Eher finde ich es heutzutage in einer Gesellschaft mit immer mehr und mehr Möglichkeiten revolutionär, sich auch mal FÜR etwas oder in dem Kontext hier für jemanden zu entscheiden.

Mich nerven die ganzen derzeit diskutierten Generationsbegriffe, aber „Generation mabye“ ist hier perfekt portraitiert. Wie wäre es, sich mal ein bisschen gegen den (linken) Mainstream zu stellen? Ausch als Frau die Haare mal lang zu tragen (auch ohne Dreads)? So -total politisch- zu einem kompletten Menschen zu stehen und mit dieser Person eine Beziehung zu haben? Mensch komplett als Mensch. Das komplette Paket mit allen Ecken und Kanten. Allen Macken und Peinlichkeiten.

Heutzutage ist wohl alles käuflich und für priviligierte Menschen überall verfügbar. Von Luxusuhren bis zum Sex. Ich finde die Vorstellung nicht schlimm, irgendwo eine Grenze zu stecken und wenigstens in diesem kleinen Bereich die grenzenlose Maßlosigkeit nicht zuzulassen.

MikadoAm 11. März 2013

Alles in deinem Text macht mich so fürchterlich wütend. Wieso beschäftigst du dich bitte so sehr damit, wenn du es so verabscheust?

Persönlich am schlimmsen finde ich diese absolut ahnungslose und ignorante Aussage:

"... einen Partner ganz im passenden Zuge der Wegwerfgesellschaft zu entsorgen"

Ich führe nahezu "feste" Beziehungen zu zwei Männern *weil* sie so unterschiedlich sind. Keiner könnte den andern je ersetzen, und obwohl sie sich nicht kennen wissen sie das auch. Das war auch nicht immer so geplant, aber es hat sich eben ergeben, weil ich für beide viel empfinde. Und es kann sogar ganz gesund für die einzelne Beziehung sein, wenn ein Patner nicht immer wieder Kompromisse eingeht wenn er zB Hobbies, die er eigentlich nicht teilt, mitmacht "weil man das halt als Paar so macht".

Wer das als "wegwerfen" bezeichnet liegt absolut daneben.

Ich kann umgekehrt nicht verstehen, wie Menschen in zwei Jahren nacheinander fünf verschiedene "feste" Beziehungen miteinander führen können, jedesmal die "große Liebe", immer beendet weil man irgendwo was andres, zeitweilig besser erscheinendes findet.

Nein. In Beziehungen bin ich "konservativ": Ich möchte sie erhalten!

Kein Mensch ist austauschbar.

CharlyAm 10. März 2013

Wie bitte kommt man auf die Idee, es gäbe einen "linken Mainstream"?

AmmeAm 3. April 2013

Nicht dein Ernst, oder? Hast du dich mal umgeschaut?

EstherAm 10. März 2013

Ich weiß nicht wo du gelesen hast das die Personen in dem Artikel nicht sehr bewusst für einander entschieden haben, mit allen Ecken und Kanten? Genauso wenig sehe ich wieso Poly bedeuten soll, dass man nicht für einander da ist, auch in schweren Zeit. Menschen habe in der Regel auch noch Verpflichtungen ihrer Beziehung, sie sind Tochter, Studentin, Freundin usw. und vielleicht auch die Geliebte einer anderen Person. Sind sind eine eigenständige Person, mit einem eigenen Leben und nicht nur mein privater emotionaler Puffer auf den ich anspruch haben. Das sich jemand Zeit nimmt wenn jemand probleme hat, weil ihm/ihr die Person wichtig ist, ist immer eine Entscheidung. Wenn die eine Person grade nicht unterstützen kann oder will, muss mir bei jemand anderem hilfe suchen. Das ist nicht traurig sonder realistisch. Wenn ich das kann, schädigt das die Beziehung auch nicht unbedingt, weil ich mich ohne die andere Person eben nicht hilflos und schutzlos fühle und ihr dann im schlimmsten Fall meine Gefühle vorwerfe.

Entsorgt werden ist bei Poly, auch kein größeres sondern ein kleineres Problem. Wenn meine PaartnerIn festellt, dass sie irgendwas an irgendwem anders interessant findet, muss sie sich nämlich eben nicht entscheiden. Sie muss mich eben nicht wegwerfen um ihre neugir zu befriedigen. Es ist möglich jemand anderen zu lieb ohne mich ab zu werten und ab zu sägen.

Ich mag es nicht wenn andere Menschen mir sagen wo meine Genzen zu sein haben oder was das richtige Maß ist.

Poly beutet für mich nicht mabye. Es heißt nicht vielleicht, nicht einbisschen, nicht wenn ich dich dazwischen schieben kann.

Poly bedeutet für mich be, ganz mit einer anderen Person sein im hier und jetzt sein. Es bedeutet ja! Es bedeutet ich will dich für genau das was du bist! Es bedeutet das was wir mit einander und an einander haben ist mir wichtig! Und es bedeutet ich kann genau das mit mehr als einen Menschen haben! Immer wieder anders, nicht besser oder schlechter und immer wieder schön :D

Christopher GottwaldAm 13. März 2013

Vielen Dank für diesen wundervollen Artikel und den Mut, mit dem er geschrieben ist (es ist leider bei uns nicht üblich das persönliche Liebesleben, so offen mit der Welt zu teilen)! Ich verstehe nicht, warum sich Finomena anscheinend so angegriffen fühlt - Sie können doch gerne so weiterleben, wie Sie möchten! Entgegen Ihrer Annahme gibt es einige Menschen in älteren Generationen, die polyamor leben und dabei sehr verbindliche, lang anhaltende und vor allem ehrliche Beziehungen führen.

Ich selbst bin 42 und lebe seit 12 Jahren mit einer Frau polyamor: wir wohnen zusammen, erziehen Kinder, lieben andere Menschen und erleben dabei mehr Nähe als in jeder Beziehung vorher, da wir eben alles mitteilen können - auch wenn wir uns verliebt haben oder Sex mit einem anderen Menschen hatten, weil das für uns kein Trennungsgrund ist. In monogamen Beziehungen bricht die/der Partner_in, die "Säule", dann sehr schnell zusammen, und damit oft der ganze Mensch, denn sie/er war ja die einzige Säule. In den 12 Jahren sind einige Menschen zu unserem Beziehungsnetzwerk dazu gekommen, manche sind bis heute geblieben, manche sind wieder gegangen - aber nie wurde jemand "weggeworfen".

Trotzdem ist Polyamorie nicht immer einfach und führt immer wieder zu Auseinandersetzungen mit den anderen - und somit auch mit mir selbst! Und das bringt mich persönlich immer weiter auf meinem Weg - ein sehr aufregender, bunter, schöner Weg!

Viel Glück allen, die den Mut haben, ihn zu gehen!

Christopher

AlmaAm 12. März 2014

Was mich an dem Artikel stört, ist genau der linke Mainstream, von dem dort oben die Rede ist - und dass Polyamorie meist nur damit verbunden wird. Oder hat jemand schon mal einen Jungliberalen in seine polyamore Gemeinschaft aufgenommen? Polyamor = vegane Pina Colada = besetztes Haus = Sojamilch.

Das kann doch nicht stimmen.