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Für *Deine Mutter

Ich, der schwule Bastard

18. März 2013
Von Kevin Junk

"Die Ablichtung enthält 2 Randvermerk(e)/Folgebeurkundungen."

Ein knappes Telefonat mit meiner Mutter lässt mich fassungslos zurück. Sätze wie "Willst du jetzt wieder Streit anfangen?" wühlen mich auf. Meine Mutter hält den Schein auch dann noch aufrecht, als ich vorgebe, dass kein Vater in der Registration meiner Geburt verzeichnet sei. Ich lasse das Wort "Amtsgericht" und das Jahr der Verhandlung fallen, frage: "Erinnerst du dich daran?"

Ein passiv-aggressiver Unterton, Hilflosigkeit kündigt sich an. "Natürlich erinnere ich mich, es ging um die Vaterschaft. Ich war dabei!", sagt sie. Sie behauptet weiter, ihr Ehemann sei mein leiblicher Vater, bis ich ihr den Namen aus dem Randvermerk der Abschrift aus dem Geburtenregister vorlese.

"Es war ein One-Night-Stand, was soll ich dazu sagen? Ist halt passiert." Daraus will, ja, kann ich ihr keinen Vorwurf machen. Es tue ihr Leid, sagt sie, in einem Tonfall, der meine potentielle Wut vorwegnehmen will und sie in eine vorgefertigte Opferrolle drängt.

"Wir haben dich nie anders behandelt als deinen Bruder. Du bist der Sohn deines Vaters." Eine Plattitüde, die in all ihrer Erwartbarkeit doch nur den Finger in eine Wunde legt, die jetzt zumindest endlich verheilen kann. Meine Mutter warf mir in einem Streit über mein Coming-Out einmal vor, ich solle niemals vergessen, wo ich herkomme. Wo ich wirklich herkomme, weiß ich erst jetzt mit Sicherheit.

Entschuldigt hat sich meine Mutter für ihr Verhalten während meines Coming-Outs nie, schlimmer noch: Sie sagte, sie müsse sich bei mir nicht entschuldigen, denn sie sei meine Mutter. Wie soll ich jetzt mit ihr umgehen, eine Entschuldigung von ihr erwarten? Auf sie zugehen? Das zerrüttete Verhältnis zwischen uns scheint mir endgültig unrettbar. Jahrelang war ich misstrauisch, jetzt wurde mein Verdacht bestätigt. Die Vorwürfe, die ich ihr wegen meines Coming-Outs gemacht habe, kommen wir wie egoistische Lapalien vor. Und doch: Ich wurde das Gefühl nie los, ich sei anders. Vielleicht konnte meine Mutter im Laufe der Jahre besser mit meiner Homosexualität umgehen, als ich dachte. Was sie wurmte, waren Erlebnisse aus einer Zeit vor meiner bewussten Wahrnehmung, nicht, mit wem ich schlafe.

Als ich meiner Mutter am Telefon den Beweis dafür vorlese, dass sie mich jahrelang angelogen hat, befriedigt mich ihre Reaktion nicht. Doch wie hätte sie auch reagieren sollen? Sätze wie "Wir haben dich nie anders behandelt als deinen Bruder" kommen mir vor, als würde sie eine Schuld von sich weisen, die ich ihr im Gespräch noch gar nicht aufgeladen hatte. Erst durch diesen Kommentar wird mir endgültig klar: Ich bin vielleicht der Erstgeborene, aber mein Bruder ist die legitime Insel der Verbindung zwischen meinen Eltern.

Ich hatte schon lange diesen Running-Gag mit meinem Freund. Er zog mich im Scherz auf, weil ich ihn den Großteil der Zeit mit italienischer Küche bekoche. Irgendwann sagte er mir zwinkernd: "Du bist ein italienischer Macho, gefangen im Körper eines schwulen Deutschen." Realsatire, mit dem jetzigen Wissen über meine Herkunft. Die dummen Klischees, die wir in diesem Witz zusammen bedienen, sie geben mir jetzt auf eine platte Weise Halt.

Ich weiß nicht, wer der Arbeiter italienischer Staatsangehörigkeit, der meine Mutter geschwängert hat, ist. Ein Kind von Gastarbeitern vielleicht? Ich weiß nur, dass er zwei Jahre älter als meine Mutter ist, 1967 im Saarland geboren wurde. Es spielt auch keine Rolle, er interessiert mich (noch) nicht. Mann, Hund und Freunde: Sie sind meine Familie. Loyal, auch ohne Blutsverwandtschaft. Aber es tut gut, zu wissen, dass ich aus einer Familie verbannt wurde, zu der ich – zumindest genetisch – nie ganz gehört habe. Das macht die Sache ein bisschen weniger drastisch. Wie wohl mein leiblicher Vater auf mein Coming-Out reagiert hätte? Vielleicht verständnisvoller. Aber es ist mir momentan egal.


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Kommentare

JeffAm 19. März 2013

Ich bin verstört. Was ist nur los mit dir, Herr Autor? Dein Text hat einige Passagen, beispielsweise derTeil über das Telefonat mit deiner Mutter, die ich richtig gut und intensiv finde. Hier geschieht etwas, hier passt dein übermäßig adjektivistischer Stil (...) zum Inhalt, du analysierst messerscharf und schaust hinter ihre scheinheiligen Aussagen. Aber der ganze Rest? Was ist das für ein Text? Soll ich dich beweinen, weil deine Kindheit schwierig war? Ist das ein "Das musste mal gesagt werden von einem schwulen der auch noch belogen wurde"-Text? Soll ich als Leser erkennen, das anders sein in der Gesellschaft nicht einfach ist? Oder soll ich viel mehr in Unverständnis verfallen weil du von zeitgenössicher Biologie keine Ahnung hast und Prägung und Verhalten komplett für "genetische Veranlagung" vergisst? Ich verstehe auch nicht wie ein Vermerk aus einem Teil deines Lebens, den du überhaupt nicht miterlebt hast, mit einem Mal, abgesehen von der jahrelangen Lüge, alles ändert. Da passen die Puzzleteile mit einem Mal alle zusammen. Ich selbst esse gerne asiatisch und koche indisch. Die Filme die sich sehe sind amerikanisch. In der Pubertät war es schwierig mit meinen Eltern. Sollte ich meine Geburtsurkunde checken?

MarieAm 19. März 2013

Stimmt, die analysierenden Passagen sind toll! Aber ich finde auch die anderen Textteile wichtig und die Frage berechtigt: Hätte der nicht-leibliche Vater auch so heftig auf das "Anderssein" seine Sohnes reagiert, wenn es sein leibliches Kind gewesen wäre? Ist das die Erklärung für sein Verhalten - oder zumindest eine Erklärung, mit der der Autor leben kann? Ich habe zumindest nicht das Gefühl, das er bemitliedet werden will, sondern, dass er wütend ist.