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Für *Deine Mutter

Ich, der schwule Bastard

18. März 2013
Von Kevin Junk

Dass er anders als seine restliche Familie ist, hat Kevin Junk schon früh gemerkt. Den Beweis dafür hält er erst Jahre später in den Händen: seine Geburtsurkunde.

Am 01. März 2013 öffne ich der Postbotin mit shampoonierten Haaren und mit klischiert drapiertem Handtuch um die Hüfte die Tür, weil ich ein Einschreiben erwarte. Ich warte auf eine Abschrift aus dem Geburtenregister, damit ich mit meinem Partner eine Lebenspartnerschaft eingehen kann. Wir verlobten uns, zunächst entgegen meiner politischen Überzeugung, weil seine türkisch-bulgarische Staatsbürgerschaft den Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt erschwert. Ich wusste zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass nicht nur mein Partner einen gutgemischten Genpool mitbringt.

"Vater des Kindes ist der Arbeiter XXX, italienischer Staatsangehöriger..."

Ziemlich genau 24 Jahre lang dachte ich, meine Eltern hätten sich in den späten 80ern kennengelernt, meine Mutter sei schwanger geworden und irgendwann sei ich dann mit meiner Mutter zu meinem Vater gezogen, sie heirateten wegen der Bundeswehr. Ich war der festen Überzeugung, die Nase in meinem Gesicht sei der untrügliche Beweis für die genetische Beziehung zu meinem Vater. Ich war mir sicher, meine lockigen Haaren würden früh grau werden, so wie seine, ich würde so viel Naschen, weil er so viel nascht, sei manchmal cholerisch, weil es eben in den väterlichen Genen liegt. Ich bin einer ganzen Armee von kleinen Biologismen auf den Leim gegangen. Kausalitätsknoten. Meine Großmutter väterlicherseits war immer verwundert über meine Haare. Schön waren sie, das wollte sie nicht leugnen. Aber woher kämen die denn – die habe doch sonst niemand in der Familie?

"Seine Vaterschaft wurde durch Urteil des AG St. Wendel vom 05. November 1990 festgestellt."

Wer genau mein Vater ist, war scheinbar bis ich ein Jahr alt war nicht klar. Dann erklärte das Amtsgericht in St. Wendel den unbekannten italienischen Staatsangehörigen dazu. Im Februar 1991 wird die Vaterschaft handschriftlich und fein-bürokratisch-säuberlich im Geburtenbuch vermerkt. 1992 heiraten meine Eltern.

"Die Mutter und ihr Ehemann haben dem Kinde mit Wirkung vom 27.04.1992 den Ehenamen Junk erteilt."

Die Beziehung zu meinem Vater war nie einfach, es war immer ein Fremdeln zwischen uns. So richtig zusammenpassen wollten wir nicht. In meiner Kindheit tendierte er dazu, mich grundlos zu verprügeln. Nicht die Art von Verprügeln, durch die man jemanden bestraft, um ihm eine Lektion zu erteilen. Es war mehr ein hilfloser Akt der Selbstermächtigung. Ein wildes, aber nicht zu hartes, schlichtes und hysterisches Drauflosschlagen. Die verzweifelte Wut, die ihm dabei ins Gesicht geschrieben stand, hat sich in mein Gedächtnis gebrannt. Meine Mutter versuchte einzugreifen, doch ihre Art ihn zu beschwichtigen erscheint mir im Nachhinein seltsam. Es war, als wolle sie mich beschützen und gleichzeitig jeden Fausthieb, der auf meinen Körper prallte, fühlen und in einem masochistischen Akt der Empathie selbst aushalten müssen.

Es fällt mir schwer, traurig zu sein – geschockt bin ich auch nicht. Als ich die Kopie aus dem Geburtenregister in der Hand halte, habe ich vielmehr ein Prickeln im Körper. Ich hatte gewusst, dass etwas nicht stimmte. Im Kommunionsunterricht hatten wir in das Taufregister der Gemeinde schnüffeln dürfen, mein Name war nicht aufgeführt. Ich war verwirrt, die Gemeindemitarbeiterin geschockt. Die Lösung lag jedoch nur wenige Kilometer weiter, in einem anderen Pfarrhaus, in einem anderen Geburtenregister. Ich war schlichtweg in einer anderen Kirche getauft worden, in der Gemeinde meiner Mutter. Warum?

Ich war schon immer misstrauisch. Als Kind durchsuchte ich oft die offiziellen Dokumente meiner Eltern. Was trieb mich an? Verklären sich meine Erinnerungen jetzt? Will ich mir jetzt eine Perspektive auf meine Kindheit zulegen, die mich davor beschützt, zusammen zu brechen? Wohl kaum.

"Beglaubigte Belichtung aus dem Geburtenbuch des Standesamts"

Es hat Klick gemacht, als ich den Namen des Mannes auf der Kopie aus dem Geburtenbuch las – nicht Krach. Als würde jemand die Fugen meiner Identität mit einer langsam aushärtenden Masse füllen, als würde ich Stabilität finden.

Wenn eine Familie, wer auch immer eingeweiht ist und wer nicht, ein Geheimnis hütet, dann strahlt sie das aus. Ich hatte immer das Gefühl, etwas stimme nicht. Es gab diese latente Unsicherheit, dieses Gefühl von: da ist mehr, es gibt ein Geheimnis. Die Matrix meiner Kindheit hatte einen Fehler, die Simulation der heilen Familienwelt zu viele Risse. Und doch: Familienbilder aus der Zeit vor der Geburt meines jüngeren Bruders kommen mir jetzt anders vor. Sie zeigen eine wagemutige kleine Familie, eine in ihrer Konstellation nur teils durch Blutbande verwobene Gemeinschaft. Die Geburt meines Bruders sollte alles verändern. Die Gleichung zwischen uns dreien ging nicht mehr auf.

Mit dreizehn drängten mich meine Eltern zu einem Coming-Out, aus dem Riss zwischen uns wurde ein nicht zu überbrückender Graben. Der Satz "Wir haben Angst, dass du schwul bist" war meine familiäre Verurteilung ins moralische Exil. Ich wurde ausgeschrieben aus der Familienordnung der Dinge, mein Begehren, ausgedrückt durch eine massive Sammlung von Boyband-Postern an meiner Wand, wurde gebrandmarkt. Mein Vater fühlte sich hilflos, seine Reaktion: "Kann man das therapieren?" Meine Reaktion: Fassungslosigkeit. Anstatt von Sitzungen gab es dann jahrelanges Schweigen. Er wusste, dass ich nicht sein leiblicher Sohn bin, hat er deswegen so verständnislos reagiert? Angst, etwas in der Erziehung falsch gemacht zu haben? Oder wurde ich zum kranken Bastard? Fühlte meine Mutter sich schuldig? Hatten beide Angst vor den "anderen Leuten" nun doch bloßgestellt zu werden, nachdem sie das Geheimnis um meine Zeugung so lange versteckt halten konnten?

Meine Mutter sagt, sie müsse sich nicht bei mir entschuldigen
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Kommentare

JeffAm 19. März 2013

Ich bin verstört. Was ist nur los mit dir, Herr Autor? Dein Text hat einige Passagen, beispielsweise derTeil über das Telefonat mit deiner Mutter, die ich richtig gut und intensiv finde. Hier geschieht etwas, hier passt dein übermäßig adjektivistischer Stil (...) zum Inhalt, du analysierst messerscharf und schaust hinter ihre scheinheiligen Aussagen. Aber der ganze Rest? Was ist das für ein Text? Soll ich dich beweinen, weil deine Kindheit schwierig war? Ist das ein "Das musste mal gesagt werden von einem schwulen der auch noch belogen wurde"-Text? Soll ich als Leser erkennen, das anders sein in der Gesellschaft nicht einfach ist? Oder soll ich viel mehr in Unverständnis verfallen weil du von zeitgenössicher Biologie keine Ahnung hast und Prägung und Verhalten komplett für "genetische Veranlagung" vergisst? Ich verstehe auch nicht wie ein Vermerk aus einem Teil deines Lebens, den du überhaupt nicht miterlebt hast, mit einem Mal, abgesehen von der jahrelangen Lüge, alles ändert. Da passen die Puzzleteile mit einem Mal alle zusammen. Ich selbst esse gerne asiatisch und koche indisch. Die Filme die sich sehe sind amerikanisch. In der Pubertät war es schwierig mit meinen Eltern. Sollte ich meine Geburtsurkunde checken?

MarieAm 19. März 2013

Stimmt, die analysierenden Passagen sind toll! Aber ich finde auch die anderen Textteile wichtig und die Frage berechtigt: Hätte der nicht-leibliche Vater auch so heftig auf das "Anderssein" seine Sohnes reagiert, wenn es sein leibliches Kind gewesen wäre? Ist das die Erklärung für sein Verhalten - oder zumindest eine Erklärung, mit der der Autor leben kann? Ich habe zumindest nicht das Gefühl, das er bemitliedet werden will, sondern, dass er wütend ist.