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Für *Teufel

Faust in Eile

18. März 2013
Von Moritz Eckert

Moritz ist Autor bei TONIC

Texte von Moritz
autor@tonic-magazin.de

Moritz Eckert

Am Schauspiel Essen bringt Regisseur Christoph Roos Faust I und II auf die Bühne – in nur drei Stunden und mit sieben Schauspielern. Kann man zwei Dramen von zusammen 12.000 Versen so herunterschmelzen, oder hat man am Ende nur einen Faust light auf der Bühne?

Der Rotsift, mit dem Regiseur Christoph Roos und sein Team den Faust bearbeitet haben, muss eine ganze Farbrolle gewesen sein. Faust I und II an einem Abend zu inszenieren – neu ist die Idee nicht: In Hamburg hat man es schon getan (Spieldauer: achteinhalb Stunden) und in Salzburg (Spieldauer: acht Stunden). Nun wird das Projekt auch in Essen gewagt. Spieldauer: drei Stunden!

Die größte Überraschung gleich vorweg: Wirklich vermissen tut man nichts. Die Inszenierung ist in sich schlüssig und keinesfalls ein Best of Faust – Das Schönste aus zwölftausend Versen. Sie wird nicht bloß auf die Bühne geschleudert, um Medieninteresse auf das Essener Theater zu lenken.

Konzentration aufs Wesentliche

Stattdessen ist es ein vollwertiger Faust. Das zentrale Motiv, Fausts Suche nach dem, was die Welt im Innersten zusammenhält, kommt ebenso zur Geltung wie der Pakt mit dem Teufel, die Liebschaften mit Gretchen (die für sie weitaus tragischer endet als für Faust) und Helena (für beide tragisch) und schließlich seine Ambitionen als Herrscher und Verwalter, die kurz vor seinem Tod dazu führen, dass er dem Leben doch noch einen Sinn abgewinnen kann: Gutes zu tun.

Nicht trotz, sondern gerade wegen der Streichungen treten die Hauptfiguren stärker in den Vordergrund: Faust als Getriebener, Mephisto als Strippenzieher und Gretchen als unschuldiges Mädchen, dass nie etwas Böses wollte und am Ende hingerichtet wird.

Auch der Verzicht auf ein bombastisches Bühnenbild rückt die Charaktere umso mehr in den Fokus. Die Handlung spielt sich auf Erdhügeln ab, einer von ihnen als Haupthandlungsort in der Bühnenmitte. Unter ihm verborgen liegt eine transparente Fläche, die später aufgerichtet wird und im Börsen-Stil die kaiserlichen Finanzen abbildet. Auf dieser kargen Bühne nun liefern die Schauspieler eine beeindruckende Leistung ab.

Eine Bühne, lauter Fäuste

Vor allem Stefan Diekmann jagt den Zuschauern als charmanter und geschmeidig-bösartiger Mephisto wohlige Schauer über die Rücken. Jan Pröhl setzt ihm als Faust vor allem Kraft und Lautstärke entgegen. Er brüllt seine Frustration ins Publikum, bricht wimmernd zusammen und begräbt Mephisto schreiend in der Bühnenerde. Dabei sind gleich mehrere Fäuste im Spiel: Im ersten Teil wird Faust zwar durch Jan Pröhl verkörpert, allerdings teilt er sich die Rolle mit vier weiteren Schauspielern, die den "inneren Faust” zeigen. Gemeinsam himmeln sie Gretchen (besonders am Ende von Faust I verzweifelt-perfekt: Laura Kiehne) an, tragen den Monolog Habe nun ach Philosophie... als Chor vor und verbuddeln eben Mephisto, als dieser Faust unerträglich wird. Im zweiten Teil dann übernehmen diese Schauspieler Nebenrollen, Faust trägt keine inneren Kämpfe mehr aus, sondern folgt seiner nun stärksten inneren Persönlichkeit: der des Teufels.

Die Leistung des Ensembles tröstet auch darüber hinweg, dass manche Szenen im zweiten Teil eher langatmig geraten sind, beispielsweise der Tod von Fausts Sohn Euphorion. Die Idee, diese Wendung als gefälligen Pop-Song darzustellen, ist zwar nett, aber nicht so gut inszeniert, dass man es dermaßen auskosten könnte.

Der Begeisterung des Premierenpublikums beim Vorhang tut das aber keinen Abbruch. Das Ensemble wird bejubelt, Stefan Diekmann gefeiert. Und auch das Kreativ-Team bekommt seinen wohlverdienten euphorischen Applaus.

Faust in drei Stunden: Mission geglückt

Termine: 31. März, 13./14./27. April 2013 im Grillo-Theater Essen


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