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Für *Nostalgiker

Raus aus dem Mahlstrom

13. Februar 2013
Von Alexander Wolff

Alexander aus Lüneburg ist Autor bei TONIC

Texte von Alexander
autor@tonic-magazin.de

Alexander Wolff

Auf den ersten Blick sieht es aus wie das Werk eines Haufens Nostalgiker: "get happy!?", ein neues Magazin für Popkultur, schreibt über tote Reggae-Stars und pensionierte Soul-Musiker, die selbst zu Aktivzeiten keiner kannte. Doch dem charmanten Heft gelingt es, wirklich Bewahrenswertes der Flüchtigkeit des Internetzeitalters zu entreißen.

Früher war alles besser! Indem ich diesen Satz aufschreibe, komme ich mir vor wie ein grantiger Greis, der die Große Depression noch miterlebt hat und sogar ihr in romantischer Verklärung etwas Gutes abringen kann. Ich möchte auch gar nicht meckern angesichts all der Vorteile des Lebens im 21. Jahrhundert. Immerhin bin ich erst 25 Jahre jung oder alt, je nach Betrachtungswinkel. In diesem Alter fehlt noch die ferne Vergangenheit, die man im Rückblick beschönigen könnte. Mit Mühe und Not kann ich mich an die Mitte der Neunzigerjahre erinnern: Da war ich schon wunschlos glücklich, wenn ich ein paar neue Legosteine zum Geburtstag bekam. Dann wurde ich älter, anspruchsvoller und unzufriedener.

Kein Cro. Dafür Bob Marley.

Früher kaufte ich, was auf dem Indie-Markt gerade angesagt war, heute rege ich mich bei jedem Festival über den fehlenden Rock'n'Roll auf. Vermutlich ist es dem Zeitgeist geschuldet, dass heute selbst die Musik elektronisch sein muss. Die Musikmagazine gieren bloß noch danach, als erste das nächste große Ding zu präsentieren. Ich flüchte mich derweil in die Musik vergangener Tage, kaufe alte Schallplatten und lese das get happy!? Magazin.

get happy!? will, so der Selbstanspruch, Literatur, Kunst, Musik und Film dem "Mahlstrom der Flüchtigkeit im Internetzeitalter" entreißen. Auf dem Cover prangt also nicht Cro, sondern Bob Marley, dessen musikalische Geschichte in der dritten Ausgabe umfassend nachgezeichnet wird. Es geht um ein vergessenes schottisches Musiklabel aus den Achtzigern (Postcard), junge Folkmusiker aus Glasgow und Nick Waterhouse, den neuen Star der Soul-Szene. Um Hitchcock-Filme und amerikanische Comedy-Serien. Und es geht, ja wirklich, um Abba.

Den letzten Schrei wollen sie nicht hören

Die Macher von get happy!? trafen sich im Forum des deutschen Rolling Stone und schufen ein zeitloses Magazin, in dem viel Liebe steckt. Obwohl das Heft nicht viel dicker als der aktuelle Musikexpress ist, steht das Dreifache drin. Es geht nicht um den letzten Schrei, sondern Dinge, die Seele haben. Dinge, die den Autoren am Herzen liegen. Und das spürt man in jeder Zeile. Die Autoren interviewen Soul-Musiker, die schon zu ihren aktiven Zeiten niemand kannte, und stellen Serien vor, die hier vermutlich nie über die Mattscheibe flimmern werden. So bietet fast jede Seite etwas Neues zum entdecken. Nein, hier steht kein großer Verlag dahinter, hier wird nicht nur auf die Steigerung der Auflage abgezielt. Hier wollten ein paar Menschen einfach ein tolles Heft machen. Für sich. Für uns, die Leser.

Wer den Mahlstrohm auch bisweilen satt hat und gerne mal aus Trubel der Jetztzeit aussteigt, dem sei get happy!? unbedingt empfohlen. Die vierte Ausgabe erscheint voraussichtlich im März.

Zu kaufen gibt es das Heft in ausgewählten Läden in Berlin, Bonn, Hamburg und Köln. Dem Internet sei Dank, kann man es auch unter gethappymag.de bestellen. Früher war eben doch nicht alles besser.


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