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Es hat sich bewährt.

10. Februar 2013
Von Fabian Stark und Jonathan Allenberg

Jonathan aus Berlin ist Fotograf bei TONIC

Texte von Jonathan
autor@tonic-magazin.de

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Das Haus Borussia ist eine Gründerzeitvilla mit Jagdhaus-Charme. Ein ausgestopfter Adler hängt im Treppenhaus, Berliner Lithografien schmücken die Wand, der Tresen, von dem nun das Bier fließt, sieht aus wie einem Brandenburger Gasthaus entwendet. Darüber hängt ein Porträt von Reichskanzler Otto von Bismarck. Halbe Brötchen mit Käse, Schinken und Salami. Wie essen die Corps? Die linke, flache Hand hält eine Serviette, die rechte Hand die Schrippe darüber. Ich empfinde mich als Rüpel, nehme mir schnell ein Papier vom Stapel – welches ich unmerklich in meiner Hand zerknittere.

Ein Adler grüßt im Treppenhaus der Borussia Berlin.

Ein Adler grüßt im Treppenhaus der Borussia Berlin.

Bild: Jonathan Allenberg/TONIC

Man wohnt zusammen, hat gemeinsame Bäder, seine Butze kann man gestalten, wie man will, man kocht in der Gemeinschaftsküche, "Ja!"-Salami und -Gouda liegen dort auf dem Herd. Wo ist der Unterschied zur WG? Hempel bringt es auf den Punkt: "In der WG nimmt einem niemand den Mantel ab." Wesentlicher scheint aber, was Lehmberg vorhin im Adlon gesagt hatte: "Man setzt sich Studienziele, und man passt gegenseitig darauf auf, dass sie eingehalten werden. Denn sich selber in den Hintern zu treten ist schwierig."

"Wer am nächsten Morgen fechten muss, kann sich abends nicht betrinken."

Hempel, Bremer, der Fotograf und ich sitzen nun an einem Tisch im Erdgeschoss, der "Kneipe". Jeder hat ein Bier in der Hand. Ab zum Pflichtthema: Saufen. Was ist dran an den Kampftrink-Ritualen, an Studenten, die sich nach jedem Bier einen Finger in den Hals stecken, um dabei nicht besoffen zu werden – Kotzen und Saufen im Wechsel, bis 60 Gläser alle sind? Bremer meint: "Das geht gar nicht. Man kann nicht Bier in Massen trinken, wenn man am nächsten Tag um 6:30 Uhr aufstehen muss und fechten üben, vor der Uni. Das erfordert Disziplin."

Hempel: "Es gibt das Ritual, dass man Schmolle trinkt, bevor man sich duzt. Da muss man ein Bier in einem Zug trinken. Aber selbst da ist es ein kleines Glas."

Erst Ende 2012 hatte sich in München ein 22-jähriger Verbindungsstudent zu Tode gesoffen, ein 150 Paragrafen schweres Reglement soll bei den geselligen Abenden der Corps – so sieht es der FOCUS – zur Trinkfestigkeit erziehen. Und auf der Jungstoilette im Keller der Borussia hängt eine bauchige Wanne an der Wand. Kein Wasch-, sondern ein Kotzbecken: der so genannte Papst. Ist der Trinkzwang dennoch Unfug?

Bremer: "Ja, so etwas gibt es bei anderen. Das ist dann aber meist ein Zeichen dafür, dass es der Verbindung schlecht geht. Und oft sind das die, welche die Mensur abgeschafft haben – die brauchen etwas anderes, über das sie sich definieren. Sie sind dann eben nicht die, die gut fechten, sondern die am meisten trinken können. Die Corps würden in so einem Fall die jeweilige Verbindung aus dem Verband werfen."

Hempel: "Damit kann man aber keine Mädchen beeindrucken. Oder nur wenige."

"WG gesucht", nicht reiche Papas: Das ist die Mitte der Gesellschaft.

Zwei Neulinge gesellen sich zu uns, ein fester, ruhiger Rotschopf und ein Schmaler mit schwarzen Haaren. Sie sind erst kürzlich im Haus eingezogen und absolvieren nun ihre Probezeit – das heißt hier: Sie sind noch Füchse. Beide sind über WG-gesucht.de auf das Haus Borussia gekommen, nicht über reiche Papas. Die Mitte der Gesellschaft also. Bevor sie sich mit WG-Castings herumschlagen müssen, nehmen sie lieber die Mensur in Kauf und zahlen dafür nur 100 Euro Miete.

Ob die beiden später vollwertige Mitglieder werden, entscheidet das Corps-Convent, basisdemokratisch. Etwa die Hälfte aller Füchse werden Corps-Studenten, sagt Bremer. Und die, die es nicht werden? "Da ist es auch etwa Hälfte-Hälfte. Entweder wir merken, die passen nicht zu uns, oder sie merken selbst, dass die Corps nichts für sie sind. Das ist dann für alle Seiten kein Problem." Doch worin die Kriterien bestehen, bleibt offen. Wohl auch, weil den Corps selbst die Worte fehlen, was für die zählt – Idealismus und Humanismus schieben sie ab auf Rotary und Lions' Club. Was wirklich wichtig ist, da sind sich alle einig, ist der "umgekehrte Generationenvertrag": Neulinge müssen der Organisation treu bleiben und später als alte Herren die jungen unterstützen können.

Erfahren kann man das wohl nur, wenn man selbst Fuchs wird, der den alten Herren, wie Hempel meinte, "auf Augenhöhe gegenübertritt" und die Tradition weiterträgt.

"Klar gibt es Elitenbewusstsein", sagte Hempel. "Aber jede Gemeinschaft will Elite sein." Und das hat sich bewährt.


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